Lehrjahre und Beruf

Schule, Jugend und Beruf, diese drei Themen greifen wechselweise mehr oder weniger ineinander. Es ist die Zeit des Gärens. Und die häufig gestellte Frage: „Was willst Du mal werden“, belästigt dich als junger Mensch öfters, als dir lieb ist. Ja was wollte ich denn werden? Am liebsten Motorradrennfahrer. Das ist doch kein Beruf, allenfalls eine Verrücktheit, bei der man sich das Hirn einrennen kann. Und davon leben können mit Müh und Not nur die Besten. Mittlerweile war ich siebzehn Jahre alt, als ich das Gymnasium nach der Mittleren Reife verliess. Mein Interesse galt damals mehr der Technik als einem kaufmännischen Beruf. Zudem besserte ich mein Taschengeld mit Mopedreparaturen auf. Dazu sollte noch die Ritzelproduktion kommen.

Wie schon in einem früheren Kapitel erwähnt, besuchte ich für meine Lehre als Fein- und Elektromechaniker die staatliche Feintechnikschule in Schwenningen, bei den Leuten als Fachschule bekannt. Unterricht und Praxis waren unter einem Dach. Drei einjährige Kurse waren es bis zum Abschluss der Prüfung. In diese Ausbildung schlitterte ich mehr oder weniger hinein, genau wie die Schwenninger Buben von Fabrikanten. Dies sei eine gute Grundlage, falls man später ein Ingenieurstudium anstreben möchte.

Als Frischlinge kamen wir nun in die ehrwürdige alte Fachschule und wir wurden in den Physiksaal zur Begrüssung durch den Direktor, Dr. Ernst eingeladen. Er stellte uns danach sämtliche Fach- und Werkstatt-Lehrer vor.

Nach einem kurzen Rundgang durch die Schule und durch die Werkstätten waren die Aufenthaltsräume und die Waschräume an der Reihe. Jeder bekam einen Spind zugewiesen. Danach wurden wir mit der Hausordnung vertraut gemacht. Im Aufenthaltsraum hatten die ältesten Schüler, welche nun in den dritten Kurs aufrückten, das Sagen. In der Mittagspause blieben die von auswärts kommenden Schüler im Aufenthaltsraum im Kellergeschoss und assen ihre mitgebrachten Vesperbrote. Es war seit Jahren so Sitte, dass die Ältesten glaubten, den Neuankömmlingen Zucht und Ordnung beibringen zu müssen. So schnappten immer vier Mann jeden Tag einen Neuen, packten ihn an Händen und Füssen, zerrten ihn auf einen langen Tisch und begannen ihn zu strecken bis er schrie. Einen besonders hartnäckigen und gleichzeitig kräftigen, mussten sie zu sechst in die Mangel nehmen. Diesen zerrten sie nach dem Strecken in den Waschraum und machten ihn total nass, dann fesselten sie ihn an Händen und Füssen und hingen ihn mit dem Kopf nach unten an einem Wasserrohr neben dem Heizkörper auf zum Trocknen. „Das blüht jedem, der uns verpetzt, oder der sich unseren Anweisungen nicht fügt“, liess uns der Anführer dieser Gruppe wissen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Lehrer oder der Direktor von diesem Treiben wussten. Ich denke nicht.

In der Werkstatt des 1. Kurses ging es los mit Feilen am Schraubstock. Danach wurden einfache kleine Bolzen an kleinen Drehbänken gedreht, später dann grössere an grösseren Maschinen. Wie es halt so war bei uns Kerlen, wenn der Werkstattlehrer abwesend war, wurden immer wieder Zwischenspiele in Form von Mut- und Kraftproben eingelegt. Bei solchen derben, oft gefährlichen Spässen, war ich immer dabei. Eines Tages galt es, mit der linken Hand den Motorschalter einer Drehbank zu betätigen, also einzuschalten und gleichzeitig mit blanker rechter Hand die Spindel der Drehbank so festzuhalten, dass diese  sich nicht in Bewegung setzen konnte. Da gehörte schon eine Menge Mut, Kraft und Geschick dazu. Die meisten schafften diese Vorgabe nicht. Ich, eher schmächtig von Statur, dafür aber umso fester entschlossen, es zu schaffen, kam nun an die Reihe. Ich legte den Schalter um, der Motor lief nicht, aber ich bekam einen mächtigen Stromschlag mit 380 Volt Drehstrom. Mit beiden Händen klebte ich förmlich fest an Schalter und Spindel, bis ich den Schalter in die Nullstellung bringen konnte. Dann fiel ich mit Gepolter rückwärts an einen Werkzeugschrank. Zuerst war ich etwas benommen, wusste nicht wer und wo ich war und die anderen liefen ziemlich verstört umher. In diesem Moment kam der Werkstattmeister herein. Er hat gleich gemerkt, dass hier etwas vorgefallen ist. Einer sagte, dass mit der Maschine irgendetwas nicht in Ordnung sei, da muss Strom drauf sein und ich hätte hingelangt und eine gewischt bekommen. Es stellte sich heraus, dass tatsächlich ein Defekt vorlag, wahrscheinlich ausgelöst durch unsere Spielchen. Über diese erzählten wir dem Werkstattmeister natürlich nichts. Er wunderte sich der Sicherungen wegen, die nicht durchgingen. Diese Sache mit dem Strom hätte auch schief gehen können.

