Uhrenindustrie

Seit Menschengedenken wird versucht, die unaufhörlich verrinnende Zeit anzuhalten und wenn dies dann doch nicht gelingt, sie wenigstens zu messen und in Skalen einzuteilen. Du wirst in eine Familie hineingeboren, die Weichen sind gestellt, du kannst sie neu stellen, musst aber die ganze Gleisanlage im Auge behalten. Wenn man bedenkt, dass die Produkte, welche auf dieser Erde produziert und an die Frau oder an den Mann gebracht werden sollen, zu mindestens siebzig Prozent irgendwann, und sei es in ein paar hundert Jahren, auf einer Müllhalde landen, darf hier die Frage erlaubt sein, was will der Mensch eigentlich? Wie soll er sich die Erde untertan machen? Was braucht er eigentlich mehr als sein tägliches Brot?

Diese bösen Deutschen hatten den Krieg angezettelt und verloren. Die Siegermächte überlegten sich wohlweislich ob man ihr Land zur Öde machen, ob man die Menschen ausrotten oder gar verhungern lassen sollte. Die haben es sich doch verdient, indem sie so viel Leid über die Völker brachten, sagten die einen. Andere Stimmen regten an zu überlegen, dass man doch nicht ein ganzes Volk der Untaten ihrer Führer wegen verdammen könnte. Es kann doch nicht sein, dass ein Volk nur negativ zu glänzen weiss. Sind die nicht arbeitsam, zäh wie Leder, hart wie Krupp-Stahl, geduldig wie Mulis, diszipliniert, zielstrebig?

Mit diesen positiven Eigenschaften könnten die uns dienlich sein. Die könnten wir einspannen, die lassen wir etwas machen, was sie gut können, wir lassen die für uns schaffen. Statt den Morgentauplan in die Tat umzusetzen käme ein Marshallplan gelegen. Die spucken bestimmt in die Hände, lassen wir sie an die Arbeit, die schaffen für drei, für Wiederaufbau, Reparationszahlungen und Wiedergutmachung.

Früher schlugen die Kirchturmuhren weit hörbar die Viertel- Halb- Dreiviertel- und die vollen Stunden. Alle Menschen, die es hören wollten, hörten es und teilten ihre Arbeit und ihr Leben in Stunden ein. Die Minuten wurden untergeordnet, die Sekunden den olympischen Sportlern vorbehalten.

Uhren in Bahnhöfen wurden wichtig, danach in Rathäusern und sonstigen öffentlichen Gebäuden. Dann mussten Taschenuhren her für wichtige Leute, die keine Minute zu verschenken hatten, danach Armbanduhren für die nächste Ebene der Wichtigkeitshierarchie. Statussymbole wurden kreiert für Wohnungen, Büros und Autos. Ganz grosse und ganz kleine Luxusbefriedigerwurden auf internationalen Uhrenmessen präsentiert. Wir Deutschen befanden uns auf dem besten Weg, Selbstvertrauen zurückzuerobern, wieder wer zu sein.

Es gab Zeiten, da wurde man auf der Strasse nach der Uhrzeit gefragt. Heute kann man an allen Ecken und Enden sehen und hören, wie “spät” es ist.

Ich gehöre zur so genannten Nachkriegsgeneration, zwar noch während des 2. Weltkrieges gezeugt und auf diese Welt gekommen, jedoch die Zustände von vor dem Krieg nur aus Erzählungen und Überlieferungen kennend.

Aus frühester Kindheit sind mir noch die grossen „Amerikanerschlitten“ in Erinnerung. Höhere Offiziere der amerikanischen Besatzungsarmee fuhren diese meist schwarzen Limousinen. Ihre grossvolumigen Motoren blubberten kraftstrotzend und bewegten die nicht minder weit ausladenden Karossen den Katzenwinkel herauf um auf dem kleinen Parkplatz vor Opas Werkstatt anzuhalten. Daneben stand dann der 3-rädrige Goliath, er war das einzige Firmenfahrzeug und Privatfahrzeug zugleich. Im doppelten Boden seines Bauernhauses hatte Opa Materialien zur Uhrenherstellung und Treibstoff über den Krieg gerettet. Auch diesen Goliath hatte er unter Heu versteckt. Es war ein mühsamer Neubeginn. Über Improvisation wurde nicht nachgedacht, sie wurde überall praktiziert, egal ob in den Betrieben oder privat. In grünen Militärkanistern mit 20 l Inhalt kaufte man den Sprit, wenn es welchen gab, auf  Bedarfskarten, die nächste Tankstelle war in Villingen an der Ecke Friedhof-Güterbahnhofstrasse. Mit selbst gehacktem Holz und mit Kohle und Briketts vom Schwarzwälder Brennstoffhandel wurde geheizt. Da es meist nur um die Feuerstelle herum warm war, galt es, sich während der kalten Jahreszeit gut einzupacken. Dicke selbst gestrickte Unterwäsche und entsprechende lange Strümpfe bis zu den Zehen für die Frauen, dazu dicke Unter- und Überröcke, Pullover, Ärmelschoner und Kopftücher gehörten zur Standardausrüstung. Wollene Unterhosen mit langen Ärmeln, dazu selbst gestrickte Wollsocken, obendrauf karierte wollene Hemden und grobe Manchesterhosen, gehalten von Hosenträgern, zierten die Männerkörper. Damals konnte man noch so richtig die Ärmel hochkrempeln, heute geht das auch noch, allerdings meist nur im übertragenen Sinne.

