Schulzeit

Als Kind wollte ich es den Grosseltern und den Eltern recht machen. Nun kam eine neue Dimension des Rechtmachens dazu. Der Lehrer trat 1950 in mein Leben. Er wohnte mit seiner Familie in der oberen Etage des Schulhauses, das zentral im Ort stand und heute noch steht, allerdings wird es heute als Rathaus benutzt. Er hatte eine Frau, zwei Söhne und eine Tochter.

Ein schwerer Schicksalsschlag ereilte die Lehrersfamilie, als ihr jüngstes Kind, ein Mädchen, direkt vor dem Schulhaus und zudem noch an ihrem Geburtstag, von einem französischen Militärlastwagen überfahren wurde und starb. Sie muss etwa im Alter meiner Schwester gewesen sein. Das ganze Dorf war bestürzt über diesen Schicksalsschlag. Zu einem späteren Zeitpunkt bekam ich mit, wie die Lehrersfrau meiner Mutter erzählte, dass sie einen Kuchen gebacken hatte für Margot. Die Kleine hatte morgens schon um ein Stück Kuchen gebettelt, sie habe es ihr aber verwehrt mit den Worten :“Erst am Nachmittag gibt es Kuchen“. Diesen Nachmittag hatte das Kind nicht mehr erlebt und die Mutter fühlte sich schuldig.

Der Lehrer hatte alle zu unterrichten, von der ersten bis zur achten Klasse. Nur ein grosser Unterrichtsraum stand zur Verfügung. So sassen wir Frischlinge ganz vorne, die älteren in der Mitte und die grossen ganz hinten. Mit Schiefertafel, Schwamm, Lappen und Griffeln bewehrt fingen wir an „Hakenstecken“ zu schreiben. Schön gleichmässig sollten sie aneinander gereiht werden, das machte mir einige Mühe. Auch das Stillsitzen und das Zuhören fielen den anderen, die zuvor den Kindergarten besuchten, wesentlich leichter. Ich fühlte tiefe Einschnitte in mein bisheriges, freiheitliches Dasein, wagte aber nicht, auch nur im leisesten, aufzumucken. Wahrscheinlich flösste mir der Lehrer mehr Angst als Respekt ein.

Wenn die grösseren Jungen der höheren Klassen ihre Hausaufgaben nicht gemacht hatten oder den Unterricht störten, gab es massenweise „Tatzen“ mit dem Rohrstock. Die Ungehorsamen mussten vortreten und dem Lehrer ihre Hände hinstrecken. Die Hiebe taten gehörig weh und hinterliessen blaue Striemen. Die „Anfänger“, welche  diese Prozedur zum ersten Mal erlebten, weinten meist. Die „Fortgeschrittenen“ zuckten nur kurz zusammen und gaben keinen Laut von sich. Bei ganz schweren Vergehen bekamen die Buben „Hosenspanner“. Sie mussten nach vorne kommen, sich der Klasse zugerichtet auf die vordere Bank legen. Dann sauste der Stock mehrmals auf das gespannte Hinterteil herunter, die Schwere des Vergehens bestimmte die Anzahl der Stockschläge. Des Lehrers eigene Söhne wurden natürlich nicht verschont von solchen Behandlungen. Die Mädchen wurden von derartigen Züchtigungen ausgenommen. Für sie gab es höchstens „Tatzen“, geschlagen mit viel weniger Energie. Sie waren ja auch alle so lieb und machten dem Lehrer meistens nur Freude.

In den Wintermonaten mussten die grossen Jungs früh morgens den riesigen Kachelofen, er reichte fast bis zur Decke des ohnehin schon hohen Klassenzimmers, von Asche befreien um ihn danach neu anzuheizen. Wenn der Lehrer morgens hereinkam, sprangen alle wie auf Knopfdruck auf und sagten im Chor: “Guten Morgen Herr Lehrer“. Danach wurde gemeinsam ein kurzes Morgengebet gesprochen.

Die Zeit verging wie im Flug, ein jüngerer Lehrer aus Villingen kam dazu, er unterrichtete im zweiten Raum auf der gegenüber liegenden Seite des Flurs. Die Klassen wurden getrennt von eins bis vier und von fünf bis acht.

Damals war jeder Lehrer ein Allrounder, würde man heute sagen. Er hatte den Lehrstoff aller Fächer zu beherrschen, und man darf aus heutiger Sicht dazu anmerken, dass aus allen Zöglingen etwas „anständiges“ geworden ist.

Marbach war nach dem Krieg fast ein reines Bauerndorf und die meisten Kinder mussten daheim in der Landwirtschaft helfen. Entsprechend kann man die damaligen Ferienpläne nicht mehr mit den heutigen vergleichen.

Heu- und Ernteferien im Sommer, Kartoffelferien im Herbst, immer den Arbeiten der Landwirtschaft angepasst.

Der Lehrer und der Bürgermeister bestimmten den Ferienbeginn und die Dauer der Ferien je nach Witterung und Grosswetterlage. Es gab noch keinen Fernseher und somit auch noch keine hoch dotierten Kachelmannfrauen- und Männer. Da hatten noch alte Bauernregeln Gültigkeit: „Kräht der Hahn auf dem Mist, dann ändert sich das Wetter, oder es bleibt wie es ist“. Die Ferienzeiten wurden somit flexibel gestaltet. Wahrscheinlich musste nach dem Krieg zuerst wieder ein Oberschulamt aufgebaut werden, um von oben herab die Kompetenzen der Dorfverantwortlichen neu zu definieren.

Was mich als Schulbub immer ärgerte, waren die an mich gerichteten Fragen der verschiedenen Leute. „Na, wie geht’s in der Schule, bist du ein guter Schüler, kommst du mit dem Lehrer klar, usw.“. Am liebsten hätte ich aus heutiger Sicht geantwortet: alles Scheisse. Doch damals wurde dieses Unwort noch nicht benutzt, vor allen Dingen nicht durch Kindermund. Und die Erwachsenen benutzten es auch nicht im Beisein von Minderjährigen.

Zudem wurde uns eingebläut, was lässliche Sünden sind und was Todsünden sind. Fluchen oder sonstige Kraftausdrücke lagen hart an der Grenze zur Todsünde, ein gewaltiges, über Jahre dauerndes Fegefeuer drohte uns.

Nun lernte ich auch die anderen Buben vom Dorf kennen. Mein Aktionsradius vergrösserte sich enorm. Und auch Mädchen gab es mehr als genug. Wir waren nur drei Buben im Jahrgang, aber vierzehn Mädchen.

Es gab in der Schule auch Religionsunterricht. Eine Ordensschwester aus Kirchdorf kam mit ihrem Fahrrad zum Unterricht. Sie versuchte, aus uns anständige und gottesfürchtige Menschen zu machen. Mädchen und Buben sassen von Anfang an in getrennten Bänken. Den Unterschied in der Anatomie der Geschlechter war uns damals noch nicht bewusst. Einmal hatte mir ein Mädchen einen kleinen Zettel zugeschoben, die Schwester bemerkte es. Ich musste ihn rausrücken, das war für mich ein äusserst peinliches Erlebnis. Das Mädchen zog sie an ihren langen schwarzen Zöpfen bis sie weinte, mich traktierte sie mit einem Lineal, das sie immer im Ärmel ihrer Kutte versteckt hatte. Tagelang hatte ich die Angst, dass meine Eltern davon erfahren könnten. Es war nämlich so Sitte in der Schule, wenn die grösseren Schüler etwas ausgefressen hatten, hielten Lehrer, Pfarrer und Bürgermeister Gericht über sie. Meist kam es zu solchen „Gerichtsterminen“, wenn herauskam, dass die dreizehn- bis vierzehnjährigen, pubertierenden  Schülerinnen und Schüler gegenseitig die unterschiedliche Sexualität zu entdecken suchten. Dies geschah auf dem Dorf überwiegend in Heuschöpfen, Heuställen und in angrenzenden Hecken und Gebüschen. Diese Todsünden mussten von Anfang an gleich mit drakonischen Strafen belegt werden.

In diesen Schulzeiten anfangs der fünfziger Jahre schickten die Amerikaner ihre Carepakete nach Deutschland. Bei uns im Süden gab es Schulspeisung. Wir Kinder bekamen Milch und ab und zu eine kleine Tafel Milka-Schokolade.

Zwei bis dreimal im Jahr kam der „Nigrin-Mann“ ins Dorf auf den Schulhof.

Er ging auf Stelzen und war schwarz gekleidet wie ein Kaminfeger. Er schwenkte seinen Zylinderhut zur Begrüssung. Nun liefen alle Kinder schnell heim und holten alle aufzutreibenden, leeren „Schuhwichse-Schächtelchen“.

Heute würde man Recycling dazu sagen. Rohstoffe waren knapp, und die Blechdosen mit Deckel und seitlichem Riegel wurden bei „Erdal, der Rotfrosch“ wieder gefüllt. Für die leeren Dosen bekamen wir kleine Spielzeuge oder Brause-Tütchen geschenkt.

Alle paar Wochen zogen die Lumpensammler und die Alteisensammler durch die Dorfstrassen. Meist sahen sie etwas verwahrlost aus. Unrasierte, Kippen rauchende Männer und Frauen mit langen, zerzausten Haaren, kamen mit alten Ziehwägelchen des Weges. Wahrscheinlich schliefen sie in Heuschöpfen, die am Weg lagen und so erfolgte die Morgentoilette dann am Dorfbrunnen.

„Eisen, Lumpen, Knochen und Papier, ausrangierte Weiber sammeln wir“, so klangen ihre Lieder durch die Gassen. Die Felgen von alten Fahrrädern gab man nicht weg, sie dienten uns Buben zum „Reifeln“. Dazu brauchte man nichts als ein Holzstöckchen, mit dem man die rotierenden Felgen lenkte und über die holprigen Dorfgassen jagte. Auf der Hauptstrasse, sie war die einzige, die geteert war, durfte man nicht reifeln. Sie war gleichzeitig die Bundesstrasse 33, die Offenburg mit dem Bodensee verband.

Hier lief damals noch bescheidener Verkehr den Schwarzwald herauf kommend über Triberg, St. Georgen, Peterzell, Mönchweiler durch Villingen, Marbach, Bad Dürrheim, Donaueschingen, Pfohren, Geisingen, Engen, Singen, Radolfzell bis Konstanz.

Diese Strecke reizte im Sommer mehrere junge Männer aus Villingen zu Motorradrennen. Immer am Sonntagmorgen starteten sie in Villingen am Bahnhof. Sie hatten chromblitzende, für damalige Zeiten sehr schnelle Maschinen unter ihren Ärschen. Helme und Lederkleidung gab es nicht oder war sehr teuer, also nicht in. Stattdessen fuhren sie in offenen Hemden, teils in Sandalen, aber mit Handschuhen. Mit Horex, Norton, NSU und Adler rasten sie durch die Dörfer. Meist wenn die Leute aus der Kirche kamen so kurz nach halb zehn hörte man das Dröhnen der Motoren von Villingen her. Wenn sie durch die „Leyenkurve“, an der Württemberger Bahn, kamen, streiften Fussrasten und Auspufftöpfe am Boden. Der Strassenbelag war damals ziemlich uneben und die Maschinen schwer vom Gewicht her. Federung, Dämpfung und Reifen waren nicht mit heutigen Maschinen vergleichbar.

So rasten sie mit ohrenbetäubendem Lärm und mindestens 100 Sachen ins Dorf. Die Männer, welche zum Frühschoppen in die Linde gingen, blieben stehen und sahen dem Spektakel zu. Es wurde manchmal sehr knapp, wenn sie in extremer Schräglage auf den seitlichen Rollsplitt gerieten oder wenn sie sich gegenseitig streiften. Zum Glück kam nie einer entgegen. Heute undenkbar. „Wenn die Fahrzeuge, die heute nur an Strassenrändern und auf Parkplätzen herumstehen, auch noch fahren würden, gäbe es nicht mehr so viele Staus, es gäbe nur noch einen“.

Wir Burschen liefen schon vorher Richtung Bad Dürrheim zu den Steinbruchkurven. Das war ein Erlebnis, wenn wir von der Sommerhalde herunter die Kurvenakrobatik der Möchtegernrennfahrer begutachteten. Jeder hatte eine andere Technik und war entsprechend schneller oder langsamer. Es war ein kurzes aber heftiges Erlebnis, fast jeden Sonntag. Nach zirka einer Stunde kamen sie vom Bodensee zurück. Das Feld hatte sich schon weit auseinander gezogen. So wurden natürlich auch Stimmen laut, dass die Polizei endlich einschreiten solle. Für Marbach war der Polizeiposten Bad Dürrheim zuständig, besetzt mit einem schnauzbärtigen Polizisten. Dieser hatte zur damaligen Zeit nur ein Fahrrad als Dienstfahrzeug. Mit dem radelte er auch ins 5 km entfernte Marbach, wenn es einen Anlass zum eingreifen gab. Die jungen Männer scherten sich einen Dreck um den Polizisten namens Kimmig. Sein Fahrrad war einfach den Erfordernissen in keinster Weise gewachsen. Seine Anhaltekelle wurde einfach ignoriert. Zum Glück wurden nie unbeteiligte Personen durch diese Raserei verletzt. Eines schönen Tages kamen diese „Hirnschiesser“ nicht mehr vom Bodensee zurück, sie hatten sich im wahrsten Sinne des Wortes unterwegs das „Hirn eingerannt“, wie die Alten so zu sagen pflegten. Es gab damals mehrere Tote und ab da war die Sonntagsruhe wieder eingekehrt.