Fortan hatte ich einen Heidenrespekt vor der Elektrizität. Zu Hause habe ich nie darüber gesprochen, das hätte ich meiner Mutter nicht antun können, wo ich doch zeitlebens ein braver Junge war.

Mathematik, Deutsch, Geometrie, Technisches Zeichnen, Werkstoffkunde, Elektrotechnik und andere Fächer wurden gelehrt. Im zweiten Kurs gab es einen Werkstattlehrer, der hatte mich von Anfang an auf dem Kieker. Ich konnte nicht ergründen, warum. Er hatte mit meinem Onkel zusammen eben auf dieser Feintechnikschule seinen Meister gemacht. Mir kam es jedenfalls so vor, als würde er in mir einen Vertreter jener Garde sehen, dem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Aber auch diesen zweiten Kurs brachte ich zwar nicht mit Enthusiasmus, aber mit guten Ergebnissen hinter mich.

Der dritte Kurs wurde betreut durch einen Werkstattlehrer der Kategorie „Mensch, durch und durch“. Er brachte mir weder unreife Gefühle und schon gar keine Vorurteile entgegen. Uns Burschen gegenüber verhielt er sich wie ein verständnisvoller und geduldiger Vater. Ein Auto konnte er sich damals nicht leisten, er hatte eine grosse Familie zu ernähren, so kam er täglich mit seinem Moped, einem legendären „NSU-Quickly“ in die Schule. Bald bemerkte er mein Talent für Mopeds, Wartung und Reparatur mit eingeschlossen. Sein altes Fahrzeug litt unter Zündaussetzern und wollte schlecht anspringen. Er beauftragte mich, mal danach zu sehen. Da war ich in meinem Element und kurze Zeit später lief es wie neu. Da drückte er schon mal eineinhalb Augen zu, wenn ich auf der grossen Drehbank oder auf der Fräsmaschine ein Motoren- oder Fahrzeugteil aufgespannt hatte. Im dritten Kurs war ich dann mit allen Maschinen und Apparaten vertraut. Da wurde gebohrt, gefräst, geschliffen, gehärtet und lackiert.

Einmal kamen ein Schulkamerad aus Schwenningen und ich auf eine Idee, die sich im Nachhinein als saublöd herausstellte. Wir reinigten das „Quickly“ unseres Werkstattmeisters von allerhand Dreck und von Fettresten. Dann liessen wir das restliche Benzin ab in eine Sprudelflasche. Hernach säuberten wir den Tank und den Kraftstofffilter mit Verdünnung. Ob der Motor auch mit Verdünnung, statt mit Benzin laufen würde, war unser Ansinnen. Gesagt, getan, ein Schuss Verdünnung in den Tank, den Hahn auf und mit der Tretkurbel gestartet. Sofort sprang das Ding an, und wie. Obwohl der Gashahn zugedreht war, kam der Motor augenblicklich auf volle Touren. Wir stellten die Zündung ab, ohne Erfolg, das Luft-Verdünnungs-Gemisch entzündete sich selbst und der Motor drehte fast doppelt so hoch wie normal und drohte zu platzen. Durch die Unwucht im Kurbelgehäuse fing das Moped an zu vibrieren und dann zu hopsen. Wir trauten uns nicht mehr heran um es durch „Abwürgen“ zum Stillstand zu bringen. Wir hatten die Hosen gestrichen voll, als das Moped umfiel und kurz danach wegen Treibstoffmangel ausging. Es wäre nicht auszumalen gewesen, wenn wir das geliebte Fahrzeug unseres Lehrers ruiniert hätten. Etwa zur selben Zeit war ein Neubau und ein Umbau der Schule in vollem Gange. Jeder hatte ein Gesellenstück anzufertigen. Einige bauten Diaprojektoren, Flugzeugmodellmotoren oder sonstige elektrische Geräte. Ich entschloss mich mangels eigener Ideen, eine Tischbohrmaschine anzufertigen.