Es ist schade, dass der Mensch immer erst alles einreissen oder zerstören muss um anschliessend wieder in die Hände zu spucken und neu zu beginnen.

Es geht aufwärts, damals wie heute eine oft gebrauchte Redewendung.

Nur wenn alle gemeinsam an dem viel zitierten Strang in dieselbe Richtung ziehen, bleibt der Erfolg nicht aus. Erfolge bringen neuen Mut und neue Ideen.

Neue Uhren-Modelle wurden als Prototypen auf Messen gezeigt, in Basel, Hannover, später auch in München. Präsenz und neue Modelle zu zeigen war fast alles, war zum Kult geworden, gekauft wurden überwiegend die alten, bewährten Stücke.

Neue Absatzmärkte kamen hinzu, hauptsächlich in Übersee, es wurde erweitert, angebaut, Leute eingestellt, neue Maschinen wurden gekauft und installiert. Abläufe in der Organisation und in der Auftragsabwicklung mussten angepasst und optimiert werden. Insgesamt erlebte die Uhrenindustrie, überwiegend in Süddeutschland, in Baden-Württemberg in der Gegend Schwarzwald-Baar-Heuberg beheimatet, einen gigantischen Aufschwung. Gemessen an der Gesamtindustrie war dieser Anteil jedoch fast vernachlässigbar klein. Doch für zigtausend Menschen in dieser Region bedeuteten diese Arbeitsplätze Arbeit und Brot für unzählige Familien. Die Löhne, welche in anderen Branchen gezahlt werden konnten, lagen für Uhrenbauer jenseits alles Möglichen. Die Autobauer schlossen damals „Haustarife“ ab.  In den ersten dreissig Aufbaujahren nach dem Krieg hatte jede Uhrenfirma ihre spezielle Sparte. Alle hatten genügend zu tun, keiner hatte es nötig, in fremden Revieren zu wildern und Marktsättigung war ein Fremdwort. Irgendwann brachte der Satz „Konkurrenz belebt das Geschäft“ Leben in die Bude der Uhrenbauer.

Gute Zeiten und schlechte Zeiten wechselten sich ab, wie im richtigen Leben.

Schlechte Zeiten überbrückte man als Zulieferer für elektrische Geräte. Unter anderem wurden Abwurfachsen für die damals legendären Plattenwechsler in Musikboxen auf Funktionstüchtigkeit kontrolliert.

Die Fertigung mechanischer Jahres-Uhren bedeutete trotz aller Rationalisierungsmassnahmen sehr viel Handarbeit, so dass sich die Lohnstückkosten und auch die Maschineneinstellzeiten nicht beliebig drücken liessen. Als treues, jahrzehntelanges Mitglied des Deutschen Uhrenindustrieverbandes hast du pünktlich deine Daten in punkto Stückzahlen, Umsätze in Ländergruppen geordnet, aufwändig bis ins Detail ermittelt, natürlich für „rein“ statistische Zwecke voller Vertrauen in die Hände und Datenbanken anständiger, seriöser Menschen geliefert. So konntest du dann als Dankeschön in regelmässigen Zeitabständen die für dich fast nichts aussagenden, kumulierten Daten der Deutschen Uhrenindustrie in Händen halten.

Das langsame, über viele Jahre sich hinziehende Sterben der echten, aber sehr empfindlichen mechanischen Jahresuhr wurde eingeläutet. Macht doch Jahresuhren mit elektronisch gesteuerten Schnellschwingerwerken, so wie eure Konkurrenten, hörten wir Kommentare unsere Kunden. Diese Uhren sind genauer, das Pendel hat keinen Einfluss auf die Ganggenauigkeit. Ganze Teilegruppen können in Kunststoff gespritzt werden, danach bedampft und die Oberfläche glänzt wie poliert. Die Masse der Endkäufer merkt das sowieso nicht, die Hauptsache ist der billige Preis. Grössere Stückzahlen mit weniger Arbeit.