In der Zwischenzeit war der Polizeiposten in Villingen am Bahnhof weiter ausgebaut und mit VW-Käfern versehen. Dazu kamen noch bei grösseren Ereignissen die „Weissen Mäuse“ aus  Freiburg, die waren schon mit Mercedesfahrzeugen bestückt und hatten das Oberteil der grünen Mützen in weiss, deshalb der Name. Dann wären diese illegalen Rennen gleich im Keime erstickt worden. So blieb es für Herrn Kimmig aus Bad Dürrheim beim Lichtkontrolltest für Fahrräder, jede Woche einmal.

Immer im Herbst nach der Kartoffelernte kam ein grosses schwarzes Kartoffeldämpferfahrzeug, gezogen von einem riesigen Lanz-Bulldog ins Dorf. Dieses Ungetüm von Fahrzeug wurde gegenüber vom Rathaus auf dem Hof vom Bürgermeister platziert und mit schweren Unterlegekeilen vor dem Davonrollen gesichert. Der riesige Dampfkessel wurde mit Unmengen Holz angeheizt. Nun brachten die Bauern ihre kleinen, aber nicht minderwertigen Kartoffeln in Säcken. Zuvor abgewogen, wurden sie danach in grosse, runde Behälter gefüllt, so wie in einem Dampfkochtopf, nur viel grösser. Der heisse Dampf wurde hindurch geleitet. Die gedämpften Kartoffeln, bestimmt für die Schweine als Zusatzkraftfutter für den Winter, wurden dann abgeholt und in die Keller gebracht. Da lag immer ein wunderbarer Duft von heissen Kartoffeln über dem Ort und wir Kinder haben uns dabei satt gegessen. Damals wurden die Schweine noch anständig gefüttert entsprechend wurden sie Lieferanten für anständiges Fleisch, Würste, Schinken und Speck.

„Nahrung sei eure Medizin und Medizin sei eure Nahrung“, frei nach Hippokrates. Zudem haben die Leute damals noch schwer körperlich gearbeitet. Sie hatten Holz zu sägen und zu spalten, von Hand, um im Winter wenigstens ein Zimmer oder den Kachelofen zu heizen. Ölheizung kannte man nicht. Deshalb im Frühjahr oft der Ausspruch: „So, seid ihr gut über den Winter gekommen?“ Sie brauchten keinen Extrasport, um Kalorien zu verbrennen.

Die alten Leute gingen meistens am Stock, heute gehen schon die jungen Leute an zwei Stöcken und man nennt dies „nordic walking“.

Im Juni 1952, ich war gerade vor drei Wochen acht Jahre alt geworden, kam mein Bruder zur Welt. Die Erinnerungen an die Schwangerschaft meiner Mutter sind sehr dürftig. Sie unterhielt sich ab und zu mit ihrer Schwägerin darüber, denn diese brachte drei Monate später ihren ersten und einzigen Sohn zur Welt.

Somit war mein Bruder ein Nachzügler und es bestanden durch den grossen Altersunterschied keine Rivalitäten, weder von Seiten meiner Schwester, noch von mir.

Irgendwann stand auch meine erste heilige Kommunion an. Wir mussten nach Kirchdorf in den Nachbarort zum Unterricht. Ein alter Militärpfarrer, namens Stern, der damals das Brigachtal und die Aussenstelle Marbach seelsorgerisch betreute, gab uns den Unterricht. Ich muss zugeben, dass wir Kinder wesentlich mehr Angst als Respekt vor ihm hatten. Es ging dann auch ums Beichten und um unsere Todsünden. Damals wurden in meine Seele schwere Kerben geschnitzt, die heute zwar verheilt, aber immer noch spürbar sind.

Zehn Minuten vor dem Unterricht hatten wir in der St. Martinskirche zu sein. Wie es halt so war, der Pfarrer war noch nicht da, ich höre noch die Turmuhr schlagen, wir verhielten uns nicht, wie es sich an einem sakralen Ort gehört und waren sehr unruhig, als der Pfarrer durch die Seitentür lautlos hereinkam.

Nun setzte es Ohrfeigen, wir wurden alle nach Marbach zurückgeschickt und durften am nächsten Tag wieder antanzen. Wenn ich heute die Turmuhr schlagen höre, denke ich immer noch an meine im Laufe meines Lebens nicht begangenen Sünden, die ich damals schon im Voraus beichtete. Teilweise war es ein Kreuzverhör von uns Buben und Mädchen, wir waren eingeschüchtert, teilweise ging es soweit, dass wir uns vorher absprachen, was wir beichteten.

Mich wundert es heute nicht, dass manches Mädchen und mancher Junge, der Schule entwachsen, sich nie wieder in der Kirche blicken liess.

Meine erste heilige Kommunion fand in Kirchdorf statt, zusammen mit den anderen Kindern  aus Marbach, Kirchdorf, Klengen und Überauchen. Es ging auch darum, ob die Buben zum Festtag nun kurze Hosen mit Strümpfen tragen oder lange Hosen, also einen dunkelblauen Anzug. Ich kann mich kaum noch an diesen Tag erinnern. Es wurde zu Hause gefeiert. Geschenke interessierten mich nur am Rande, so ist es heute noch bei mir. „Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, grosse bringen dich in Abhängigkeit“, ein Spruch von mir.

Wer auf die Idee kam, dass ich Ministrant werden soll, weiss ich nicht mehr, ich jedenfalls fand die Idee nicht gut. Eines schönen Tages fand ich mich im Unterricht wieder. Diesen erteilten nicht der neue Pfarrer Haas, sondern die älteren Ministranten unter Leitung des jeweiligen Oberministranten. So gingen mein Freund und ich hin um lateinische Gebete auswendig zu lernen um sie während der Messe, zeitlich genau festgelegt, herunterzurasseln. Damals mussten wir das schwere Messbuch mehrmals von einer Seite des Altars zur anderen „schleppen“. Mitsamt dem Schemel war noch eine Kniebeuge fällig, danach galt es für uns kleinen Kerle, dieses Monstrum von Buch auf den sehr hohen Altar zu stellen. Da blieb es nicht aus, dass ich bei der Sonntagsmesse, wo sich das ganze Dorf versammelt hatte, den Schemel mit den äusseren Beinen und dem Buch ein paar Zentimeter neben den Altar stellte und es mit einem lauten Klatschen zu Boden fiel. Nur mit Mühe konnte ich das Buch erneut auf dem Schemel plazieren.  Ich hätte mich am liebsten mit meinem hochroten Kopf in ein nicht vorhandenes Mauseloch verkrochen. Getröstet haben mich dann die älteren Leute nach der Messe, indem sie sagten: „Was ein guter Ministrant ist, dem fällt mindestens einmal das Buch herunter“. Das Schellen an den entsprechenden Stellen während der Messe machte Spass. Den Umgang mit Wein und Wasser klappte immer besser. Dann kam noch das Weihrauchfass mit all seinen Verlockungen dazu. Im Laufe der Jahre gehörte man dann nicht mehr zu den „Kleinen“, man wurde frecher, und auch die Streiche mit Pfarrer und Mesner wurden derber.

Einmal kamen mein Freund und ich auf die glorreiche Idee, dort Reissnägel zu streuen, wo der Pfarrer am Altar sich hauptsächlich bewegte. Die Reissnägel stachen in seine Sohlen und sassen bombenfest. Auf dem Teppich merkte er diese Fremdkörper kaum, doch auf den Fliesen hörten sich seine Schritte an, als trüge er „genagelte“ Schuhe. Er stampfte und scharrte, konnte sich dieses Phänomen nicht erklären. Zuerst schauten wir beide uns heimlich an und lachten verstohlen, danach tat er uns aber leid, denn die Kirchenbesucher in den vorderen Bänken wurden unruhig. Sie merkten, dass etwas nicht stimmt. Ihre Blicke gingen dann auch zum Mesner, doch der war völlig ahnungslos. Damals war die Sakristei noch hinter dem Altar und entsprechend sehr eng. Am Ende der Messe zog der Pfarrer dort seine Schuhe aus und wunderte sich über die vielen Reissnägel. Sein Blick streifte abwechselnd den Mesner und uns Lausbuben. Wir fühlten uns ertappt und gaben unsere Schuld zu.  Beim alten Militärpfarrer hätten wir uns solche Streiche nie erlaubt, und wenn, hätte er uns vor versammelter Gemeinde die Ohren lang gezogen, doch der neue Pfarrer Haas war ein gutmütiger Mensch. Er hat uns gleich verziehen.

Natürlich gehörte das Glockenläuten von Hand zu unseren Lieblingsbeschäftigungen. Man konnte sich so schön am Seil hochziehen lassen. Manchmal zog das Seil unsere schmalen Hände in die Hülse der Deckenöffnung, das tat allerdings gewaltig weh.

Der Glockenturm und der grosse Raum über dem Kirchenschiff waren verboten zu betreten. Das reizte uns besonders. Was gibt es dort zu entdecken, fragten wir uns. Vogelnester gab es viele. Alte Statuen und Heiligenfiguren, Kerzenständer und religiöse Gemälde und vieles mehr. Es brannte kein Licht über dem Kirchenschiff, erst wenn sich das Auge an die düstere Atmosphäre gewöhnt hatte, konnte man auf den Balken entlang balancieren, die Gefahr des Absturzes durch die leichten Deckenplatten bestand immer. Schon allein deswegen war diese Spielwiese viel zu gefährlich. Eines schönen Samstags stahlen wir uns nach dem Ministrantenunterricht, statt heimzugehen, wieder nach oben unter das Kirchendach. In unserem jugendlichen Leichtsinn kletterten wir ins hohe Gebälk und machten uns nichts ahnend den Spass, in hohem Bogen herunterzupinkeln, das plätschernde Geräusch aus dieser Höhe hörte sich so toll an.

Am nächsten Morgen zur Sonntagsmesse hatten wir nicht mehr an unsere „Seichereien“ vom Vortag gedacht. Die Kommunionbank, genau unter dem grossen Altarbogen seitlich in der Wand verankert und in mehrere Stücke unterteilt und war auf- und zuklappbar. Der Mesner rückte sie vor der Austeilung der hl. Kommunion zurecht und legte das weisse Tuch auf.

Auf einmal drehte er seinen Kopf und starrte nach oben. Er hat einen Tropfen Wasser ins Genick bekommen. Da muss irgendwo das Kirchendach undicht sein, lies er nach dem Gottesdienst verlauten. Jetzt schwante uns Furchtbares, wir waren die Übeltäter, das durfte aber nicht ans Licht, die Wassertropfen stammten nicht vom Dach, es hatte ja lange nicht geregnet. Nur wir wussten, dass es keine Wassertropfen waren. Wir behielten dieses Geheimnis für uns.

Einmal probierten wir am Sonntagmorgen vor der Messe ausgiebig den Messwein, er war für uns mehr als nur trocken, er war richtig sauer, Naturwein eben. Kein Tropfen war mehr da. Der Pfarrer merkte es noch vor der Messe und dachte, der Mesner, wir nannten ihn „Glockenwilli“, hätte versäumt, für Nachschub zu sorgen. Mit dem Fahrrad schickte er ihn noch vor Beginn der Messe nach Kirchdorf zum dortigen Mesner Stebinger, um welchen zu holen. Kurz vor der Gabenbereitung kam er keuchend und schnellen Schrittes zurück. Er hatte unterwegs sicher mit sich gehadert und hätte gewettet, dass noch genügend Messwein da war.  Erst Wochen später, als dieses Thema wieder zur Sprache kam, es liess ihm keine Ruhe, wo er doch immer so gewissenhaft seine Pflichten erfüllte, beichteten wir ihm diese Sünde. Er schimpfte nicht mit uns, fühlte sich aber sichtlich erleichtert, dass es nicht seine Schuld war.

Nach dem Krieg war auch in Fabriken der Samstag ein ganz normaler Arbeitstag mit acht bis zehn Stunden, ich erlebte mit, wie dann der Samstagnachmittag frei wurde und später der ganze Samstag. Irgendwann wurden dann Urlaubstage eingeführt. In der Landwirtschaft ging es wie heute noch, auch sonntags zur Sache. Tiere müssen auch am Sonntag gefüttert werden und können an Sonntagen Junge bekommen.