Dafür gab es Pläne und Zeichnungen von früheren Gesellenstücken. Ich habe mit der Bohrmaschine ganz schön rumgetrödelt und alles andere im Kopf gehabt. Doch sie wurde rechtzeitig fertig und für gut befunden. Meine Gedanken schweiften ab zu einer Maico-Motocross-Maschine mit 250 ccm, die ich mir zulegen würde, wenn ich erst mal richtiges Geld verdienen würde.

Zwischendurch, wenn der Meister gerade nicht da war, trieben wir uns auf der Bühne oder im Maschinenkeller herum. Da galt es dann, schwere gusseiserne Teile zu stemmen oder so an der Wand hochzuspringen, dass beide Schuhabdrücke gleichmässig sichtbar wurden. Je höher, desto besser. Das waren meine Spezialdisziplinen.

In dieser Zeit war ich in Marbach aktives Mitglied, sowohl beim Gesangverein als auch bei der freiwilligen Feuerwehr. Da blieb es nicht aus, dass ich ab und zu mit einem Brummschädel zur Schule kam und einmal nach einer langen Fasnachtsnacht im Keller, wo die Schmiede und die Härterei untergebracht war, unter der Werkbank lag, zugedeckt mit Kartons, meinen Rausch ausschlafend. Im Unterricht fragte der Lehrer nach mir. Einer meiner Kameraden kannte aus eigener Erfahrung verschiedene „Lagerstätten“ und fand mich letztendlich. Ich entschuldigte mich bei meinem Lehrer mit einem unerklärlichen Unwohlsein, das mich von einem auf den anderen Augenblick überfallen hatte. Er zwinkerte mit einem Auge, vielleicht dachte er an seine Jugendsünden.

Zwischendurch stand die Musterung zur Bundeswehr an. Ich wähnte mich „kerngesund“ und malte mir aus, als Kurierfahrer durch unwirtliches Gelände zu donnern. Die Frage, zu welcher Truppe ich mich entschliessen könnte, beantwortete ich entsprechend meinen Träumen. In der damaligen Zeit gab es einen eklatanten Vorfall beim Militär, als ein Ausbilder eine Gruppe junger Grundwehrdienstler durch die kalte Isar jagte und mehrere an Herzversagen starben. Ab sofort wurden bei Musterungen strengere Massstäbe in Bezug auf Herz und Kreislauf angesetzt. So war ich sehr enttäuscht, als nach der Untersuchung den Vermerk „Kreislaufstörungen“, Tauglichkeitsgrad IV, Ersatzreserve II eingetragen bekam. Ob mein Herz von Geburt an schon eine Schwachstelle hatte, oder bedingt durch den 380 Volt-Stromschlag,  den ich im ersten Lehrjahr bei einer Mutprobe erhielt, lässt sich kaum mehr nachvollziehen.