Wir sprangen auf diesen bereits fahrenden Zug auf. Diese Werke kauften wir bei einem grossen Anbieter in Schramberg. Das Werkgehäuse wurde bei uns so konstruiert, dass alle drei Grössen von Uhren damit bestückbar wurden. Rein stückzahlmässig konnte der Rückgang der mechanischen Produktion ausgeglichen werden. Diese Übergangsphase mit diesen Werken dauerte nur ein paar Jahre. Dann kam die Quarz-Technologie. Als Kleinbetrieb entschlossen wir uns für ein Quarzwerk aus deutscher Produktion. Die damals dynamisch aufstrebende Firma Hechinger in Schwenningen wurde zu unserem neuen Lieferanten. Kurze, persönliche Treffen machten die Umstellung problemlos. Dazu kamen Musikwerke, die sich jede volle Stunde wahlweise zwei elektronische Melodien über einen kleinen Lautsprecher im Sockel entlocken liessen. Es klang in meinen Ohren oft wie ein rostiger Blecheimer mit Beulen rundherum. Entsprechend waren die relativ kleinen Stückzahlen und die relativ hohen Anteile an Reklamationen. Die Umsätze stiegen, die vielen neuen Modelle machten  Einkauf, Arbeitsvorbereitung und Produktion mit herkömmlichen Methoden zur „Heidenarbeit“. Gerade in dieser Zeit bereitete sich die weltbekannte Jahresuhrenfirma in Triberg auf ihr hundertjähriges Firmenjubiläum vor und speziell für dieses Ereignis sollte eine echte mechanische Jubiläums-Jahresuhr in limitierter Auflage hergestellt werden. Dieses Vorhaben liess sich nicht realisieren, da sie ihre alten Werkzeuge schon verschrottet hatten. Welche Firma ist noch in der Lage, solch ein mechanisches Werk zu fertigen. Die Suche nach einem kompetenten Lieferanten  endete bei uns. Unser Standard Werk alter Bauart war dafür geeignet. Sämtliche Werkzeuge wurden reaktiviert, wir hatten sie nicht verschrottet. Alle „Innereien“ des Jahrhundertwerkes konnten wir aus unserer laufenden Produktion bereitstellen, ohne dafür etwas investieren zu müssen. Im Nachhinein kann ich behaupten, diese Werke viel zu billig verkauft zu haben. Diese Leute wollten doch etwas von uns, nicht wir von ihnen. Statt eines angemessenen Marktpreises nahmen wir, warum auch immer, einen knapp kalkulierten Preis, gerade in einer Zeit, in welcher mehr als genügend Arbeit da war. Ende der siebziger, anfangs der achtziger Jahre lief die Uhrenindustrie auf Hochtouren. Mein Bruder und ich sahen die dringende Notwendigkeit, endlich Abschied zu nehmen von der bisherigen Auftragsabwicklung. Der kaufmännische Teil von der Angebots- und Auftragsbestätigung, von der Terminierung und Auftragsverfolgung bis zur Auslieferung mit sämtlichen dafür erforderlichen Fracht- und Zollpapieren, ausgeführt durch gewissenhafte, zuverlässige, langjährige Mitarbeiter oblag meinem Bruder. Der technische Teil mit der Arbeitsvorbereitung, der Bereitstellung von Materialien, der Rohteile und deren Weiterbearbeitung bis hin zum Fertiguhrenlager fiel in meine Zuständigkeit. Die Abteilungsleiter, alle gestandene, erfahrene Männer der ersten Stunde gaben ihr Bestes. Die vielen neuen Modelle, Stücklisten gab es auch selbst für die alten nicht, brachten eine Fülle neuer Teile mit sich. Ein halbes Jahr, nur um eine Inventur zusammen zu rechnen, um das letzte Glied in der Bilanz vom Vorjahr zu bekommen, erschien uns vorsintflutlich.

Ein Computer muss her. Wir beide waren uns im Klaren, dass es Schwierigkeiten geben würde, wenn wir damit beginnen, jahrzehntelang eingefahrene Spuren zu verlassen. Und dass so ein Projekt nicht über Nacht zu realisieren ist, war logisch. Schon bei der Suche nach Programmen für Kleinbetriebe kamen die ersten Schwierigkeiten. Diese damals am Markt angebotene Software hätte bedingt, dass wir unseren Betrieb an diese hätten anpassen müssen. Um aber selbst ins „Getriebe“ eingreifen zu können, um unser altes Teilenummernsystem beibehalten zu können und um unsere  Belegschaft mit unüberwindbar neuem „Kruscht“ nicht zu belasten, entschlossen mein Bruder und ich, ein Programm namens „Unikommerz“ zu installieren. Sehr gute Referenzen, selbst von deutschen Grossfirmen, gaben uns den nötigen Mut, eigene Programme zu erstellen, genau an unsere Bedürfnisse angepasst.

So erstanden wir ein 2-Platz-System mit Festplatte und 2 Floppy-Disk-Laufwerken, dazu ein Nadeldrucker für die Arbeitsvorbereitung und ein Typenraddrucker (Schönschreibdrucker) für den kaufmännischen Bereich.

Zunächst besuchten wir zusammen einige Programmier-Kurse bis zum gewünschten  „Klick“ in unseren Köpfen. Beseelt von der neuen Technik und unseren selbst gesteckten Zielen, richteten wir uns am grossen Schreibtisch, den unser Vater nur noch sporadisch besuchte, häuslich ein. Unsere Bildschirme standen gegenüber, wir konnten uns beim programmieren in die Augen schauen und uns jederzeit austauschen und gegenseitig helfen. Unter tags musste der normale Betriebsablauf möglichst reibungslos funktionieren. Die Feierabende und die halben Nächte, Samstage und oft auch Sonntage gehörten unserem neuen, gemeinsamen „Hobby“. Voller Elan gingen wir daran, jeder auf seinem Gebiet die Grundlagen zu erstellen, immer mit der Massgabe, die Verzahnung technischer und kaufmännischer Aspekte im Auge zu behalten. So kamen wir immer besser voran, starteten kleine Probeläufe mit fingierten virtuellen Aufträgen. So vier bis sechs Wochen waren vergangen, wir freuten uns beide über die Fortschritte unseres Tun’s, als plötzlich wie von Geisterhand alle bisherigen Daten fehlten, die ganze Arbeit der letzten Wochen war im Eimer. Datensicherung kannten wir bis dahin nur vom Hörensagen. Irgendein unsinniger, nicht mehr nachvollziehbarer Befehl lernte uns für die Zukunft, so oft wie möglich zu sichern. In meiner knappen Freizeit kreisten meine Gedanken oft noch um alte und neue Teilenummern, um Stücklisten, um Arbeitspläne, Arbeitsgänge und andere Dinge. In dieser Zeit musste meine Frau einmal den Arzt holen, als mein Kreislauf schlapp machte und mir schwindelig wurde. Seine Frage an meine Frau lautete: „Arbeitet ihr Mann am Computer“?