Nach wie vor war mein Revier eher die Sommerhalde, der Ostbahnhof, er wurde auch Württemberger Bahnhof genannt, weil dort die Züge von und nach Rottweil und Schwenningen fuhren. Der so genannte „Katzenwinkel“ bildete die Zufahrt von der Bundesstrasse zum Ostbahnhof. Dieser Weg war ein besserer, im Sommer staubiger, aber gut befestigter Feldweg. An der Bundesstrasse in Richtung Bad Dürrheim, Dierä im Dialekt genannt, standen damals und stehen auch heute noch riesige Ahornbäume. Wenn dann die Blätter im beginnenden Herbst von diesen Bäumen herunter fielen, suchten wir die schönsten und grössten aus und knoteten bis zu zehn Meter lange Blätterfahnen. Die Stiele der Ahornblätter waren so elastisch, dass man die Enden zu Ösen flechten konnte, ohne dass sie einrissen oder abbrachen. Diese Blätterfahnen zogen wir Burschen zuerst per Hand, später mit Roller oder alten Fahrrädern über den Katzenwinkel. Mit dem aufgewirbelten Staub, der uns viel Spass bereitete, hatten die Anwohner ihre liebe Not, vor allem die Hausfrauen, die immer auf saubere Fenster bedacht waren. Ganz besonders konnte man mit diesem feinen Staub den Jäckle Christian ärgern. Er war ein gebürtiger Schwenninger, sein Haus stand schräg gegenüber von Griesshabers Haus an der engsten Stelle des Weges. Dort stand er unter seinem mit Rosen umrankten Gartentor und schwang seine Peitsche.

Und wie es halt so war und ist, ärgert man besonders gerne diejenigen Menschen, die Reaktionen zeigen. Und der Jäckle zeigte immer Reaktionen.

„Wenn das nicht aufhört, gehe ich auf die Schampamperie“, pflegte er zu rufen. Damit meinte er die „Gendarmerie“, ein Ausdruck aus der französischen Besatzungszeit. Die grösseren Buben foppten ihn natürlich besonders. In seinem riesigen Garten hatte er am Hang eine Werkstatt, wo er Kisten und Verschläge fertigte. Manch ein Lausbub warf einem Stein gegen die Wand seiner Werkstatt und so ging auch ab und zu eine Scheibe zu Bruch. Solche Ereignisse zogen immer ein Verhör auf dem Rathaus nach sich, Schadenersatz war fällig wenn die Täter ermittelt werden konnten und obendrein noch schwere schulische Strafen. Da hiess es dann: „Sachbeschädigung und Diebstahl führt ins Zuchthaus“. Diesen Satz mussten die bösen Buben dann bis zum nächsten Tag dreihundertmal ins Heft schreiben, in Schönschrift. Der Lehrer hat alle Seiten streng kontrolliert, und wehe, es waren Fehler drin oder unsauber geschrieben, da gab es eine Wiederholung.

Später erzählten sich die Dorfbewohner eine Begebenheit, die sich im tiefen Winter abspielte, eben mit diesem Jäckle Christian. Ich kann mich noch gut an ihn erinnern, er war ein grosser, hagerer, eher magerer Mann. Seine Glatze verbarg er meist unter einem grauen „Leckmichamarschkäppchen“. Mit stets finsterem Blick schaute er darunter hervor, ich weiss nicht mehr, hatten wir mehr Angst oder Respekt vor ihm.

Jedenfalls hatte es frisch geschneit und die frechen grösseren Burschen vom achten Schuljahr ärgerten ihn mit Schneebällen, die sie an seine Werkstatt warfen. Er rannte zur Tür heraus, und schon trafen ihn die Schneebälle mitten ins Gesicht. Die Burschen rannten unter Gelächter den Berg hoch Richtung Ostbahnhof. Und hinterher in Gummistiefeln der Jäckle. Er verfolgte die „Seicher“ kilometerweit durch den tiefen Schnee über den Bahnübergang durch das Gewann Blättern bis zum Bahnwärterhaus Goldner nahe am Zollhaus. Die Burschen rannten in Todesangst um ihr Leben, doch der Jäckle liess sich nicht abschütteln. Als ihre Kräfte immer mehr nachliessen und er sie endlich einholte, flehten sie um ihr Leben. Er tat ihnen nichts, aber er demonstrierte ihnen mit seinem Lauf anschaulich, zu welchen Kraftanstrengungen ein zäher Schwenninger in groben Gummistiefeln fähig ist, wenn man ihn bis aufs Blut reizt. Immerhin war er zirka 30 Jahre älter als Burschen. Von da an getraute sich keiner mehr, den Jäckle Christian zu ärgern.

Mein Grossvater väterlicherseits hatte einen dreirädrigen Goliath, ein kleines rotes Transportfahrzeug mit Führerhaus und Pritsche über den Krieg gerettet. In der Scheune hatte er es zusammen mit mehreren Benzinkanistern versteckt. Die einrückenden Franzosen hatten dieses Fahrzeug nicht gefunden. So hatte er auch gleich noch Treibstoffüberschuss, denn Benzin war nach dem Krieg Mangelware und wurde rationiert. Das Führerhaus war sehr eng, hatte eine Sitzbank für 2 Erwachsene oder einen Erwachsenen und zwei Kinder. Damit wurden meist Fahrten nach Schwenningen gemacht, um bei den Lieferanten Teile, Werkzeuge und Transportkisten und Verschläge abzuholen. Es gab keine Plane für die Ladefläche, bei Regen wurde eine solche provisorisch über das Ladegut gespannt und festgezurrt. Es war ein sehr holpriges Gefährt und die Strassen ziemlich uneben. Man hörte öfters den Ausspruch: „Lieber schlecht gefahren als gut gelaufen“. Jedenfalls war es für uns Buben immer ein Erlebnis, wenn wir mitfahren durften. Grossvater selbst besass nie einen Führerschein, seine drei Söhne und seine Sekretärin waren mit diesem Gefährt unterwegs.

Statt Blinkleuchten wie man sie heute hat, gab es an den Autos die Winker. Beim Abbiegen nach rechts oder links wurden diese betätigt. Sie steckten in länglichen Metallgehäusen und schwenkten beleuchtet nach oben, betätigt durch einen Elektromagneten mit Rückholfeder.

Eines Tages durften mein Freund Fridolin und ich nach Villingen mitfahren. Auf dem Rückweg in Marbach beim Rathaus galt es links abzubiegen in den Katzenwinkel. Der linke Winker war schon draussen, da überholte uns ein Kohlelastwagen vom Brennstoffhandel. Er schob uns einfach zur Seite und wir landeten beim Elsässer-Lädele vor der Treppe. Unser Dreirad war umgekippt und lag auf der Seite. Beim Aufprall schlugen wir Buben die Köpfe zusammen, zum Glück war sonst weiter nichts passiert, obwohl es damals weder Anschnallpflicht, noch Airbags gab. Da das Auto auf der Beifahrertür lag, konnten wir nur nach oben klettern und zur Fahrertür heraus. Mein Onkel und der Fahrer vom Lastwagen stellten unser Dreirad eigenhändig wieder auf die Räder. Es war nichts kaputt daran. Auch die Frage, wer Schuld hat, erübrigte sich. Der Fahrer des Lastwagens wollte nach Bad Dürrheim fahren, er übersah offenbar den Winker unseres Kleinsttransporters.

Die grossen Gläser für die Jahresuhren wurden bei der Firma Sendlinger Optische Glaswerke in Berlin hergestellt. Sie kamen waggonweise mit der Bahn von Berlin nach Marbach an den Westbahnhof. Dort musste man den auf einem Nebengleis abgestellten Waggon entladen. Es gab weder Paletten, Hubwagen oder Gabelstapler, alles war Handarbeit. So dauerte es manchmal zwei bis drei Tage, ehe so ein Eisenbahnwaggon entladen war. Man fuhr morgens um sieben Uhr zum Güterbahnhof in Marbach. Auf der Pritsche des Goliath sassen vier bis sechs Arbeiterinnen und Arbeiter. Dort angekommen, öffnete der Bahnhofsvorsteher die verplombte Tür des Waggons. Nun fuhr man rückwärts an die geöffnete Tür des Waggons, so war die Pritsche gleichzeitig die Rampe.

Die Gläser waren in Holzwolle verpackt und man musste beim Entladen grosse Vorsicht walten lassen, um keine Scherben zu produzieren. Wellpappe war damals noch ein Fremdwort. Der Anfang war immer das Schwierigste. Die Holzwolle aus Berlin war dafür gedacht, die Gläser auf dem Transportwege gegen Stösse beim Rangieren auf den Bahnhöfen zu schützen, beim Transport vom Bahnhof zur Firma schützte sie die Gläser genau so vor Bruch, wenn es den holprigen Katzenwinkel hoch ging. Zudem konnte man die Holzwolle wieder für die Verpackung und den Versand der fertigen Uhrenkisten verwenden. So hatte man dreissig bis vierzig Fuhren zu bewältigen, bis der Waggon leer war. Ich kann mich erinnern, dass die Stimmung der Mitarbeiter bei dieser Tätigkeit  immer gut war. Ich habe die Witze damals zwar nicht verstanden, jedenfalls war das Glasausladen eine willkommene Abwechslung gegenüber der monotonen Arbeit an den Bohrmaschinen, Pendelpressen und Nietmaschinen.

In der Firma wurden die Gläser dann von Hand unters Dach befördert, das war eine Arbeit einer Kette von Menschen, die sie weiter reichten. In dieser „Gläserzeit“ ruhte die normale Produktionsarbeit, alle Mitarbeiter waren für diese Tätigkeit abgestellt, so dass sie möglichst schnell über die Bühne ging.

In den Jahren so etwa um 1953 ging es mächtig bergauf mit den Aufträgen.

Amerikanische Soldaten, die in Deutschland stationiert waren, reisten in den Schwarzwald, natürlich auch nach Triberg, um Souvenirs mit nach Amerika zu nehmen. Dort sahen sie die Jahresuhren von Schatz und auch die von uns in den Läden. Sie interessierten sich für die Fabrikation und kamen so nach Marbach, um ihre Lieblingsmodelle gleich an Ort und Stelle zu kaufen.

Bezahlt wurde in Dollar. So verging kaum ein Tag, wo nicht protzige Amerikanerschlitten den staubigen Katzenwinkel hoch fuhren und den kleinen Parkplatz vor der Werkstatt belegten. Ich hörte die Leute im Dorf sagen, das wäre nun die Dollarstrasse.

So platzte die kleine Firma aus allen Nähten und der erste Anbau war 1955 fällig. Nun wurde auch im alten Haus eine für damalige Zeit revolutionäre Dampfheizung eingebaut, die gleichzeitig auch den Neubau heizte. Holz, Kohlen und Briketts brachte der Brennstoffhandel aus Villingen. Die Männer kamen mit russgeschwärzten Gesichtern, Händen und Kleidern. Die schweren Kohlesäcke trugen sie auf den Rücken in den Keller, später baute man eine Rutsche durch ein Kellerfenster, so konnten die Eierkohlen hinunter rollen.

An Heizöl dachte damals noch kein Mensch. Mein Vater bediente den neuen Dampfheizkessel. In den Wintermonaten stand er um fünf Uhr morgens auf, um den Kessel von der alten Asche zu befreien und neu anzuheizen, so dass es bis um sieben warm in Räumen war, wenn die Produktion losging. Auch samstags wurde damals gearbeitet. Nur am siebten Tage sollte man ruhen.

Nun gab es mehr Raum. Die schweren Maschinen kamen ebenerdig zum Einsatz. Stanzerei, Zahnerei, Teilefertigung und Packerei auf einer Ebene. Nun konnte Oma Kern aufatmen. Büro und Produktion wurden aus ihrem häuslichen Bereich ausgegliedert.

Laufend musste die Produktion von Jahresuhren dem wachsenden Bedarf angepasst und entsprechend gesteigert werden. Somit wurden auch die Lieferanten in den Boom mit einbezogen. Natürlich profitierten sämtliche Uhrenfabriken in Villingen, Schwenningen und im Schwarzwald von diesem Aufschwung. Die Löhne waren überschaubar und machten einen geringen Teil der Gesamtkosten aus. Jeder Mitarbeiter hatte ein kleines Lohnheftchen. Darin wurden die Arbeitszeiten notiert, zusammengezählt und mit dem Stundenlohn multipliziert. Später wurde eine Hauptuhr von Bürk installiert. Von da aus wurde die Stempeluhr geregelt, jeder Mitarbeiter bekam seine Stechkarte.

Natürlich wurden die Löhne damals in bar ausbezahlt. Jede Woche gab es einen Vorschuss und am Ende des Monats eine Abrechnung. Die ersten Rechenmaschinen nach dem Krieg waren mit handbetriebenen Kurbeln. Mit kleinen Reitern wurde der Betrag eingestellt und mit der Kurbel addiert, subtrahiert oder multipliziert, einen Ausdruck gab es nicht. Das Geld wurde bei der Sparkasse gestückelt angefordert und in kleine, durchsichtige Lohntüten verpackt. „Heute ist Zahltag“, das waren immer besondere Tage.

„Schon wieder Geld, und das alte noch nicht weg“, war ein Ausspruch vom „Hühnersepp“. Er bekam diesen Spitznamen von seinen Arbeitskolleginnen und Kollegen, weil er zuvor beim „Gockel-Reinhardt“ in Villingen arbeitete. Dort wurden Brutapparate und sonstiges Zubehör für die Geflügelzucht gefertigt.