Immer gegen Ende der Lehrzeit war es in Schwenningen so üblich, dass der Ausbildungsleiter des Abschlusskurses an der Feintechnikschule gemeinsam mit seinen Entlassschülern zu einer Brauereibesichtigung in der Schwenniger Bärenbrauerei eingeladen wurde. Damals gab es nachmittags nach der Besichtigung Freibier ohne Limit, dazu frische Butterbrezeln. Dieses Gelage fand im oberen Saal des Brauereiausschankes statt. Dieses zünftige, ungezwungene und willkommene Erlebnis endete damit, dass wir unseren geliebten Meister in die Arme nahmen und nebenbei seine blank polierte Glatze mit Bier einrieben. Er hat diese Geste mit Humor und Fassung freudestrahlend hingenommen. Während er schwankend zu Fuss seinen Heimweg antrat, die Abenddämmerung war schon hereingebrochen, füllten wir unsere Schultaschen und Rucksäcke mit vollen Bierflaschen. Alles was man tragen konnte, war erlaubt zu damaliger Zeit. Nur das Abtransportieren von ganzen Kisten mit dem Auto war verboten. Natürlich war ich noch bei jener Clique dabei, die sich statt nach Hause zu fahren, in der Schule unter dem Dach für die nächste Nacht einrichtete. Das war nur möglich, weil die Schule erweitert und umgebaut wurde und wir über die Handwerker Schwachstellen kannten, um ohne Schlösser knacken zu müssen, legalen Einlass bekamen. Selbst der pfiffige Hausmeister bemerkte uns nicht. Wir nannten ihn „Schnappdich“ während unserer Lehrzeit, und die war nun bald vorüber. Immer, wenn  einer etwas ausgefressen hatte und zum ersten Mal von ihm erwischt wurde, pflegte er mit hochgezogenen Augenbrauen zu sagen: „ Ich melde dich nicht, doch das nächste Mal, schnapp ich dich und bring dich zum Chef“. Und schon hatte er seinen Spitznamen weg. Ob es heute noch solch einen Hausmeister gibt, ich denke schon. Der hat dann wohl einen der heutigen Zeit angepassten „Nickname“.

Erwähnenswert finde ich noch die Klassenabschlussfahrt nach Berlin im Jahre 1964. Damals wurden vom Bund gute Zuschüsse gezahlt für solche Unternehmungen, Berlin, Deutschlands ehemalige Hauptstadt sollte nicht vergessen werden. Unsere Begleitperson war unser Klassenlehrer Dr. Frommer, er unterrichtete uns in Mathematik und Physik. Zum ersten Mal erlebte ich die geteilte Stadt mitten in Deutschland. Der Mauerbau, den ich bisher nur aus den Nachrichten und aus der Zeitung kannte, beeindruckte mich enorm. Wir lebten hier im Schwarzwald fernab von grosser Politik in einer wahren Idylle. Schon die Grenzüberfahrt mit dem Bus bei Nürnberg-Hof  bescherte uns ein gewisses Unbehagen. Zuerst ein stundenlanges Warten ohne ersichtlichen Grund, dann das penible Kontrollieren der Pässe im Bus. Mit wie versteinerten Minen verglichen die DDR-Grenzposten unsere Gesichter mit den Passbildern. Draussen wurde während der Kontrolle jedes Fahrzeug mit vier Grenzsoldaten abgesichert, die Gewehre im Anschlag. Und das schon bei der Einreise. Dieselbe Prozedur wiederholte sich noch einmal an der Stadtgrenze in Berlin. Wie wird es erst bei der Ausreise werden? Damals wurden immer wieder Menschen auf der Flucht erschossen, die Befehle dazu wurden angeordnet von Machthabern, die ihren Staat „Freies Deutschland“ nannten.

Wir wurden durch die Stadt gefahren bis in den Grunewald. Eine ehemalige Villa war als Jugendherberge umgebaut und dort bezogen wir für ein paar Tage unser Quartier. Dort bekamen wir ein Abendessen und streckten bald unsere müden Glieder. Eine ausgiebige Stadtrundfahrt mit Mauerbesichtigung stand am nächsten Tag auf dem Plan, sowie die Besichtigung historischer Bauten und Denkmäler. Um 22 Uhr war Nachtruhe angeordnet. Das war wohl etwas zu früh.

Unser Lehrer hatte sich mit uns Zöglingen, alle so um die zwanzig Jahre alt, eine erhebliche Verantwortung aufgehalst. Nach dem er alle Zimmer auf Anwesenheit abgeklopft hatte, muss er wohl ziemlich bald auf seinem Zimmer eingeschlafen sein. Wir waren auf unserem Zimmer sechs Mann und im Nachbarzimmer wahrscheinlich genauso viele. Es war noch viel zu früh um zu schlafen, da müsste man die Augen mit Gewalt zudrücken, das widerstrebte uns. Wir waren uns einig, dass noch irgendetwas laufen sollte in der Nacht. Berlin bei Nacht und wir wach im Bett. Das konnte und durfte es nicht sein. Einer von uns machte ein Fenster auf um nach der Möglichkeit zu sehen, um sich vom ersten Stock irgendwie abseilen zu können. Mit abseilen war nichts, doch ein nahe am Haus stehender Baum streckte seine starken Äste bis knapp ans Fenster. Ich probier es, sagte ich mutig, denn früher bin ich oft im Wald wie ein Eichhörnchen von Ast zu Ast gesprungen. Sollte der Ast abkrachen, müssten die Anderen mich wieder hochziehen. Und schon war ich draussen und sprang zielsicher auf den Ast. Der war sehr elastisch und brach nicht ab, allerdings bog er sich bis auf den Boden. Idealer hätten wir uns das nicht vorstellen können, einer nach dem anderen nutzte diese Möglichkeit. Die Richtung zum Kudamm war uns bekannt, aber der Weg war wesentlich länger, als wir uns das einbildeten. Jedenfalls brauchten wir trotz Dauerlauf viel Zeit und wir waren alle sehr hungrig und vor allen Dingen durstig. Zu damaliger Zeit gab es den Hühner-Hugo in Berlin, eine Kette so wie der Wienerwald bei uns im Süden. Hähnchenessen war nun angesagt. Unser Jimmy aus Göllsdorf regte an, das Hähnchen ohne Rückstände zu essen, also mit den Knochen. Die meisten lehnten dankend ab. Ich stellte mich dieser Aufgabe.