Mein Bruder war zu damaliger Zeit nicht verheiratet. Als Vollblutmusiker agierte er in einer Band, somit hatte er einen gewissen Ausgleich zur Arbeit. Ausserdem hielt er immer einen kurzen, aber erholsamen Mittagsschlaf.

Da unsere Aufträge zu fast 85 Prozent ins Ausland gingen, schrieb mein Bruder die Programme so detailliert, dass gleich nach der Eingabe der Aufträge die Proformarechnungen inklusiv der Anzahl der Überseekartons und deren Gewicht mitsamt den zugehörigen Fracht- und Zollpapieren ausgedruckt wurde.

Eine Schnittstelle mit der Arbeitsvorbereitung wurde einprogrammiert, um zum einen das Fertiguhrenlager mit den Aufträgen zu vergleichen, dort die produzierten bzw. verkauften Uhren abzuschreiben, die täglich produzierten Uhren zu übernehmen und die verbrauchten Teile zu überwachen. So wurde nach und nach das Bestellwesen und die Arbeitvorbereitung integriert. Damals war der Computer noch relativ langsam.

Grosse Aufträge wurden, um den Kunden einen genauen Liefertermin geben zu können, weiterhin in ein separates Programm „proforma“ eingegeben. Über Nacht liessen wir ihn dann rechnen und hatten am nächsten Morgen dann die Liste, welche Teile nachbestellt werden müssen, immer die Mindest-Lagermenge an Teilen berücksichtigt. Dann mussten noch die Lieferzeiten der Lieferanten berücksichtigt werden und anfangs noch öfters korrigiert werden. Es gab da noch einige Schwachpunkte der Zulieferer, die ihrerseits die versprochenen Termine nicht einhielten. Doch alles in allem hatten wir eine voll funktionierende EDV. Fehler im Programm anerkannten wir als eigene und konnten sie ausmerzen. „Der Computer ist schuld“, war damals eine gängige Ausrede in anderen Betrieben, wenn etwas nicht funktionierte, solche Sprüche  waren bei uns nicht zu hören. Es gelang uns, nicht ohne einen gewissen Stolz zu verspüren, die EDV an unsere speziellen Bedürfnisse angepasst zu haben, nicht umgekehrt.

So bekam jede Uhr und jedes Einzelteil seine spezielle Nummer, jede kleinste Veränderung, und sei es nur ein anderer Namenszug auf dem Zifferblatt, war ausschlaggebend. Nun bestanden Stücklisten. Blitzschnell konnten neue erstellt werden. Die alten Teilenummern erschienen auf den Arbeitsplänen, sie waren allen Mitarbeitern vertraut. Sie brauchten sich auch nicht mit den vielstelligen, durch Punkte getrennten, nichts sagenden neuen Nummern anzufreunden. Mit dieser neuen Nummerierung machte der Computer im Hintergrund seine Arbeit, und die war perfekt, wenn man die Denkfehler der Programmierer ausmerzte und die Ansprüche an die Glaubwürdigkeit und Lieferfähigkeit der Lieferanten auf ein verträgliches Mass reduzierte. Alles schien in bester Ordnung, nun konnten wir die auch noch so komplexen Aufträge, bunt gemischt aus vielen Modellen mit kleinen Stückzahlen und den verschiedenen Sonderwünschen der Kunden optimal in die Tat umgesetzt werden. Die Weichen für die Zukunft waren gestellt.

So stellte jeder Betrieb auf seine Art seine Weichen in der Hoffnung, dass nicht nur alles so weiter liefe, sondern noch viel besser.

Findige Betriebswirtschaftler fanden eine neue Methode, das Konkurrenz-Karussell in Schwung zu bringen. Die überall praktizierte Preiskalkulation nach alter Väter Vor- und Nachkriegssitte war ein Auslaufmodell geworden. Wie kann man nur verschiedene Material- Lohn- und Gemein-Kosten addieren, dann den  Prozentsatz an Gewinn, den man gerne hätte, draufschlagen und fertig wäre der Verkaufspreis. Deckungsbeitragsrechnung nannten sie das neue Modell. Diese neue, angeblich nur mit Vorteilen behaftete Denkweise wurde werbewirksam in eilends eingerichteten Seminaren der einschlägigen Institute in die Köpfe der Chefetagen etabliert. Von dort aus wurden die Arbeitsvorbereiter und Kalkulatoren losgeschickt, an solchen Schulungen teilzunehmen.