In der Montage setzte er mechanische Jahresuhrwerke zusammen, tagaus tagein. Er hatte im Krieg als junger Soldat ein Bein verloren und konnte die heimische Landwirtschaft nicht übernehmen. Sein trockener Humor trug wesentlich zum guten Arbeitsklima in der Montage bei. Er scharte viele „Hennen“ um sich.

In den 50er Jahren arbeiteten auch viele junge Leute aus dem Dorf als Praktikanten. Die einen überbrückten eine gewisse Zeit, bis sie in Villingen oder Schwenningen eine Lehrstelle bekamen, die anderen sahen dies als Nebenerwerb zur Landwirtschaft.

Die mechanischen Jahresuhren, die echten, entstammten der Idee eines russischen Gutsbesitzers. Oft hörte man, der Ursprung läge im Schwarzwald, was jedoch nicht stimmt. Sie geht zurück ins 19. Jahrhundert. In einer ruhigen Musestunde beobachtete der Gutsbesitzer seinen Kronleuchter. Wie von Geisterhand  bewegte er sich gleichmässig, aber sehr langsam an der Decke, einmal links herum, kam zum Stillstand, danach rechts herum bis zum Stillstand. Diese Gleichmässigkeit inspirierten seine Gedanken über den Zeitenlauf. Damit müsste sich eigentlich ein Uhrwerk steuern lassen. Die aufsteigende Wärme in seinem grosszügigen Wohnzimmer brachte die Kraft auf, den Luftwiderstand und die inneren Reibungsverluste des Aufhängeseils zu überwinden und den Kronleuchter zu bewegen.

Uhrwerke mit „Unruh-Steuerung“ waren bekannt, allerdings mit sehr kurzen Laufzeiten. Was so einen Kronleuchter im Grossformat bewegen kann, müsste sich doch auch auf einen Drehpendel in ein Uhrwerk übertragen lassen. Wenn zudem der hektische Gang einer „Unruh“ stark verlangsamt werden könnte, durch ein stark untersetztes Räderwerk, bräuchte man die Uhr nicht alle  Tage, alle acht oder vierzehn Tage aufziehen, vielleicht nur alle Monate oder gar  nur einmal im Jahr.

Hier Einzelheiten über die Konstruktion und den Bau von Jahresuhren aufzuzeigen, ist nicht meine Absicht. Jedenfalls ist es so, dass man die Kraft, die man einmal im Jahr manuell durch Aufziehen in die Uhrfeder hingibt, über das Räderwerk in sehr kleinen Portionen an das Ankerrad, das letzte im Uhrwerk, wieder abgibt. Wenn da der Anker nicht wäre, würde das Uhrwerk in kurzer Zeit ablaufen. So greift dieser Anker mit seinen Paletten in die Zähne des Ankerrades ein und leitet diese winzig kleinen Kräfte über die Ankergabel an die Pendelfeder weiter. Diese Pendelfeder ist elastisch, wenn sie nicht überdreht wird, geht sie in ihre Ausgangsstellung zurück. An dieser Pendelfeder hängt nun das Drehpendel. Je länger oder kürzer die Pendelfeder, je schwerer oder leichter das Pendel, je weiter oder enger der Durchmesser des Pendels, um so langsamer oder schneller läuft das Uhrwerk ab. Dies soll nur ein grober Abriss über die Funktion einer Jahresuhr sein. Dabei ist es natürlich nicht verwunderlich, dass die Übertragung solch kleiner Kräfte im Uhrwerk eine Genauigkeit in der Fertigung verlangt. Schon Staubkörner, Gräte an Laufflächen von rotierenden Radtrieben oder andere unerwünschte Partikel lassen die Uhr stillstehen.

Damit das Pendel die nötige Schwere hat, werden Bleigewichte benötigt. Diese Gewichte dürfen nicht sichtbar sein und werden in obere und untere, polierte Messing-Kugelschalen eingebettet. So gibt es drei Sorten von „Bleikugeln“. Die grossen mit 48 Gramm, die mittleren mit 42 Gramm und die kleinen mit 35 Gramm, je nachdem ob Standard- Miniatur- oder Piccolo- Uhren gefertigt werden.

Ich kann mich erinnern, wie anfangs der 50-er Jahre immer Engpässe beim Bleikugelgiessen bestanden. So wurde auch in unserer Waschküche gegossen. Ein spezieller Ofen wurde mit Propangas angeheizt. Bleibarren mit 50 kg Gewicht wurden so in einem Stahltopf geschmolzen. Mit einer Schöpfkelle wurde, nachdem die oben schwimmenden Verunreinigungen entfernt waren, flüssiges Blei in eine aus zwei Hälften bestehende Form gegossen. Eine daneben gestellte Blechwanne war mit Wasser gefüllt, darin wurde die Form abgekühlt, geöffnet und die Kugel fiel hinein. Es war ein mühsames arbeiten, Kugel für Kugel, danach mussten noch die Angüsse abgezwickt werden. Handschuhe waren Pflicht beim Umgang mit Blei, auch das Absaugen der Bleidämpfe und genügend Frischluftzufuhr mussten gewährleistet sein. Jeder durfte nur ein paar Stunden Bleigiessen, dann kam die Ablösung. Doch das ging nicht lange gut so. Der Ausstoss an Bleikugeln musste erhöht werden, es kamen dann Mehrfachwerkzeuge zum Einsatz, mit Wasserkühlung.

Die Produktion wurde dann nach Deisslingen in Heimarbeit vergeben, später nach Eisenbach zur Firma Weckenmann. Diese Firma war unter anderem spezialisiert für das Giessen von Bleigewichten aller Art und Grösse für die Uhrenindustrie und hatte auch schon die entsprechenden Sicherheitsstandards.

In den 50-er Jahren begannen die drei Kern-Söhne, auf Geheiss ihres Vaters und Firmengründers Betriebsausflüge zu organisieren. Anfangs ging es in den Schwarzwald, später auch in weiter entlegene Orte mit dem Auto Maier aus Villingen. Abends gab es jeweils einen Abschluss mit Musik und Tanz. Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter durfte ihren Partner mitbringen. Dabei musste es oft so hoch hergegangen sein, dass mancher Haussegen eine ganze Zeit lang schief hing. Einmal, kann ich mich gut erinnern, nahmen die drei  Kern-Brüder ihre Frauen mit, das blieb dann bei diesem einem Mal, sie gingen nie wieder mit. Es kursieren noch alte Schwarz-Weiss-Bilder, auf denen zu sehen ist, wie die Männer in weinseliger Laune und zu vorgerückter Stunde mehrere Frauen buchstäblich auf den Kopf gestellt haben. Mein Vater war immer für das fotografieren zuständig und hatte auch anfangs die Bilder noch selbst entwickelt.

Als meine Mutter solche Bilder zu Gesicht bekam, sagte sie zu meinem Vater: „Karl, ich muss mich schämen für euer Treiben“.

Die Fussballweltmeisterschaft 1954 schauten wir zehnjährigen Buben durch das Fenster des Lindensaales an. Dort war ein grosser Schwarz-Weiss-Fernseher aufgestellt und viele Leute aus dem Dorf sassen darum herum, kaum jemand hatte damals einen eigenen Fernsehapparat. Das Bild begann immer wieder zu flimmern oder lief nach unten oder nach oben weg. Andauernd stand ein Experte auf und versuchte, das Bild an der Rückseite des Apparates mittels eines Drehknopfes zu korrigieren und zu stabilisieren. Meist gelang es nur für wenige Minuten, heute undenkbar, damals gehörte es dazu und keiner schimpfte.

Und am Ende waren wir Weltmeister.

Gegen Ende meines fünften Schuljahres kam der Lehrer zu meinen Eltern und versuchte ihnen einzureden, mich doch auf das Romäusgymnasium nach Villingen zu schicken. Es sei wegen einer guten Weiterbildung und später wäre es eine gute Grundlage für den Beruf. Ausserdem hätte ich das Zeug dazu. Ich hasste meinen Lehrer für sein Ansinnen, warum sollte gerade ich nach Villingen in die Schule, wo alle meine Spielkameraden hier weiter zur Schule gingen. Wozu brauche ich eine höhere Schulbildung, wo ich weder Priester noch Lehrer werden wollte. Ja was wollte ich denn werden? Wo lagen meine Neigungen? Ich wusste es weder damals noch heute. Jedenfalls hatte ich mich zu fügen und war dabei todunglücklich.

Wäre ich damals schon mit allen Abwassern gewaschen gewesen wie heute, hätte ich die obligatorische Aufnahmeprüfung am Gymnasium  bewusst verhauen. Aber nach dem Motto: „Mach uns keine Schande“, bestand ich mit Bravour. Wenn ich mich noch recht erinnere, kostete 1955 das Schulgeld 40 oder 50 D-Mark monatlich. Das war nicht wenig für uns, da eh das ganze Geld in die Firma investiert wurde. Nun ging es jeden Morgen zum Ostbahnhof, das war ja wirklich nur ein Katzensprung. Eine neue Schulmappe löste den alten Schulranzen ab. Nun musste ein Füllfederalter her, das Tintenfass war abgelöst. Kurz nach sieben Uhr drehte der August Schellhammer die Bahnschranken herunter und danach fuhr der Zug, von Schwenningen kommend, unter Dampfen und Zischen in den Minibahnhof ein. Die Bremsen des Zuges pfiffen und schrieen, die Funken sprühten zwischen den Bremsklötzen, wenn Eisen auf Eisen rieb. Manchmal war der Zug so voll, dass die Leute draussen auf der Rampe, die die Wagen miteinander verband, bis nach Villingen zu stehen hatten.

Beim Anfahren drehten die Räder oft durch, immer dann, wenn der Lokführer den Dampfhahn zu schnell und zu weit öffnete. Die dicken Rauchschwaden, ausgepustet durch den Kamin der Lok, zogen je nach Windrichtung über das ganze Dorf hinweg. In diesem Zug waren auch alle Kinder aus dem Zollhäusle, sie mussten nach Villingen zur Grund-Schule.

Im Grunde genommen passte meine Mentalität nicht zu der der „Stadtbuben“. Ich fühlte mich total fehl am Platze. Die meisten dieser Buben lasen und tauschten solche komischen „Comichefte“, erzählten sich Geschichten von Karl May und gingen des Öfteren ins Kino in der Gerberstrasse, da wo sich heute die Sparkasse breit gemacht hat. Zudem trafen sie sich sie im Sommer im Schwimmbad, konnten oder lernten schwimmen, ich nicht. Wir Kinder im Dorf badeten im Talbach an der Stellfalle.

Und so gab es viele Dinge, die an meinem Selbstwertgefühl nagten. Vor allen Dingen war der gute Kontakt zu meinen Dorfkameraden nicht mehr so wie früher, das tat mir am meisten weh. Ich war in diesen sechs Jahren bis zur mittleren Reife innerlich zerrissen. Zwar musste ich keine Klasse wiederholen, doch die Schule war mir zutiefst zuwider. Im Dorf musste ich es einem Lehrer „recht“ machen, auf dem Gymnasium gleich mehreren. Mir war nicht bewusst, dass ich für mich und mein Leben lernen sollte, nicht für die Lehrer oder die Eltern. Der Frust in mir sass so tief dass ich es nicht wagte, mit meinen Eltern oder sonst jemandem darüber zu sprechen.

Mathematik, Geschichte und Biologie nervte mich. Französisch und Englisch machte einigermassen Spass. Im Sport konnte ich Ehrenurkunden erringen.

Gute oder enge Freunde hatte ich keine vorzuweisen. Von Erwachsenen nach der Schule gefragt zu werden, hasste ich wie die Pest. Ich wollte nur weg, Abitur kam für mich nicht in Frage.

Meine Welt war das nicht, und Geld für Kino oder „Schundhefte“ hatte ich nicht, und wenn ich es gehabt hätte, es wäre mir zu schade gewesen für solchen unnötigen „Kram“. Schon damals hielt ich es unbewusst mit Aristoteles: „Was es alles gibt, das ich nicht brauche“. Wenn meine Schulkameraden über die neuesten Kinofilme diskutierten, stand ich beschämt abseits, fühlte mich irgendwie minderwertig.

Mein Biologielehrer bezeichnete mich als U-Bootfahrer. Immer wenn er eine Frage an die Klasse stellte, schweifte sein Blick in die vorletzte Bank und traf mich immer dann, wenn ich mich schämte, zu antworten  oder nichts zu sagen wusste, weil ich mit meinen Gedanken irgendwo anders war und seine Frage nicht mitbekam. Wenn dann die anderen die richtige Antwort, die ich mich nicht getraute zu geben, gaben, ärgerte ich mich innerlich dermassen über meine Schüchternheit, dass ich am liebsten im Erdboden verschwunden wäre.

Entsprechend war mein Verhältnis zu und der Umgang mit den „Stadt-Mädchen“. Es war eigentlich weder ein Umgang noch ein Verhältnis zu bemerken. Dafür waren meine Träume um so ausgeprägter.