Es ging sogar besser als gedacht. Doch beim nächsten Ansinnen, ein Bierglas aufzuessen, musste ich passen. Das ging mir gegen den Strich. Ich hatte zwar gewusst, dass dies möglich ist und dass unsere Magensäure in der Lage ist, Glas zu verdauen, doch das Glas abzubeissen und zu kauen und zu schlucken, schon allein der Gedanke daran, sich die Lippen, die Zunge, Speiseröhre oder den Magen zu zerschneiden, hielt mich davon ab. Es glaubte sowieso keiner, dass der Jimmy so was machen würde. „Wenn ihr mich heute den ganzen Abend frei haltet, zeig ich es euch“. Und so kam es, dass wir einwilligten und Jimmy begann, das Bierglas oben vom Rand her abzuknabbern. Es war ein schauriger Anblick, ihm dabei zuzusehen. Und die Geräusche des Glaskauens und des Schluckens waren abartig. Zwischen durch öffnete er seinen Mund und zeigte uns das zermahlene Glas, bevor er es schluckte. Wir konnten nicht glauben, dass er sich dabei nicht verletzte. Und so kam es, dass er innerhalb einer halben Stunde das ganze Glas gefressen hatte, natürlich ohne den dicken Boden. Das mache sehr durstig und er spülte mit einem halben Liter Bier nach. Da war vielleicht ein Hallo in diesem Lokal, von den Nachbartischen rückten immer mehr fremde Leute zu uns und spendierten uns eine Lage nach der anderen.

Weit nach Mitternacht besuchten wir noch eine Bar, die auf dem Nachhauseweg lag. „Nich so doll, Jungs, ick bin ein zartes Wesen“,  dieser Satz aus dem Munde einer jungen Frau klingt mir heute noch in den Ohren, wenn ich an diese Nacht zurück denke. Dann kommt ein Filmriss. Wieder draussen auf der Strasse, alle Mann eingehakt, einer stützte den anderen, mehr grölend als singend, mehr torkelnd als gehend zogen wir Richtung Grunewald. Doch dann lief plötzlich alles aus dem Ruder, eine unbekannte Kraft liess uns alle auf die Strasse fallen. Wir hatten allerdings den Eindruck, die Strasse wäre uns ins Gesicht gefallen. Da lagen wir nun alle auf einem Haufen. Jeder versuchte, sich auf seine Weise aufzurappeln. Nur einer konnte nicht mehr aufstehen, unser Jimmy. Wir wollten es gar nicht glauben und dachten, er würde scherzen. Er hatte sich tatsächlich das Bein gebrochen. Nun war unsere Ernüchterung dermassen gross und fast unbegrenzt. Was tun? Ins nächste Lokal und den Krankenwagen rufen. Was wir nicht wussten, war, dass in Berlin nicht der Krankenwagen, sondern die Feuerwehr mit tatütata kommt und so sahen wir auf einmal rot. So luden die Retter den lädierten Jimmy auf eine Bahre und ins Auto. Der von uns am nüchternsten erscheinende Schulkamerad stieg mit ins Auto und begleitete den Jimmy ins Krankenhaus, in welches, weiss ich nicht mehr. Nun galt es für uns, so schnell wie möglich unser Quartier zu erreichen um unseren Lehrer zu wecken.