Die Deckungsbeitragsrechnung sah vor, in Ausnahmefällen auch Aufträge anzunehmen, die nach alter Kalkulations-Methode keinen oder nur wenig Gewinn versprachen. So konnte einer nach dem anderen seine Ware billiger anbieten. Einfach genial war dieses neue Instrumentarium. Nun konnten die „Insider“, versorgt mit den nötigen Daten der „Outsider“, in allen Revieren wildern, was auch kurzfristige Erfolge brachte. Ein Preiskampf auf breiter Front war die Folge. Nicht dabei bedacht wurde, dass wenn man den Konkurrenten die Preise kaputtmacht, am Ende auch die eigenen kaputt sind. Und so geschah es, dass fast jede Firma nur noch Aufträge an Land ziehen konnte, an denen kein Geld mehr oder sehr wenig verdient war. Der Slogan „so lange die Bank Geld hat, hab ich auch“ fand seine Anhänger. „Wir gehören zu den Überlebenden in der Uhrenindustrie, koste es, was es wolle“, dieser Ausspruch eines grosskopfeten Neulings im Präsidium klingelt mir heute noch in den Ohren. Da kamen wir klein karierten, biederen Arbeiteure uns vor wie der letzte Dreck. Noch konnten wir nicht klagen. Das 1981 brachte uns den höchsten Umsatz in der bis dahin 50 jährigen Firmengeschichte. Bergab mit der deutschen Grossuhrenindustrie ging es erst so richtig, als die „Grossen“ auf breiter Front begannen, den Importeuren aus Fernost mit eigenen Imitaten Paroli bieten zu wollen. Mit riesigen Bankkrediten wurde dieser Schwachsinn auch noch finanziert. Gerade die echten Jahresuhren, mit rein mechanischen Werken, wurden bis zur Unkenntlichkeit verhunzt. Der Begriff Drehpendeluhr wurde erfunden. Alles aus Kunststoff, möglichst aus einem Guss, zusammengenagelt möglichst ohne Menschen, grosse Stückzahlen, Plexiglashauben statt echte Gläser, vermarktet mit riesigem Werbeaufwand über fremde Ketten und Billigwarenhäuser, das schien die Lösung zu sein.

Der Fachhandel, jahrzehntelang hofiert, hatte nach und nach das Nachsehen.

Am Ende sollten die Importe schuld sein am Niedergang der vielen Firmen, die in unserer Region hops gingen. Anfangs der Pleitewelle glaubten auch wir, den einen oder anderen Konkurrenten los zu sein, doch es war ein falscher Glaube. Die Wirklichkeit sah anders aus. Es kamen jeweils riesige Mengen Konkursware zusätzlich auf die überfüllten Märkte, und das zu Vogelfutter-Preisen.