Mein Kernopa hatte vor Jahren in Villingen Beim Henninger in der Niederen Strasse ein neues Fahrrad gekauft. Ein grünes Gefährt, mit 3-Gang Kettenschaltung von Fichtel und Sachs, eine kleine Revolution im Fahrradbau. Obendrein hatte es eine Trommelbremse vorn, mit richtigen Innenbremsbacken, betätigt über einen richtigen Bremshebel mit Bowdenzug. Opa hat dieses Fahrrad nie benutzt. Nagelneu stand es bei uns mehrere Jahre auf dem Speicher. Ich schlich mich fast jeden Tag hoch, stellte es umgekehrt auf Lenker und Sattel. Dann drehte ich die Tretkurbel und schaltete die Gänge hoch und runter. Ich hatte ein unbändiges Bedürfnis, dieses Fahrrad fahren oder besitzen zu dürfen, traute mich aber nicht, den Grossvater oder meine Eltern zu fragen. Ja so war ich eben, ein stiller Leider.

Das ging so lange, bis das Fass voll war und der Leidensdruck abgebaut werden musste. Ich nahm mir ein Herz und fragte den Grossvater. Er war überrascht, dass er ein Fahrrad hatte, er wusste es nicht mehr und schenkte es mir auf der Stelle. Nun konnte ich in den Sommermonaten mit dem Fahrrad zur Schule fahren. Bei der „Ölmühle“ gab es einen Durchbruch durch die Württemberger Bahn und gleich danach einen beschrankten Bahnübergang an der Badischen Bahn, dann ging es vorbei an der Kutmühle bis zur Herrenmühle, dann links ab durch eine betonierte Furt durch die Brigach. Nebenan war eine eiserne Fussgängerbrücke, welche zur Schwedendammstrasse führte.

Eines Morgens, die Brigach führte Hochwasser, meinte ich, mit Schwung durch die Furt zu kommen. Die Strömung zog mir das Rad unter dem Hintern weg und ich konnte mit Mühe mein Fahrrad mitsamt der Schulmappe ans andere Ufer retten. Nass wie ein Hund sass ich den ganzen Morgen in der Schule und hatte mir danach eine ausgewachsene Angina eingehandelt. Zudem waren die Schulhefte und die Bücher mit Wasser voll gesogen. Zu hause versuchte ich, alles zu vertuschen, aber es gelang mir nicht, ich hatte Fieber und der Hausarzt wurde gerufen.

Meine Schulaufgaben machte ich immer, aber immer mit einem Widerwillen und mit dauernd abschweifenden Gedanken. Oft trieb ich mich nachmittags auf dem Firmengelände herum und hielt Ausschau ob jemand mit dem neuen VW-Transporter nach Schwenningen fuhr, um verschiedene Besorgungen bei Lieferanten zu machen.

Eines Tages brütete ich nachmittags noch über meinen Hausaufgaben und kam einfach nicht vorwärts. Mein Blick ging laufend zum Fenster hinaus, um nicht zu verpassen, wenn unser Fahrer Friedrich Itta aus Kirchdorf das Auto belud um anschliessend wegzufahren. Nun sah ich, wie er gerade zum Hof hinaus fuhr und ich ärgerte mich, dass ich ihn nicht mehr erreichte. Im Nachhinein war es gut, dass ich nicht dabei war. Er kehrte an diesem Tag nicht zurück. In Bad Dürrheim, an einem unbeschrankten Bahnübergang, überhörte er das Läuten der Lokomotive des „Dürrheimer-Zügle’s“. Die Lokomotive erfasste den Transporter voll auf der Beifahrerseite und zermalmte das Fahrzeug zu einem unkenntlichen Schrotthaufen und liess es total demoliert im Bahngraben liegen. Wie durch ein Wunder überlebte der Friedrich mit schwersten Verletzungen an Kopf und Körper. Tagelang kämpften die Ärzte um sein Überleben. Auf dem Beifahrersitz hätte ich keine Chance gehabt. Dieses Ereignis ist allen sehr nahe gegangen. Es war nichts mehr wie vorher.

Die Firma musste weiterlaufen, ein Tempo-Matador-Lieferwagen mit grösserer Ladefläche wurde danach gekauft. Dieser hatte eine doppelt so grosse Ladefläche und eine Plane. Er hatte den Motor vorne unter dem Sitz, vier Gänge und Frontantrieb, für die damalige Zeit revolutionär. Das Mitfahren war dann anfangs noch interessant, manchmal fuhr mein Freund noch mit, teilweise waren wir als blinde Passagiere unterwegs. Wir versteckten uns hinter grossen Holzkisten auf der Ladefläche und wurden erst in Villingen am Güterbahnhof entdeckt beim Ausladen. Da wurden wir dann von meinem Vater ausgeschimpft, Onkel Willi schimpfte nie, jedoch meine Mutter, wenn sie es erfuhr.

In Schwenningen gab es bei der Automatendreherei Kleinhans in der Rottweilerstrasse Drehteile abzuholen. Federkerne, Säulenstängle, Säulenfüsse und vieles dergleichen wurde in Holzkisten transportiert, es gab erst später die stapelbaren „Schäfer-Kästen“ aus Blech. Immer wenn mein Vater mit dem Martin, so hiess der Herr Kleinhans mit Vorname, noch etwas zu besprechen hatte, erkundeten wir Buben die nähere Umgebung. Das Autohaus Bürk war gerade daneben. Dort gab es Mercedes-Benz-Fahrzeuge und eine Esso-Tankstelle.

Einmal gingen wir in den Garten beim Kleinhans und öffneten eine unter Büschen versteckte  Türe an der Südseite. Eine steile, mit hohem Unkraut übersäte Treppe führte hinab ins sog. „Mühleloch“. Dort unten lief der Neckar vorbei, viele alte Barackenhäuser mit unzähligen Schöpfen darum herum machten uns neugierig. Wir vergassen darüber die Zeit und mein Vater wollte abfahren. Sie suchten und fanden uns in diesem für uns Kinder interessanten, für Erwachsene aber eher unwirtlichen Umfeld. Der Herr Kleinhans, er hatte immer ein Stückchen Milka-Schokolade für uns, machte uns eindrücklich mit sehr ernstem Gesicht klar, dass wir da nie wieder hingehen sollen. „Wenn die Leute, die dort wohnen, euch erwischen, dann braten die euch zum Mittagessen“, oder sie verkaufen euch an Zigeuner. Diese Aussage jagte uns einen gehörigen Schrecken ein, wir waren schockiert, wir wagten uns nie wieder da hin. Jetzt erinnerte ich mich an die Worte meiner Grossmutter: „Wenn ihr nicht esst, was auf den Teller kommt, dann könnt ihr den Mund Richtung Schwenningen halten“.

Im sog. „Mühleloch“ hausten arme Leute, welche durch das Leben arg gebeutelt wurden. Die Stadt, ausgestattet mit entsprechenden Steuereinnahmen durch die vielen gut gehenden Fabriken, unterhielt dieses Viertel für Randgruppen der Gesellschaft. Später hörte ich ältere Leute sagen: „Was, stimmt es, dass dieses Mädchen einen aus dem Mühleloch heiraten will?“ Das muss ein schweres Vergehen gewesen sein, von dort zu stammen oder dort einzuheiraten. Irgendwann im Laufe der Jahre hat man dort die alten Baracken abgerissen, den Neckar verdohlt und neue Wohnblocks errichtet. Heute, fünfzig Jahre später, wird der Neckar wieder offen gelegt, die Landesgartenschau soll die notwendigen Mittel locker machen. Es ist halt wie im richtigen Leben, abends zudecken, morgens aufdecken. Alles wiederholt sich.

Die letzte Station auf der Lieferantentour bevor es nach Marbach zurückging war immer die Fa. Kisten-Schmitt in der Römerstrasse. Dort war eine kleine Schreinerei, die sich auf das Herstellen von Versandkisten und Versandverschlägen spezialisiert hatte. Die Boden- und Seitenteile, sowie die Deckel der Kisten bestanden aus einzelnen, massgenauen Brettchen und wurden damals schon aus Rationalisierungsgründen fast vollautomatisch zusammengenagelt. Meist war es schon spät geworden als wir dort ankamen und es war nur noch der Chef da. Die Kisten standen schon draussen unter dem Vordach und mussten von Hand aufgeladen werden. Der Chef war nebenbei Imker aus Leidenschaft und besorgte meinem Vater den Honig. Immer wann alle Kisten und Verschläge aufgeladen waren, unterhielten sich beide noch angeregt, ich sass meist schon im Auto und wartete sehnsüchtig auf die Heimfahrt, denn zu Hause hatte meine Mutter schon das Vesper gerichtet.

Da gab es noch den Friseur namens Diechele in Schwenningen. Jede Woche kam er mit seinem Fahrrad, später mit seinem Moped, heute würde man sagen, mit seinem Friseurmobil, nach Marbach. Wenn er im Ort war, sah man sein Fahrzeug beim Bürgermeister an der Hausecke stehen. Nun konnten sich die Leute anmelden zum Haareschneiden. Seine handbetriebene Schere hatte durch den ständigen Gebrauch eine „Zahnlücke“, sie zupfte und rupfte uns Buben ganz schon am Schopfe. Alle im Dorf, vom Enkel bis zum Grossvater, bekamen einen Einheitsschnitt für eine Mark. Diechele war ein kleiner, grauhaariger Mann, trug immer einen alten grauen Anzug mit Weste und Krawatte. Nachdem er im Haus war, duftete es noch zwei Tage nach Kölnisch Wasser. Sein Schnurrbart war immer sauber ausrasiert. Soweit ich mich erinnern kann, frisierte er nur Männer. In einem Stoffbeutel hatte er die Handschneidemaschine, 2 Bürsten, 2 Scheren und mehrere Kämme. Natürlich hatte er auch Rasierzeug für die Männer dabei.

Die Frauen auf dem Dorf hatten meist lange Haare zu Zöpfen oder Knoten gebunden und meist unter Kopftüchern verborgen. Sie halfen sich gegenseitig beim Waschen und eindrehen, es war da auch die Zeit für ein kleines Schwätzchen. Da wurde dann das Dorfgeschehen durchgehechelt. Es kam dann zur Sprache, welche Frau schwanger war. Damals gab es schon ganz sichere „Schwangerschaftstests“. Die  Frauen beäugten sich alle genau. So wurde schnell publik, wann und wo seit mehreren Wochen auf den Wäscheleinen keine Monatsbinden zum Trocknen hingen. Ich habe sie noch genau in Erinnerung, diese Monatsbinden, obwohl sie für Jungen tabu waren und eigentlich nicht existieren durften. So zirka 25 Zentimeter lang, 7 Zentimeter breit und 1 Zentimeter dick war das Standardmass, weisser Spezialstoff und auf beiden Seiten ein Knopfloch, nicht mehr zu vergleichen mit den heutigen Damenbinden und Tampons. Befestigt wurden diese abnehmbaren Binden an Strumpfhaltergürteln. Alle Frauen liefen damals mit solchen einheitlichen Utensilien herum. Heute sind diese Dinger ja wieder modern, allerdings sind sie heute aus anderen Stoffen und das Einsatzgebiet hat sich auf andere Schwerpunkte verlagert. Alles schon mal da gewesen, die Mode wird immer wieder modern für den, der etwas Geduld hat.

In dieser Zeit konnten wir Kinder unser nicht vorhandenes Taschengeld aufbessern. Damals nannte man es Sonntagsgeld. Immer im Herbst, wenn die Holunderbüsche an den Feldrainen voll schwarzer Beeren hingen, fuhren wir mit unseren alten, zusammengeflickten Fahrrädern über die Feldwege zu den Büschen und schnitten die Beeren ab. Man füllte Spankörbe damit und brachte sie zum Preiser nach Villingen. Diese Schnaps- und Likörfabrik war in der Nähe vom Bahnhof. Die Holunderbeeren wurden gewogen und man bekam pro kg bezahlt. Nun konnte man sonntags zum Gasthaus Linde gehen. Dort wurde am hinteren Küchenfenster Eis für 10 Pfennig die Kugel verkauft. Auch konnte man sich mit diesem Geld sonstige Kinderwünsche erfüllen. Die grösseren Buben schlichen sich heimlich zum Automaten an Elsässers Hauswand, denn dort gab es ausser Süssigkeiten noch Zigaretten, 20 Stück für 1 Mark. Zuban, Eckstein, Kurmark, Rothändle. Damals gab es noch keine Zusatzstoffe in den Zigaretten. Wer zum ersten Mal rauchte, wurde von den Alten gefragt, ob er auch seine Hose zugebunden hätte. Da wurde noch gehustet, gekotzt und in die Hose geschissen. Heute sind neben Menthol noch viele sonstige Abfallprodukte aus der Petrochemie drin, die solche Anfängersymptome unterdrücken. Die heutigen Jugendlichen müssen weder husten, noch kotzen, noch in die Hosen scheissen. Damals probierten nur die Jungs zu rauchen. Heute rauchen die Mädchen dieses bewusst süchtig machende Unkraut. Natürlich habe ich auch mal das Rauchen probiert, ich muss so etwa zwölf gewesen sein. Mein Vater hat nie geraucht, hatte aber im Wohnzimmerschrank in der untersten Schublade ganz hinten eine alte Zigarrenkiste versteckt, er hatte sie aus französischer Gefangenschaft mitgebracht. Wahrscheinlich erinnerte sich weder er noch meine Mutter an diese Schachtel. Mein Freund und ich nahmen sie an uns, besorgten uns Streichhölzer und kletterten auf die hohen Föhren hinter dem Ostbahnhof. Dort fingen wir an, diese hundsalten, schwarzen Franzosenzigaretten ohne Filter zu rauchen.