Mittlerweile dämmerte der Morgen und die Vögel im Grunewald begannen sich zu regen. Der Einstieg in unsere Zimmer gestaltete sich relativ einfach, nur den letzten mussten wir  mit vereinten Kräften heraufziehen. Die Frage stand an, ob wir den Lehrer gleich wecken sollten oder ob wir damit bis zum Frühstück warten sollten. Wir hatten unsere Hosen gestrichen voll, entschlossen uns aber dafür, es gleich zu tun. So standen wir vor seiner Tür und legten fest, wer klopft und wer spricht. In dem Moment ging seine Tür auf und er stand im Schlafanzug vor uns. Er musste am Lärm auf dem Gang aufgewacht sein. So waren wir dermassen überrascht, dass wir unsere vorher zu recht gelegten Aussagen nicht mehr fanden. Irgendwie müssen wir ziemlich verstört ausgesehen haben und unsere Bierfahnen wehten zudem vor uns her. „Was ist denn passiert? kommt herein“. Ohne Umschweife beichteten wir ihm den nächtlichen Ausflug, zwar nicht originalgetreu, doch nachvollziehbar, schliesslich war unser Lehrer auch mal jung. „Nun ist es eben passiert und wir können dieses Geschehen nicht rückgängig machen, wir müssen die neue Situation analysieren und entsprechend handeln“, waren seine Worte. Er tobte nicht und machte uns auch keine Vorwürfe. Gleich am nächsten Tag fuhr er ins Krankenhaus und es wurde ihm eröffnet, dass wir den Jimmy in Berlin zurücklassen müssen. Ein Bericht an den Schuldirektor und an die Schülerunfallversicherung war fällig. Was genau darin stand, wissen wir nicht (beim Samenstreuen in der Furche ausgerutscht und von der Maschine gefallen), so oder ähnlich mag er den Hergang zu unseren Gunsten geschildert haben. Da stand dann bestimmt nichts drin vom Bierglasfresswettbewerb. Den hatten wir ihm verschwiegen. Im Nachhinein möchte ich betonen, dass sich unser Lehrer als Mann von wahrer Grösse zeigte.

„Die wohl wichtigste Entscheidung in eurem Leben wird nicht sein, wo ihr arbeitet oder was ihr arbeitet, oder wie viel ihr verdient, sondern welche Frau ihr einmal heiraten werdet“,  das waren seine Worte, die er uns beim Schulabschluss mit auf den Weg gab, dabei stiegen ihm Tränen in die Augen.

Ich hatte keinerlei Vorstellungen von meinen beruflichen Möglichkeiten.

Mein Werkstattlehrer fragte mich, ob ich schon eine Arbeitsstelle nach der Lehre hätte. Ich verneinte, beworben hatte ich mich auch noch nirgends. Er gab mir eine gute Adresse in Schwenningen, dort sollte ich mich mal vorstellen. Ich ging hin, zeigte meine Zeugnisse und wurde gleich genommen. So landete ich in einem Konstruktionsbüro für Messmaschinen, zunächst als Zeichenpraktikant.

Ich hatte mich zuvor nicht erkundigt, was man nach der Lehre verdienen konnte. Das war für mich auch zweitrangig, ich kam sofort ins Angestelltenverhältnis und freute mich über die erste Gehaltsauszahlung. Schnell richtete ich bei der Schwenninger Volksbank ein Girokonto und ein Sparkonto ein. Ab da kam ich meinem heiss ersehnten Wunsch, eine richtige, allerdings gebrauchte Motocross-Rennmaschine zu erstehen, Schritt für Schritt näher. Ich erinnere mich noch an mein erstes eigenes Sparbuch. Darin stand auf der ersten Innenseite der Spruch: „Wer Euch sagt, dass ihr anders vorwärts kommt, als durch Arbeit und Sparsamkeit, der betrügt Euch“. Die heutigen Banker und Finanziers lachen lauthals über solche Aussagen.  Heute wird überwiegend gezockt mit riskanten Geschäften und dem Geld der Ahnungslosen. So wie es Lothar Späth auszudrücken versucht, wenn der kleine Mann zu Aktien überredet wird und dann Verluste macht: „Geld geht nie verloren, es kommt nur in andere Hände“. Wie Recht hat er damit, es kommt in „Insider-Hände“. Doch zurück ans Reissbrett, nun hatte ich auch ein rechteckiges Brett vor dem Kopf, acht Stunden am Tag. Wollte ich das überhaupt, sollte das Zeichenbrett das Brett sein, das die Welt bedeutet? Mal sehen, dachte ich bei mir. Zunächst bekam ich von den Ingenieuren einfachere Maschinenbauzeichnungen, die ich ins Detail zu zeichnen und mit genauen Massen zu versehen hatte. Am Anfang nervte mich diese Arbeit, die vielen Striche und Linien, doch bald konnte ich in der Werkstatt das Ergebnis meiner Zeichnungen in Funktion erleben. Später durfte ich kleinere Projekte selbst entwerfen und konstruieren. Dabei bediente ich mich der in grossen Zeichnungsschränken abgelegten Konstruktionszeichnungen. Sie waren nach Maschinentypen nummeriert und abgelegt. Sehr bald fand ich mich in diesem Nummernsystem zurecht und war immer darauf erpicht, bereits schon von anderen Maschinen vorhandene Teile zu verwenden, um sie nicht nochmals zeichnen zu müssen. „Faul darf man sein, aber nicht dumm“, war meine Devise.