Unser grösster und einer der ältesten Kunden in London, an ihn lieferten wir zu Zeiten der mechanischen Jahresuhr teilweise fast die Hälfte unserer Produktion, hatte einen gewissen Vorrang in unserer Firma. Wir vergaben damals Aufträge für die Werkmontage zusätzlich an eine auswärtige Firma. Ich erinnere mich noch an meinen Vater, der oft seine ganze knappe Freizeit auf den Kopf schlug, nur damit die Liefertermine für diese Firma auf den Tag genau stimmten. Nun gab es auf einmal finanzielle Probleme in dieser englischen, hoch angesehenen Firma. Das wird sich schon geben, vielleicht ist es nur ein vorüber gehender Engpass. Abwarten, Tee trinken wie die Engländer, sich dabei in Geduld üben, diese Firma hat einen guten Namen, die hat immer pünktlich bezahlt in all den vielen Jahren. Die Firma ging Pleite, eine Nachfolgefirma wurde gegründet, sie übernahm die nicht bezahlte Ware zu einem Spottpreis, übrig blieb für uns ein Verlust in sechsstelliger Höhe. Doch das war nur der Anfang, dazu kam ein grosser Kunde in Australien, ein weiterer in Kanada, in USA und in Frankreich. Geld einzutreiben in fremden Ländern hiesse, gutes Geld schlechtem Geld hinterher zu werfen. Anderen Firmen ging es ähnlich. Die Aufträge brachen ein, ein Hauen und Stechen begann um das verbliebene „Futter“. Genau wie im Viehstall ging es zu. „Die Viecher fangen nur an der leeren Krippe an zu streiten“, sagt ein alter Spruch aus dem Schwarzwald. Über mehrere Jahre zog sich dieser Niedergang der heimischen Uhrenindustrie hin. Ich bringe es nicht fertig, diese schweren Zeiten noch einmal im Detail durchzudenken und aufzuschreiben. Ein monströses Kapitel würde entstehen und mir den kleinen Anteil restlichen Herzblutes kosten, den ich gerettet zu haben scheine. Sollten mein Bruder und ich zu der berühmt berüchtigten 3. Generation gehören, die das, was die Gründer aufgebaut, die Nachfolger ausgebaut, und wir, zunichte machen würden? Oberflächlich betrachtet mag es in manchen Köpfen solche Gedankengänge gegeben haben. Während andere Firmen ihre Bankkredite nicht mehr bedienen, die Löhne, Sozialabgaben und die Lieferanten nicht mehr zahlen konnten und fast reihenweise im Jahrestakt Konkurs anmelden mussten, gelang es uns, zwar sehr spät, die Notbremse zu ziehen. Die dabei entstandene Reibungshitze nahm mir langsam aber stetig die Luft zum Atmen. Wir nahmen Aufträge von anderen Firmen an, um die restlichen Mitarbeiter zu „beschäftigen“. Geld gab es nicht mehr zu verdienen, allenfalls handelten wir uns zusätzlichen Ärger ein. Viel Zeit steckten wir in Ideen, an uns herangetragen von fremden Branchen. Ich setzte mich wie in alten Zeiten ans Reissbrett, machte voller Euphorie die Konstruktionen und danach die funktionierenden Prototypen für mechanische Alarmanlagen, fertigte kleine Getriebe, die den Fahrtwind vorbeifahrender Fahrzeuge nutzten, sie waren zum Einbau in Strassenleitpfähle gedacht, sie wurden patentiert, mit dem Gedanken, endlich wieder Arbeit in unseren Betrieb zu bekommen. Es blieben naive Träume eines Menschen, der in der Welt der sich anbahnenden Ellenbogengesellschaft nicht zurechtfand. Ich hatte die Arbeit, andere machten ihr Geld mit meiner Arbeit, so einfach ist das. Jeder ist auf der Suche nach seinem Platz auf der Welt. In dieser Zeit habe ich meine Familie sträflich vernachlässigt. Obwohl fast nichts mehr lief im Betrieb, vor allem nichts Positives, suchten wir krampfhaft nach Überlebensstrategien für unsere kleine Firma. Viele, auch noch so kleine Strohhalme wurden ergriffen, halfen aber nicht weiter. Nun war die Zeit gekommen, die restlichen Mitarbeiter über die aussichtslose Lage  zu informieren. Meine Kehle war trocken und wie zugeschnürt. Zu Hause herrschte eine ungute Atmosphäre, das Elend blickte aus allen Winkeln. Vor allem litten die Kinder darunter, denn wenn in einer Familie längere Zeit nicht mehr gelacht wird, hält die Trostlosigkeit Einzug. Jeder hatte zu spuren und zu funktionieren, wenn nicht, ging ich gleich in die Luft. Meine Frau versuchte in liebevoller Aufopferung, unseren Kindern ein Ruhepol zu sein. In vergifteter Umgebung begegnet man körperlichen und seelischen Schwachstellen oder Sollbruchstellen. Sie sind latent vorhanden und warten nur darauf, in Erscheinung zu treten. Jede Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Unser Sohn nahm unbewusst die Schuld für die ganze Misere auf seine viel zu jungen Schultern, war damit überfordert und wurde sehr krank. Das hat mich sehr getroffen, ich fühlte mich zu recht schuldig, am Boden zerstört. Wie geht es weiter mit unserem Sohn? Was habe ich falsch gemacht? Habe ich überhaupt in meinem Leben je etwas richtig oder gar gut gemacht? Habe ich meine Talente und meine Kräfte sinnlos vergeudet, habe ich einem Phantom nachgejagt und damit die Menschen, die ich doch liebe, ins Unglück gestürzt? Nun erfuhr ich am eigenen Leib, wie es ist, wenn die nächtliche Ruhe, die dir bisher neue Kräfte verlieh, keine mehr ist, wenn du dich stundenlang wälzest im tosenden Meer deiner negativen Gedanken, wenn du dir jeden Morgen vorkommst, als wärest du als Strandgut angespült worden. Du glaubst an die Kraft positiver Gedanken, aber diese Gedanken entwischen dir wie eine nasse Seife, wenn du versuchst, sie krampfhaft festzuhalten. Irgendwann funktionierst du nur noch, hast kein Konzept mehr, kennst deine Stärken nicht mehr, bist ausgelaugt wie ein alter Putzlappen.

Die Firma köchelte auf kleiner Flamme so vor sich hin. Aufträge waren da, sie waren klein, aber sehr differenziert nach Modellen. Die Abwicklung gestaltete sich problemlos, bis eines Morgens unser Uhrmacher, ein Junggeselle, nicht mehr kam. Ihm gab ich stets einen Produktionsplan, um den er sich selbständig kümmerte. Er hatte lange Jahre weder Fehlzeiten, noch war er krank. Hatte er vielleicht verschlafen? , wäre ja menschlich. Stattdessen rief seine Mutter an: „Mein Sohn Fr… ist heute Nacht gestorben“.  Wieder krachte ein morscher Balken an meiner brüchig gewordenen Lebenshütte zu Boden. Mein Bruder, mein Vater, meine Onkels halfen mit vereinten Kräften, die bereits terminierten Aufträge pünktlich auszuliefern. Ja, unser Vater, er hatte noch so viel vor, wenn er dann mal auch tagsüber Rentner sein würde. Nachts wenn er schlief, war er es schon, nach eigenem Bekunden. Er wollte endlich seinen Garten, sein Jahrhundertwerk, wie es unsere Mutter nannte, auf Vordermann bringen, er versprach ihr seine Werkstatt aufzuräumen, seine Werkzeuge und seine Maschinen ordentlich zu platzieren. Zudem eröffnete er Mutter, öfters mit ihr auszugehen. Unsere Mutter hatte zeitlebens zu funktionieren. Urlaub war ein Begriff aus einem Fremdwörterbuch und die Samstage waren normale Arbeitstage für beide. Nur sonntags fuhren sie meist mit einem befreundeten älteren Ehepaar in den Schwarzwald und kehrten irgendwo zum Mittagessen ein. Meist folgte darauf eine Wanderung, nachdem sie einen Mittagsschlaf auf ihren mitgebrachten Liegen an einem sonnigen Plätzchen hinter sich hatten.