Bald wurde uns so schlecht, dass wir grosse Mühe hatten, heil vom Baum herunter zu steigen. Um den beissenden Geschmack im Mund zu vertreiben, schlichen wir uns in den Vorratskeller und assen Äpfel. Nun wussten wir auch, wo der Ausdruck herkam: “Habt ihr euch die Hosen zugebunden?“

Doch aufgegeben haben wir nicht, in wenigen Wochen war die Zigarrenkiste leer. Ich fand keinen Gefallen am Rauchen und das Thema war für mich ein für alle Mal und für den Rest meines Lebens erledigt.

Ich erinnere mich noch an eine Begebenheit über die Verwendung des Holundergeldes vom Preiser. Wir hatten Besuch von einem Jungen namens Klaus Klöpfer. Er stammte aus Schutterwald. Seine Mutter und meine Mutter kannten sich irgendwie aus dem Krieg. Wir Buben brachten jede Menge Holunder zum Preiser und hatten für damalige Zeit und für unser Alter Geld wie Dreck. In Villingen war Jahrmarkt. Da war ein Mann mit Würfelspiel. Auf allen sechs Seiten des Würfels waren andere Motive. Man konnte seine Einsätze auf die jeweiligen Motive setzen. Wir hörten den Mann schreien: „Wer hat noch nicht, wer will noch mal, der Bauer ist noch frei, die Rose ist noch frei“. Es gab allerlei „Lumpenzeug“ zu gewinnen. Mein Kamerad Klaus setzte eifrig, möglichst auf alle Karten. Nun warf der Mann seinen Würfel durch ein viereckiges Loch in einen Kanal und unten fiel der Würfel heraus und rollte zufällig auf ein Feld. Wenn das Feld mit deiner bezahlten Karte übereinstimmte, hattest du gewonnen.

Klaus setzte auf alle 6 Karten, schon waren 60 Pfennig weg. Er bekam einen Kaugummi, ein Schoppenfläschchen mit bunten Kügelchen und ein kleines Püppchen. Freudestrahlend rief er: „Das ist für mein kleines Schwesterchen Renate“. Ich konnte das nicht verstehen, für das kleine Schwesterchen. Er setze wieder und wieder, das ganze Geld schlug er auf den Kopf und hatte jede Menge „Lumpenkram“ gewonnen. Nun käme ich dran mit meinem Geld, meinte er. Ich fand keinen Gefallen an dem Scheiss-Spiel und schon gar nicht an den lausigen Gewinnen. Ich dachte an das mühsame Holunderpflücken auf den Büschen und an das mühsame Ziehen des Handwagens mit den vollen Spankörben nach Villingen. Da war mir das Geld zu schade, um es auf diese Weise rauszuhauen. Klaus war sehr sauer auf mich, nannte mich einen Geizhals und Egoisten, weil ich meiner Schwester nichts mitbrachte. Ich dachte, schimpf du nur, ich hab mein Geld noch, hatte mir aber noch nicht ausgedacht, was ich damit anfangen werde, Hauptsache war für mich, dass das Geld noch im  Hosensack klimperte.

Einmal kann ich mich erinnern, wie ich mit meiner Mutter auf dem Jahrmarkt war. Ich durfte einmal mit dem Kinderkarussell fahren. Anschliessend ging es auf die Schiffschaukel, es ging nicht lange gut, dann wurde mir kotzübel. Danach bekam ich ein Tütchen mit gebrannten Mandeln, das baute mich wieder auf. Bis heute habe ich Lust auf diese Köstlichkeit, wenn ich auf einen Jahrmarkt komme.

Später gab es eine katholische Männerzeitschrift „Mann in der Zeit“ im Ort zu verteilen und jeden Monat einmal zu kassieren. Eine Frau im Ort, die es bisher gemacht hatte, konnte es gesundheitlich nicht mehr tun und schwatzte diese Tätigkeit meiner Mutter auf. Diese delegierte es an mich weiter, da ich ja sowieso viel mit dem Fahrrad im Dorf herum kam. Das machte ich dann einige Zeit und bekam dafür ein Taschengeld. Oft kam ich in die verschiedenen Bauernhäuser, die Haustüren standen meist offen. Die Häuser hatten oft ähnliche Grundrisse. Geradeaus durch einen langen schmalen Gang kam man in die dunkle, russgeschwärzte Küche. Links oder rechts des Hauseingangs ging es ins Wohnzimmer oder in den Stall. Die Treppe hoch ging es zu den Schlafgemächern und unter dem Dach wohnten die Kinder oder die Knechte und Mägde.

„Hallo, ist jemand da, ich möchte den Mann in der Zeit kassieren“, oft kam keine Antwort, die Leute waren auf dem Feld, da musste ich mehrfach vorbei, bis ich mein Geld bekam. Aber ich hatte ja einen richtigen Tacho an meinem Fahrrad und war stolz auf die vielen Kilometer. Für solch elementare Dinge gab ich „mein“ Geld gerne aus.

In späteren Jahren schlossen die Leute ihre Haustüren ab. Zigeuner sowie auch fahrende und fliegende Händler zogen öfters durch das Dorf, und das Vertrauen war durch wenige negative Vorkommnisse gestört.

Vor jedem Bauernhaus befand sich ein mehr oder weniger grosser Misthaufen. Für mich sah es so aus, als wollte jeder Bauer den grössten und den schönsten haben. Gleich nebenan war der Güllepumper, anfangs noch Handbetrieb, später mit Motor. Meistens scharrten die Hühner auf dem Misthaufen.

In dieser Zeit mussten die älteren Schüler je einen Satz ins Heft schreiben über Stalingrad. Der Lehrer liess einen nach dem anderen vorlesen. „Stalingrad ist eine grosse Stadt in Russland“, in Ordnung, prima. „In Stalingrad sind viele deutsche Soldaten im Krieg gefallen“, in Ordnung, prima. „In Stalingrad sind die Winter bitterkalt“, las der nächste, in Ordnung, prima, lobte der Lehrer. Nun  ging es weiter. „Auf unserem Misthaufen...“, was soll das, sagte der Lehrer, Thema verfehlt, setzen. „Aber Herr Lehrer, das ist doch nur der Anfang“. Also lies noch mal von vorne. „Auf unserem Misthaufen, da sass ein Gockelhahn“, halt, stopp, ich wollte einen Satz über Stalingrad, nicht über euren Misthaufen und nicht über euren Gockelhahn. Der Schüler fing an zu weinen und stammelte: „Herr Lehrer, das Wort Stalingrad kommt in meinem Satz erst ganz zum Schluss. Also noch mal, sagte der Lehrer. Erneut begann der Schüler zu lesen: „Auf unserem Misthaufen, da sass ein Gockelhahn, da kam ein Schwenninger vorbei und stahl in grad“. Da gab es ein ziemlich grosses Gelächter, der Lehrer fühlte sich gefoppt und erteilte ihm zwei saftige Tatzen.

Der Familie des Buben wurde tatsächlich ein Gockel gestohlen, es wurde aber nur vermutet, dass es ein Schwenninger gewesen sein könnte.

Wenn die Bauersleute auf dem Feld waren, legten sie den Hausschlüssel meist auf das Brett über der Haustüre oder in einen Blumenkasten oder unter den Fussabstreifer.

An den Wochenenden liefen viele Schwenninger zu Fuss über das Zollhaus nach Marbach. Mit ihren Ziehwagen kamen sie vom Ostbahnhof herab. Über Rietheim, Pfaffenweiler gingen sie in die endlosen Wälder von Herzogenweiler. Dort sammelten sie ausser Brennholz und Tannenzapfen vor allen Dingen Himbeeren und Heidelbeeren. Die Wälder waren danach sehr sauber und aufgeräumt, nichts lag mehr herum. Man hörte die Leute im Dorf sagen: „Da brauchst du gar nicht mehr hingehen, da waren schon die Schwenniger“.

Auch auf den Feldern wurden auf dem Rückweg die letzten Ähren abgegrast. So ging kein Korn verloren. Mit den Körnern, die heute auf den Feldwegen in unserer Region und auf den  Strassen zur Kutmühle liegen bleiben, wenn der Mähdrescher durch ist, hätte man nach dem Krieg ganz Schwenningen über die Runden bringen können.

Wir Buben waren immer begeisterte Rohkostler. Alles was im eigenen und auch in fremden Gärten wuchs, assen wir mit Genuss. Mit Erbsen, Gelben Rüben, Rettichen, Radieschen, Kohlrabi, Äpfeln, Birnen, Zwetschgen, Pflaumen, Mirabellen füllten wir unsere Mägen. Wir assen auch Zuckerrüben auf den Feldern. Sie waren als Viehfutter gedacht. Erst viel später, als Kunstdünger aufkam, wurde uns dieses verboten zu essen, aus gutem  Grund. Die Kniggebockerhosen, die unsere Mütter selbst genäht hatten, waren sehr geräumig für diese Köstlichkeiten. So sassen wir meistens auf Bäumen, jeder hatte seinen speziellen Ast, und so verzehrten wir genüsslich unsere Beute. Damals waren wir noch echte Jäger und Sammler. Im Nachhinein kann ich guten Gewissens sagen, es war nicht nur eine schöne Zeit, sondern auch eine schöne Kindheit auf dem Land. Natürlich gab es auch mächtigen Ärger, wenn wir beim Überklettern der Zäune unsere Hosen zerrissen oder wenn wir beim Herumstöbern in Scheunen und Schöpfen die Hosen mit schwarzer Karrenschmiere versauten. Die Hosen wurden gewaschen, geflickt und weiter angezogen. Zu kaufen gab es nichts. Da haben es die Kinder heute schwer mit ihren Markenklamotten, wo diejenigen Kinder ausgegrenzt werden, deren Eltern nicht mithalten können. Diese Probleme kannten wir nicht. In den Monaten wo kein “r“ vorkam, Mai bis August, brauchten wir keine Schuhe tragen und durften im Talbach baden. Barfuss gingen wir auch zur Schule. Wenn im Sommer der Teer auf der Hauptstrasse weich wurde, konnten wir unsere Fussabdrücke plazieren. Die schwarzen Füsse wieder zu säubern, war fast unmöglich. Blutende Zehen, Knie und Ellenbogen waren an der Tagesordnung.

Gerne erinnere ich mich an die Kilbig im Herbst zurück. Kirchweih oder Erntedankfest sagt man heute dazu. Wir nahmen alte Blech- oder Honigdosen, schlugen Löcher in den Boden und bohrten mit einem Nagel am oberen Rand seitlich zwei gegenüberliegende Löcher. Durch diese beiden Löcher zogen wir einen Draht. Das war nun die so genannte „Kilbigkanne“. Darin wurde ein Feuer entfacht mit Papier, trockenem Tannenreisig, trockener Baumrinde und kleinen Holzstückchen. Nun wurde die Kanne mit kräftigen kreisenden Bewegungen geschwungen ( schwaien nannte man es im Dialekt ). Das Feuer in der Kanne kam nun richtig auf Touren, es knisterte und rauchte. Wenn sich richtige Glut und Hitze einstellte, legte man trockene Tannenzapfen darauf und etwas Wachhoderreisig, das gab einen besonders intensiven, aromatischen Rauch. Ein idealer Platz für dieses „Kilbigfierle“ war über dem Ostbahnhof im Fohrenwäldle namens Träufle. Heute wäre so ein Tun undenkbar und auch vom Gesetzgeber verboten. Wenn es Nacht wurde, sah man über weite Strecken die kreisend leuchtenden Kannen am Abendhimmel. Zudem rochen unsere Kleider so schön nach Rauch. Bevor es Zeit zum Heimgehen war, schleuderte man die glühende Kanne in den Himmel, die Glut fiel heraus, das war ein einzigartiges Feuerwerk, viel schöner als die Raketen, die heute verbraten werden. Und kostenlos dazu.

Nach der Kartoffelernte wurde auf den Feldern das getrocknete Kartoffellaub aufgeschichtet und angezündet. Über der ganzen Baar lag ein einzigartiger Duft. In diesen Feuern durften wir Kinder Kartoffeln braten. Aufgesteckt auf Holzspiessen konnte jeder seine Kartoffeln rösten nach Belieben.