Damals träumte ich schon von einem Computer, auf dem alles bisher Konstruierte gleich für jeden Konstrukteur abrufbar wäre. Zwanzig Jahre später sollte es soweit sein.  Drei Jahre gingen in dieser Firma ins Land. „Die Techniker sind die Kamele, auf denen die Kaufleute durch die Wüste reisen“, das war ein berühmter Spruch meines Chefs. Immer wenn jemand Geburtstag hatte in der Konstruktionsabteilung, wurde von demjenigen ein Kasten Bier zur Vesperpause bereitgestellt. Dann kam auch der Chef, wenn er nicht gerade auf Reisen war, sowie die Abteilungsleiter und die Werkstattmeister zusammen. Da kursierten dann immer gewisse Anekdoten aus der Firmengeschichte und machten unter wohlwollendem Gelächter die Runde. Zudem war ein mal pro Woche gemeinschaftliches Kegeln angesagt, abends in der „Deibhalde“ in Tossingen. Da gab es immer viel Spass, und wenn der Chef Zeit hatte, war er mit von der Partie. Seine Frau schickte fast immer den jüngsten Sohn mit, um sicher zu gehen, dass der Abend nicht ausufert. Der Junge musste am nächsten Tag zur Schule. Der Chef setzte sich des Öfteren noch an das Klavier, es stand im angrenzenden Raum zur Kegelbahn, und wir anderen sangen dazu. „Wenn ich Klavierspielen könnte, hätte auch ich Glück bei den Frauen“, dachte ich bei mir, doch es bleib beim Denken, wie so vieles in meinem Leben. Da gab es eine hübsche blonde Technische Zeichnerin aus gutem Hause. Sie war so um die tausend Wochen alt und wäre meine Kragenweite gewesen, zudem zeigte sie mir öfters ihre schönen, ausdrucksvollen blauen Augen, wenn ich mit verstohlenem Blick seitlich an meinem Reissbrett vorbei schmachtete. Leider war es damals noch eine grosse Sünde, mit einem evangelischen Mädchen anzubandeln. Und der Spruch meiner Mutter: „mach mir ja kein Mädchen unglücklich“, klingelt mir heute noch in den Ohren. Und so kam es immer wieder, dass es in meinem Leben viele Mädchen gab, die nichts davon wussten, dass ich mit ihnen ging.