Die Rezession erwischte auch einen einstmals führenden Betrieb der Unterhaltungsindustrie in unserer Region. Er wurde mehrfach von ausländischen Firmen übernommen und in Teilbereiche zerschlagen. Jedes mal gingen eine Menge Arbeitsplätze verloren. Mitarbeiter in leitenden Positionen versuchten einen Neubeginn mit bewährter, stark reduzierter Mannschaft. Da die Statik unseres Gebäudes für schwere Maschinen nicht ausreichend war, mieteten sie in unserer Firma eine ganze Etage für Büro und Konstruktion an. Wir zogen uns mit der abgespeckten Form der Uhrenproduktion in die unteren Stockwerke zurück und fertigten für wenige treue und noch Geld besitzende Kunden weiter. Sammler und Liebhaber fanden uns im Internet über die eigene Homepage. Mein Bruder hatte sie erstellt. Unser Vater erlitt eines Tages zu Hause in der Küche einen leichten Herzinfarkt oder einen kleinen Schlaganfall. Meine Mutter fand ihn, er hatte sich auf sein Sofa im Wohnzimmer geschleppt. Er wurde untersucht, hatte zwar keine sichtbaren Ausfallerscheinungen,  konnte denken, reden, sich normal bewegen, auch Auto fahren. Er bekam Herzmedikamente. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends. Sein Elan war gebrochen, er sprach nicht mehr viel, und wenn, dann sagte er allen Leuten unverblümt die Wahrheit. Meine Mutter begann, sich für seine Aussprüche über Politik, Religion und sonstige schwierige Themen zu schämen. „Mit dir kann man sich nirgends mehr sehen lassen“. In relativ kurzer Zeit bekam er Wasser auf die Lunge, die Sehkraft seiner Augen liess nach. Ich nahm ihn mit zum Augenarzt, eine neue Brille brachte nichts mehr. Nun konnte er nicht mehr Auto fahren. Es folgte ein für ihn ganz und gar nicht vorteilhafter Krankenhausaufenthalt, der ihn noch zusätzlich verwirrte und belastete. „Wohin habt ihr mich gebracht, komm heute Nacht um zwölf Uhr und hole mich hier raus“, sagte er zu mir, als ich ihn besuchte. Dass er es ernst meinte, wurde mir erst später klar, als ich ihn zu Hause jeden Tag in seinem Schlafzimmer besuchte. Zum ersten Mal in meinem Leben hielt ich meinen kranken Vater im Arm. Einen „gestandenen“ Mann so schwach und hilflos zu erleben, war Neuland für mich. Mit letzter Energie, abgemagert und kraftlos hatte er sich noch eine „Himmelfahrtspritsche“ an sein Bett gezimmert. So nannte er das Holzgestell, das er fast senkrecht stellen konnte, um noch Luft zu bekommen. Unsere Mutter pflegte ihn bestens, sie selbst war gezeichnet von einer Brusttotaloperation Jahre zuvor. Der Hausarzt kam in regelmässigen Abständen vorbei, vom Krankenhaus wollte Vater nichts mehr wissen. Mit dem Dr. machte er noch seine Witze, als dieser ihn spät abends besuchte. Ein harter Tag steckte dem Doc in den Knochen, da sagte mein Vater zu ihm: „Komm leg dich in mein Bett, ruh dich aus, ich gehe derweil auf den Tanz“. Ich erinnere mich, dass mein Vater einmal einen Rausch gehabt hat in seinem fast fünfzig jährigen Eheleben, so erzählte es jedenfalls meine Mutter. Sie war sichtlich stolz auf diesen Rausch, der den Vater statt ernst und aggressiv, sanft, liebevoll und lammfromm werden liess. Wir Kinder kannten eben diesen einen berühmten Rausch nur vom Hörensagen.