Immer im Sommer an einem gewissen Samstagabend pilgerten die Leute zu Fuss mitsamt den Kindern vom Dorf hinauf über die Gleise beim Ostbahnhof, danach über das Gewann Hebsack ins Greit, einer Hochfläche in der Nähe der heutigen Tennisplätze. Von da aus hatte man einen wunderbaren Rundblick über die Baar. An diesem Abend war ein traditionelles Seenachtsfest am Salinensee in Bad Dürrheim. Es gab, wenn es dunkel geworden war, ein Feuerwerk. Man lag auf wohl duftenden Heuhaufen und sah dem Spektakel zu. Die Leute hatten weder Zeit noch Geld für den Eintritt um selbst in Bad Dürrheim beim Fest dabei zu sein. Da war diese Hochebene vergleichbar mit einem Logenplatz. Nach diesem Erlebnis, heute würde man es als Event bezeichnen, ging man wieder gemeinsam nach Hause.

Für uns Kinder gab es zu damaliger Zeit schon einen Abenteuerspielplatz. Dieser Spielplatz war das ganze Dorf. Ausser den vielen Scheunen und Schöpfen als Verstecke, gab es noch interessante Werkstätten wie zum Beispiel die des Dorf-Elektrikers Berthold Schaumann auf dem „Spatzenberg“ und die des Dorf-Schreiners Eduard Schaumann in der „Gehren“. Beide waren Brüder. Im Bereich der Mühle faszinierte und das grosse, vom Wasser angetriebnen, schwere Mühlrad, das damals Transmissionen in Bewegung hielt, die wiederum die zahlreichen Mahlwerke über breite und lange Lederriemen antrieb. Meine Grossmutter Agnes nahm mich öfters mit, wenn sie mit dem Ziehwägelchen einen Sack voll Weizen- oder Gerstenkörner zu Mehl mahlen liess. Dann durfte ich mit in die Mühle in den zweiten Stock wo die roten Mahlwerke liefen. Durch ein Schauglas an der Vorderseite konnte man beobachten, wie das Korn je nach Einstellung des Müllers grob oder fein gemahlen wurde. Ich kann mich gut erinnern, dass die Transmissionen mehr Lärm machten als die Mahlwerke. Diese summten nur leise und verbreiteten ein monotones Geräusch. Der Müller Albert Riegger, ein sehr ruhiger und liebenswürdiger Mann, war immer mit Mehlstaub bedeckt, die Haare hatte er unter einer Mütze, aber seine Augenbrauen, seine Nasenflügel und die Ohren erschienen karrikaturenhaft. Seine Frau hiess auch Agnes wie meine Oma, sie verabschiedete die grossen und die kleinen Kunden immer mit guten Worten.

Während die grösseren Buben in der Gehre spechteten oder Fussball spielten, trieben wir kleineren andere Spässchen. Wir klingelten oder klopften an Haustüren oder Fensterläden, besonders gern bei Leuten, die Reaktionen zeigten. Wenn einer von uns erwischt wurde, setzte es kräftige Ohrfeigen. Nie hätte zu damaliger Zeit einer zu Hause erzählt, dass er geohrfeigt wurde, sonst hätte es gleich noch mal eine Tracht Prügel gesetzt. Alle waren froh, wenn die Eltern oder der Lehrer es nicht von anderer Seite erfuhr.

Auf dem Spatzenberg lebte ein ältere, allein stehende Frau mit ihrer unehelichen Tochter in einem kleinen, an das Haus ihres Bruders angebauten Häuschen. Es war so eng darin und die Haustüre ging nach aussen zur Strasse hin auf. Die älteren Leute nannten diese Frau „Gawall“, warum weiss ich nicht. Da machten wir uns öfters den Spass und klemmten eine Holzlatte unter die Türklinke. Dann klopften wir und rannten ein Stück weg. Aber nur so weit dass wir ihr Schimpfen noch gut hören konnten. Es war ihr nicht möglich, die Türe von innen aufzumachen, deshalb sakramentierte sie lauthals. Im Winter stiegen wir auf das Dach des gegenüberliegenden Bauernhauses. Es reichte auf der Hinterseite bis fast auf den Boden und war relativ flach. Oben blickten wir über den First, machten Schneebälle und feuerten damit auf ihre Haustüre. Es ging nicht lange, da rannte sie heraus und schimpfte mit uns Lausbuben. Wir waren aber sicher auf dem Dach.

Im heutigen Ortsbezirk Melben gab es zwei riesige Mohnfelder. Gegen Herbst waren die Mohnkelche braun und die darin enthaltenen kleinen Samen reif. Sie hatten eine dunkelblaue bis schwarze Farbe und schmeckten köstlich. Da ist es niemandem aufgefallen, wenn jedes Jahr ein paar Mohnkelche fehlten.

Im Wonnemonat Mai sammelten wir jede Menge Maikäfer. Die mit den grossen Fühlern bezeichneten wir als Männchen, die mit den kleineren Fühlern als Weibchen. Alle  kamen in Schuhkartons mit Löchern drin, damit sie nicht ersticken sollten. Nun veranstalteten wir Flugwettbewerbe. Je hundert Stück zählten wir in ein Einmachglas, dann auf Kommando die Deckel herunter, Zeit läuft. Wie viele schaffen es in einer halben Stunde, diesem Gekrabble zu entfliegen? Ein tolles Schauspiel, wie sich die einen nach oben buchstäblich kämpften und die anderen zurückblieben, wie im richtigen Leben. Manch einer hatte sich gerade aufgepumpt und wollte fliegen, da hielten ihn die anderen mit ihren Füssen fest. Es waren maximal dreissig Käfer, die davonfliegen konnten. Es wurden immer weniger, denn je mehr das Glas sich leerte, um so schlechter waren die Chancen zum davonfliegen. Die meisten rutschten beim Anstossen am Glas ab und mussten von vorne beginnen, zudem lief die Zeit ab.

Das waren unsere Spiele ohne Computer, aber mit lebenden Objekten.

Im Talbach fingen wir Kaulquappen, Gropper und Molche, im Bahngraben am Westbahnhof kleine, bunte, gelb oder orange gezeichnete Salamander. Für uns waren das zahme Mini-Krokodile.

Im Dorf gab es viele kleine Fusswege zwischen den Häusern, wir Kinder kannten sie alle. Sie dienten uns vorwiegend dazu, uns schnell zu verstecken oder schnell abzuhauen, wenn jemand hinter uns her war, oder wenn der Lehrer, der Pfarrer oder die Ordensschwester des Weges kam.

Da möchte ich noch den einen Fussweg durch das Feld auf das Gewann Greit erwähnen. Er begann oberhalb des Ostbahnhofs. Fast das ganze Jahr, ausser im Winter, gingen die Bauersleute zu Fuss diesen Weg. Meist hatten sie irgendeine Hacke, eine Gabel oder eine Sense auf dem Rücken. Der Pfad war entsprechend ausgetrampelt, es wuchs an dieser Stelle ausser Unkraut nichts. Da war es für uns Buben herrlich mit unseren alten „Göppeln“ durch hohes Gras oder hohe Getreidefelder zu fahren. Einen besonderen Reiz hatten die heissen Tage, dann zogen wir uns nackt aus und klemmten die Kleider auf den Gepäckträger. Nun fuhren wir durch die schmale Furt und die Ähren kitzelten so schön unseren Körper. Allerdings bestand auch die Gefahr, dass uns jemand unverhofft entgegen kam und wir bei einer Todsünde erwischt wurden. Dann hatten wir richtige Sünden zu beichten, statt erfundene.

Zwischen der ursprünglich kleinen Uhrenfabrik und unserem Haus stand eine alter Holzschuppen. Auf der einen Seite stand der dreirädrige Goliath Lieferwagen drin. Auf der Rückseite ein riesiger Holzschopf für die Wintervorräte. Dort befand sich auch ein Handwagen, allerdings kein herkömmlicher. Er hatte nur eine Achse. Zwei grosse Speichenräder von einem Fahrrad mit Vollgummireifen waren an der Achse befestigt. Zwischen den Rädern war eine Holzkiste angeschraubt und als Deichsel fungierte ein Schaufelstiel. Meine Oma gab diesem Gefährt den Namen „Italienerkarren“. Es klang ziemlich abwertend. Ich nehme an, dass Opa ihn von seinem Auslandsaufenthalt in Italien mitgebracht hatte. Darin wurde hauptsächlich gespaltenes Holz transportiert. Irgendwann legte sich mein jüngster Onkel Erich einen Schäferhund zu. Für den wurde angrenzend an diesen Holzschopf ein Hundezwinger für die Sommermonate eingerichtet. Carlo, so hiess der Hund, hatte dort einen riesigen Auslauf. Ich selbst hatte ja Angst vor Hunden, und deshalb nichts mit ihm am Hut. Wahrscheinlich hat der Hund das gleich geschnallt, er zeigte mir öfters seine Zähne und bellte wie verrückt, wenn ich mich ihm näherte. Natürlich hatte niemand Zeit, diesen Hund zu dressieren, entsprechend war auch sein Verhalten, den Leuten und anderen Hunden gegenüber. Eines Tages probierte meine Oma mit dem Hund spazieren zu gehen. Unterwegs kam jemand mit einem anderen Hund. Nun war der Teufel los, Carlo riss meine Oma zu Boden und zog sie liegend an der Leine auf dem Feldweg entlang. Sie hatte sich seine Leine um die Hand gewickelt und war nicht in der Lage, den Hund loszulassen. Mit aufgeschürften Knien und Ellenbogen, ihr Kleid und die Strümpfe zerrissen kam sie heim. Das war ihr erster und letzter Ausgang mit dem Hund. Er musste wieder in den Zwinger. Der Zwinger war mit einem zwei Meter hohen Zaun umgeben. Eine wirklich schöne Hundehütte war das Domizil von Carlo. Einmal wurden wir auf ein furchterregendes Geheule aufmerksam. Mein Vater und meine Mutter rannten nach draussen. Carlo hing mit seiner langen Kette am Hals ausserhalb des Zauns auf halber Höhe und schnappte nach Luft. Irgendein anderes Tier, vielleicht eine Katze, musste ihn so gereizt haben, dass er über den hohen Zaun gesprungen oder geklettert ist. Jedenfalls war die Kette lang genug, aber offensichtlich doch zu kurz, so dass er auf der anderen Seite den Boden nicht erreichte. Mein Vater hatte grosse Mühe, den Hund aus seiner misslichen Lage zu befreien, weil dieser in Luftnot wild um sich biss. Von da an war für mich nicht der Hund, aber das Thema Hund gestorben.

Einmal sorgte der Hund noch für eine ganz andere Begebenheit. Manchmal nahm Opa den Hund einfach mit nach Hause, damit die Oma sich an den Hund und er sich an die Oma gewöhnen sollte. Das ging einigermassen gut. Opas Haus wurde ein paar Jahre später neben unserem Haus gebaut. Eines Tages hatte Grossvater Besuch von einem alten Lieferanten von Zahnradtrieben. Er kam von Bubenbach im Schwarzwald und war der Seniorchef dieser Firma. Opa brachte ihn mit zu sich nach Hause. Jedenfalls ging es so gegen die Mittagszeit und Oma wollte anfangen, für sich und Opa zu kochen. Opa wollte den Herrn Tritschler zum Mittagessen einladen. Oma war eine sehr sparsame Frau, um nicht zu sagen knickerig. Sie liess den Opa wissen, dass sie absolut nichts im Haus habe und schon gar nicht für eine dritte Person. Ich nehme an, dass Opa, er war immer weltoffen und grosszügig, dies nicht recht war, aber er fügte sich.

Die beiden Männer sassen im Wohnzimmer und unterhielten sich. Oma werkelte in der Küche, der Hund lag im Flur. Irgendwann brauchte Oma etwas aus dem Keller. Aus Versehen liess sie die Küchentüre offen stehen, der Hund lief schnurstracks hinein, schnappte sich den Schinken, den die Oma nur mit Opa teilen wollte, und legte ihn beiden Männern vor die Füsse. Die nächste Zeit hing der Haussegen ordentlich schief, jedenfalls war zwischen beiden eine länger anhaltende Funkstille. Erst viel später konnten sie darüber lachen.

Mitte der fünfziger Jahre lief die Firma so gut, platzte aus allen Nähten, man begann mit dem ersten Erweiterungsbau. Auch wurden Schuppen und Garagen an der südlichen Grundstücksgrenze erstellt. Dort war hinter dem mittleren grossen Garagentor die neue Packerei untergebracht. Die Uhren kamen zuerst in Kartons, danach die Kartons in Holzverschläge und Holzkisten. In dieser Abteilung wurde den ganzen Tag genagelt, die Kisten mit Eisenbändern umreift und dann gestempelt.

Ich kann mich an einen grossen Uhren-Auftrag nach Montevideo erinnern.

Ein in Bremen stationiertes argentinisches Kriegsschiff sollte die ungewöhnliche Fracht mitnehmen. Das besondere an diesem Auftrag war, dass jede Uhr separat in eine kleine Holzkiste verpackt werden musste. Die kleinen Holzkistchen waren so bemessen, dass sie genau in eine grosse Kiste mit zwölf Stück passten. Diese Holzkisten durften nicht gestempelt werden, so dass weder Inhalt noch Herkunft von aussen erkennbar war. Ein Kriegsschiff mit Uhren statt Waffen, wo gibt es denn so was?  Vielleicht wollte es der Kapitän so, Platz auf dem Schiff gab es wahrscheinlich genügend.

Vom Villinger Gefängnis kam jeden Morgen ein Aufseher mit fünf Gefangenen. Sie wurden vom Arbeitsamt vermittelt. Unter Aufsicht nagelten diese Männer den ganzen Tag Kisten zu. Meine Mutter brachte ihnen zur Pause Brote und Sprudel. Es dauerte ein paar Wochen, bis dieser ungewöhnliche Auftrag verschickt werden konnte. Die schweren Kisten auf den Speditionslastwagen vom Seegmüller zu laden war ebenfalls Knochenarbeit. Hubwagen oder Gabelstapler gab es erst viele Jahre später. Da mussten die Fahrer beim Aufladen in den Firmen und beim Abladen in der Spedition kräftig mithelfen. Zudem hatten ihre Lastwagen noch keine Servolenkung, dafür aber riesige Lenkräder. Genauso war es, wenn Lastwagen Messingbänder oder Messingbleche brachten. Das Abladen der schweren Kisten wurde in Handarbeit erledigt, später mit einer Rutsche aus zwei schweren, runden Eisenträgern. Danach wurde das Material mit mehreren Sackkarren ins Lager transportiert. Immer die körperlich stärksten Männer wurden für solche Arbeiten eingesetzt. Erstaunlicherweise waren zu damaligen Zeiten Bandscheiben- und Rückenprobleme unbekannt.

Die sechs Jahre im Gymnasium plätscherten so dahin ohne Höhepunkte und auch ohne totale Tiefpunkte. Ich wollte nichts als weg, konkrete Vorstellungen für einen Beruf hatte ich nicht. Darüber wurde mit Vater und Mutter nie geredet. Sollte es etwas auf technischem Gebiet oder im kaufmännischen Bereich sein?

Die staatliche Schwenninger Fachschule, heute Feintechnikschule, war damals Ausbildungsstätte für Fabrikantensöhne in den Bereichen Uhrmacherei, Feinmechanik und Elektromechanik, später auch Elektronik.

Die Absolventen dieser Schule hatten auch in früheren Jahren beste Chancen auf einen guten und sicheren Arbeitsplatz. So war ich froh, wenigstens den Abschluss Mittlere Reife geschafft zu haben. Nichts wie weg zu neuen Ufern.

Wenn mich überhaupt etwas interessierte, dann Technik. Also meldete ich mich an zu einer Lehre als Fein- und Elektromechaniker, bestand die Aufnahmeprüfung und wurde angenommen. Drei Jahre sollte die Ausbildung dauern, Unterricht und Praxis gleichzeitig.

Nun fühlte ich mich wesentlich wohler als auf dem Gymnasium, die Schwenninger-, Deisslinger-, Sunthauser-, Rottweiler- und Schramberger-Buben lagen mehr auf meiner Wellenlänge. Ich blühte auf und war für jeden Spass und auch jeden Sch..ss zu haben.

Anfangs ging es mit dem Zug nach Schwenningen, im Sommer mit dem Fahrrad. Meine alten Freunde aus dem Dorf gingen nach der Hauptschule in normale Lehren und bekamen schon Lehrlingslohn. Sie legten sich Mopeds zu. Das war auch mein Traum. Das Geld dazu fehlte mir. Ich ging zwar sehr sparsam mit meinem Taschengeld und dem Geburtstagsgeld meiner Grosseltern um, es wollte nicht reichen. Meine Mutter hatte sowieso nichts, und meinen Vater um etwas zu bitten, hatte ich bis dahin nie gelernt. In der Zeitung war ein  gebrauchtes, reparaturbedürftiges 3-Gang Kreidler Florett“ ausgeschrieben, anzusehen in St. Georgen. Den Führerschein Klasse IV für Traktoren und Leichtmotorräder hatte ich schon früher ohne das Wissen meiner Eltern gemacht. Ein Moped mit nur 40 km/h war mir zu langsam. Der Preis war wegen der Mängel günstig, ich weiss nicht mehr, was es kosten sollte. Kreidler war damals eine bekannte Stuttgarter Firma  (Kreidlers Draht- und Ziehwerke) und das Florett der Traum eines jeden Halbstarken. Der Rennfahrer Hans Georg Anscheidt wurde damals Weltmeister auf einer 50 Kubikzentimeter Rennmaschine von Kreidler. Dieser Weltmeistertitel war auch ein Aushängeschild für diese legendären Fahrzeuge.

Jedenfalls war für mich der Leidensdruck, ein solches Fahrzeug zu besitzen stärker, als die Angst, von meinem Vater eine Absage zu bekommen. Nach langem herumdrucksen fasste ich mir ein Herz und traute mich, ihn zu fragen. Er gab mir wider erwarten den fehlenden Betrag, gab mir aber zu verstehen, dass es allein meine Sache sei, ob es nun richtig läuft oder nicht, für Folgekosten sei er nicht zuständig. Ich war überglücklich, wohl das erste Mal seit meiner Kindheit. Als ich dann das Fahrzeug zu Hause hatte und die erste Fahrt antreten wollte, riss gleich die Kette. Zündung und Vergaser waren schlecht eingestellt, die Kupplung rutschte, das Ding hustete und stotterte. Es wollte keine rechte Freude aufkommen. Mit dem Fahrrad fuhr ich nach Kirchdorf in den Löwen. Dort hatte der Doser-Karle seine Motorradwerkstatt und führte auch Kreidler Fahrzeuge. Ich zeigte ihm die alte Kette. Diese war dermassen verspannt und verzogen, er gab mir eine gebrauchte, aber gut erhaltene aus einem Unfallfahrzeug mit, bezahlen brauchte ich nichts dafür. Er bot mir an, das Fahrzeug mal zu bringen. Ich stelle dir die Zündung und den Vergaser ein, sagte er. Wenn du gut aufpasst, kannst du es dann selber machen. Er verlangte nichts dafür und gab mir noch ein Anleitungsbuch mit, das war für mich der Anfang einer Leidenschaft für Motoren. Jedenfalls hatte der Karle, später wurde er Bürgermeister in Kirchdorf, immer ein offenes Ohr für uns junge Kerle und unsere knappen Geldbeutel. Manch einer kaufte dann später ein Neufahrzeug bei ihm und liess es bei ihm warten. Leider musste er durch eine schwere Krankheit früh sterben. Gerne denke ich an diese Zeiten zurück.

Nun konnte ich täglich mit einem intakten Fahrzeug nach Schwenningen fahren.

Doch bald kamen neue 4-Gang Kreidler auf den Markt. Sie waren natürlich etwas schneller durch die 2 PS mehr und das neue 4-Gang-Getriebe. Zudem hatte es Fussschaltung. Der Schwerpunkt lag niedriger und somit war die Strassenlage verbessert. Für mich kam die Stunde des „Frisierens“, heute würde man das „Tuning“ nennen. Ich wollte schliesslich mithalten mit den anderen.

Nun wurde für mich die heimische Werkstatt in der Uhrenfabrik interessant. Die alte Zylinderkopfdichtung aus asbesthaltigem Material mit 2 mm Dicke wurde durch eine 0,5 mm dicke, selbst angefertigte aus Kupfer, ersetzt, die Ein- und Auslasskanäle am Zylinderkopf vergrössert und poliert. Der Vergaser entsprechend aufgebohrt, poliert und die Düsen und Düsennadeln angepasst.

Nun hatte der Motor eine grössere Kompression, die Zündung musste ich der höheren Leistung und der höheren Drehzahl anpassen. Nun setzte ich der Zweitakt-Mischung pro Tankfüllung noch 100 ml Rizinusöl hinzu, diese zähe, farblose Flüssigkeit aus der Apotheke, für Darmreinigung bei Wurmbefall gedacht, sollte die Schmierung des Kolbens verbessern. Ausserdem war für mich der Nebeneffekt bei der Verbrennung ein Geruch am Auspuff, den ich schon von verschiedenen Motocross Rennen kannte. Allerdings blieben die 3 Gänge und es galt mit verschieden Kettenritzeln und Zahnrädern zu experimentieren, um die gewonnene Leistung auf die Strasse zu bringen. Zu kaufen gab es diese Teile nicht. Materialien dazu gab es genügend und kostenlos auf dem Schrottplatz beim Scholz in Klengen.

Die Uhrmacherdrehbänke waren allerdings für solche grobe Arbeiten zu schwach und nur für Feinarbeiten zu gebrauchen. Die Grobarbeiten an Ritzeln und Zahnrädern erledigte ich teilweise mit, teilweise ohne Wissen und ohne Zustimmung des Werkstattlehrers auf der Schule.

Damals nannten mich meine Mitschüler „Ritzelfranz“.

Diese neuen Ritzel erforderten natürlich immer wieder Tests und entsprechende Probefahrten. Da kam es einmal vor, an einem heissen Sommertag, ich hatte gerade mein Gefährt total auseinander genommen und nur das Notwendigste daran, also ohne Schutzbleche, ohne Licht, ohne Auspuff, ohne Nummernschild begab ich mich zum Testen. Bekleidet mit kurzer Hose und Sandalen, ohne Hemd und ohne Helm fuhr ich in der Abenddämmerung Richtung Bad Dürrheim bis zum Steinbruch und drehte um Richtung Marbach. Hinter mir her zog  ich ohrenbetäubenden Lärm wegen des fehlenden Auspuffs, Feuer zuckte aus dem Auslassschlitz am Zylinderkopf, ein Geruch von Renn Atmosphäre verfolgte mich in liegender Haltung, den Tachometer fest im Blick, raste ich ins Dorf. Am alten Rathaus, kurz vor der „Lindenkurve“ zeigte die Tachonadel 100 an. In meiner gebückten Haltung, in meinem Eifer und meiner Freude über die gelungene „Frisur“ übersah ich einen Polizisten mit der Kelle beim Gasthaus Linde. Als ich mich aufrichtete um mich gleich wieder in die Kurve zu legen, sah ich ihn, aber es war zu spät, ich wich ihm instinktiv nach links aus, bremsen war eh nicht möglich, nicht weil es zu gefährlich gewesen wäre, nein, ich hatte gar keine Bremsen montiert, weder hinten, noch vorne. Mit Ach und  Krach kam ich durch die Kurve, zum Abhauen hatte ich nicht die Courage, drehte um und kehrte reumütig zum Polizisten zurück. Es waren zwei. Ich weiss nicht mehr, mit welchen Worten ich versucht habe, mich herauszureden, wahrscheinlich hatte ich meine kurzen Hosen gestrichen voll. Sein Kollege nahm eine Tasche heraus und zückte einen Papierbogen. Es war schon Nacht geworden und ich hatte Gänsehaut und zitterte in meiner lausigen Bekleidung, mit ölverschmiertem Gesicht und schwarzen, dreckigen Händen. Beide nahmen mein Gefährt in Augenschein, ich ahnte nichts Gutes. Daraus wurde ein fast endloser Mängelbericht von einer DIN A-4 Seite. Ausweisen konnte ich mich auch nicht, ich rannte heim, schlich mich durch die zum Glück offene Waschküchentür ins Haus nach oben, nahm meine Halbstarken-Lederjacke mit Führerschein und Fahrzeugpapieren von der Garderobe, schlich wieder unbemerkt nach draussen, lief zurück zur „Linde“ und zeigte den Beamten meine Papiere. Da ich den Führerschein Klasse vier hatte und für mein Fahrzeug eine „grosse“ Nummer erforderlich war, durfte es über 40 km/h laufen ohne Begrenzung nach oben, solange die 50 Kubikzentimeter eingehalten wurden. Ich musste mein Fahrzeug nach Hause schieben. Am nächsten Morgen hatte ich mich in Villingen auf der Polizeiwache beim Bahnhof zu melden und mein Fahrzeug vorzuführen, voll verkehrstauglich, zudem waren 5 D-Mark Strafe fällig. Die halbe Nacht habe ich gebraucht, bis alle fehlenden Teile wieder angeschraubt waren. Trotzdem war ich stolz auf  mein Kreidler. Es war nun konkurrenzfähig.

Ein Polizist nahm sich das Fahrzeug auf der Wache unter die Lupe. Punkt für Punkt hat er die Mängelliste abgearbeitet und konnte nichts beanstanden. Von einer Probefahrt kam er zurück und bestätigte mir, dass alles o.k. wäre.

Dann folgte noch eine eindringliche Belehrung über mein gefährliches Verhalten im Strassenverkehr und was mir und anderen bei diesen unbedachten Handlungen alles passieren kann und könnte. Ich hatte es eingesehen. Ab da fuhr ich nur noch mit Helm, obwohl dieser damals noch nicht Pflicht war. Auch legte ich mir nach und nach  Lederkleidung, Handschuhe und Stiefel zu.

Unterdessen ging bei mir die Ritzelproduktion mit Elan weiter, bis es irgendwann diese Dinge auch im Fachhandel günstig zu kaufen gab. Ich fertigte nach wie vor nur Einzelstücke und für besondere „Anlässe“ und für besondere Kunden. So verging die Zeit wie im Fluge, aber für junge Leute eben doch zu langsam.

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