In der Folgezeit raffte unser Vater sich manchmal noch auf, zog sich an und machte sich schwankenden Schrittes davon. Aufgeregt kam dann Mutter ins Büro, weil sie ihn aus den Augen verloren hatte. Weit konnte er nicht sein. Wir suchten ihn, er sass im Heizungskeller der Firma, meist kauerte er auf einem alten Stuhl, seinen Kopf in den Händen, mit den Ellenbogen aufgestützt auf einen der beiden Heizkessel. „Ich muss nachsehen, ob die Heizung richtig läuft“, gab er uns zur Antwort. Nur noch Haut und Knochen, vollgestopft mit Diuretikum, kämpfte er täglich und nächtlich gegen das aufsteigende Wasser in seiner Lunge. Er wollte nicht mehr ins Bett, seine Himmelfahrtspritsche verlegten wir in den 2. Stock auf ein Sofa. Dort verbrachte er seine letzten Tage mit Sauerstoffzufuhr. Als es ganz schlimm wurde mit seiner Atemnot, riefen wir gegen Abend nochmals den Arzt. Er kam sofort. Wir entschlossen uns schweren Herzens, Vater ins Krankenhaus zu bringen. Der Arzt half den Sanitätern, unseren Vater, auf einen Krankenstuhl geschnallt, die enge Treppe hinunter zu tragen. Danach fuhren wir hinter dem Krankenwagen her. Unterwegs hielt er an einer Feldwegeinmündung an. Von der anderen Richtung kam ein Notarzt mit Blaulicht. Dieser stieg um, es folgte eine längere Zeit bangen Wartens, dann ging es weiter ins Krankenhaus. Wir sassen und warteten. Spät in der Nacht kam ein Arzt und sagte, dass sie ihn stabilisiert hätten und wir nach Hause gehen könnten. Am nächsten Tag kam ein Anruf aus der Klinik, Vater würde es sehr schlecht gehen. Wir durften zu ihm, sein Herz schlug noch, aber sehr schwach. Ob er das Streicheln seiner Hände und unsere Worte noch mitbekam, wissen wir nicht, die Anzeigen der Monitore verloren sich nach und nach auf den Nulllinien. Vor meinem geistigen Auge lief noch einmal sein Lebensfilm ab. 1913, einen Tag vor Heiligabend in ärmliche Verhältnisse hinein geboren als erster Sohn seiner Eltern, die Kinderjahre verbracht als Hütejunge bei fremden Bauern tief im Schwarzwald, bei Wind und Wetter barfuss draussen. Die sprichwörtlichen Kuhfladen, in denen die Hütebuben ihre Füsse im Winter wärmten, waren bei ihm Tatsachen. Später lernte er den Beruf des Feinmechanikers. Eingezogen in Adolfs Armee um das restliche Europa zu befreien, nach Frankreich geschickt um den Galliern nicht nur das Fürchten zu lehren, sondern auch den Eifelturm zu erstürmen. Mehrere Jahre Kriegsgefangenschaft bekam er als Quittung für unfreiwillige Dienste für Führer, Volk und Vaterland.  Danach folgte ein Leben, geprägt von Aufbauarbeit im Betrieb, den sein Vater über den Krieg gerettet hatte. Wenn andere Männer über den Krieg sprachen, beteiligte  sich mein Vater nie. Wahrscheinlich waren es die tiefen seelischen Narben, die er mit nach Hause brachte. Andere Männer wiederholten ihre Erzählungen über ihre Kriegs-Erlebnisse immer wieder von neuem und bei jeder Gelegenheit. Den Zuhörern ging das oft auf den Wecker. Jeder musste eben auf seine Weise mit dem Erlebten fertig werden, so sprachen die einen permanent darüber, die anderen schwiegen. Pflichtbewusst war er viele Jahre im Gemeinderat tätig. Mit Leidenschaft war er Photograph und entwickelte anfangs seine Schwarz-Weiss-Bilder selbst in einer kleinen Dunkelkammer. Später drehte er Filme, zunächst schwarz-weiss, ab 1952, als mein Bruder zur Welt kam, in Farbe. Er schnitt und klebte die Filme zusammen, fügte Titel ein und füllte seine knappe Freizeit mit diesen Tätigkeiten aus. An Stammtischen oder in Vereinen war Vater nicht anzutreffen, allenfalls als passives Mitglied. Vor dem Krieg war er bei den Leichtathleten aktiv, danach nicht mehr. Nun lag er da, so friedlich, er war nie ein Mensch der grossen Töne, „denkt bitte zuerst, dann sprecht“, war immer seine Devise, auch uns Kindern gegenüber. Er reagierte nie aufbrausend, war immer besonnen, schlug nie zu, behielt in schwierigen Situationen den berühmten „klaren“ Kopf. Manchmal ging diese stoische Ruhe meiner Mutter auf die Nerven. „Mit ihm zu streiten wäre ein Ding der Unmöglichkeit“, liess sie verlauten. Wenn er vom Arztbesuch kam und wir fragten ihn was der Arzt gesagt hätte, bekamen wir seine Standardantwort: „Viele Grüsse an alle“. So war er eben, der Karl Kern jr…. Ja, er war, ein Teil von ihm wird in uns weiter leben.

Unsere Mutter war erstaunlich gefasst, sie wusste, dass es nun aus ist. Auf dem Heimweg vom Krankenhaus dirigierte sie uns gleich zum Bestatter und bestellte einen Sarg, danach holte sie sich im Pfarrhaus einen Termin für den Rosenkranz und die Beerdigung, um diesen in die vorgefertigte Todesanzeige einzufügen. Wahrscheinlich hatte sie sich das ganze Prozedere schon mehrfach vor ihrem geistigen Auge ablaufen lassen.

Nun war ein arbeitsreiches Leben zu Ende und ein Eheleben, bis dass der Tod sie schied.

 

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