An meinem einundzwanzigsten Geburtstag, ich wurde gerade volljährig, geschah es, dass ich einen Kasten Bier ins Konstruktionsbüro bringen liess, um  wie üblich mit dem Chef und den anderen anstossen zu können. Was ich nicht wusste, war, dass sich nur sehr wenige einfanden, die anderen waren auf einer Messe. So blieben von den zwanzig Flaschen Bier fünfzehn übrig. So trank jeder zwei Flaschen und die restlichen zehn habe ich mir im Laufe des Tages selbst einverleibt. Zur Folge hatte dies, dass die Linien auf der Zeichnung auf meinem Reissbrett zunehmend verschwammen und ich mich nicht mehr auf das Wesentliche konzentrieren konnte. Es war jede Menge Arbeit da und Überstunden waren an der Tagesordnung. Gegen Feierabend kamen die Herren von der Ausstellung zurück und just in dem Augenblick, als mein Abteilungs-Chef hereinkam und mir gratulieren wollte, steckte ich kopfüber in einem der grossen Zeichnungsschränke. Ich war einfach so hineingefallen, ohne genau zu wissen warum. Er klopfte mir auf die Schulter und sagte: „Herr Kern, heute brauchen sie keine Überstunden machen“. Da ich sonst immer korrekt und zuverlässig meine Arbeit erledigte, trug er mir diese Begebenheit nicht nach. Auf dem Weg zum Bahnhof  merkte ich noch, dass mir andauernd der Gehsteig ins Gesicht fallen wollte. Ich riss mich für Momente zusammen, doch beim Vorbeitorkeln an einer kleinen Kneipe in der Uhlandstrasse fiel ich unversehens über eine niedrig geschnittene Ligusterhecke in einen Vorgarten. Wie ich mich auch bemühte,  wieder auf die Beine zu kommen, der ganze Vorgarten begann sich zu drehen, ein Aufstehen war nicht mehr möglich. „Nur der Besoffene bemerkt, dass die Erde sich dreht, alle anderen kennen dieses Gefühl nur vom Hörensagen“. Dann ist der Film gerissen. Wie ich zum Bahnhof kam, in den Zug ein- und ausstieg und wie ich nach Hause kam, weiss ich nicht mehr. Jedenfalls ging ich am anderen Morgen zur Arbeit, als sei nichts gewesen. Vielleicht war auch nichts gewesen, ausser dass ich meiner Mutter wieder grosse Sorgen bereitete.

In der Zwischenzeit wurde ich Mitglied beim Motorsportclub Villingen und erstand eine gebrauchte Maico-Motocross-Maschine mit 250 ccm. Das Rennfieber hatte mich gepackt, meine Mutter wollte es nicht wahr haben, mein Vater sagte nichts. So bestritt ich an den Wochenenden Rennen in der näheren und weiteren Umgebung. Mein knappes Budget reichte gerade so über die Runden. Die Mitkonkurrenten hatten oft mehr Geld und entsprechend besseres „Material“, und sie teilten sich die vorderen Plätze. Von den schlechteren Fahrern war ich jedoch einer der besten im Mittelfeld. Zu gewinnen gab es nicht viel für mich, doch der Spass entschädigte mich mehr als genug. In Villingen gab es eine traditionelle Rennstrecke am Walkebuck, später in Pfaffenweiler am Tannhörnle. Das Teufelsloch in Mühlhausen zog jährlich viele Fahrer und Zuschauer an. Im schwäbischen Gerstetten trat ich an, in Schifferstadt im Saarland. Einmal fuhr ich mit bei einem Grasbahnrennen in der Ortenau. Eine wunderschöne Rennstrecke gab es im Konstanzer Ortsteil Wollmatingen. Zwei bekannte Rennfahrer aus Schwenningen nahmen mich mit dahin. Im Trainingslauf ging an meiner Maschine schon in der ersten Runde an einem extremen Steilhang die Kupplung zu Bruch. So kullerte ich mit samt meiner Maschine den Berg hinunter. Bis zum Rennen hatte ich zu tun, die Maschine zu reparieren. So ging ich dann ins Rennen, ohne die Strecke auch nur annähernd zu kennen. Das Wetter war sehr heiss und die Strecke entsprechend staubig. Zwischen zwanzig und dreissig Mann standen nebeneinander in der ersten Startreihe. Ich musste aus der zweiten Reihe starten, da ich das Training nicht vollständig absolviert hatte. Gleich nach dem Start gab es vorne ein Gerangel und viele zum Glück harmlose Stürze. Ich kämpfte mich durch und heftete ich mich ans Mittelfeld. Der aufgewirbelte, trockene Staub machte mir schwer zu schaffen, mit Volldampf fuhr ich den Umrissen der vorderen Fahrer folgend. Die kannten ja die Strecke, ich nicht. Diese Tatsache  wurde mir auch schon kurz vor Ende der ersten Runde zum Verhängnis. Es kam ein Steilhang nach unten, ich glaubte, es ginge nach oben. Mutig sprang ich den anderen vor mir hinterher, mich hob es unfreiwillig aus dem Sattel. Meine Hände noch am Lenker kam ich zum Kopfstand, ich wusste nicht, wie mir geschah. Im freien Fall, ohne Boden unter den Rädern zu verspüren, ging es schier endlos abwärts bis zum Aufschlag in der Talsohle. Noch hatte ich meine Maschine im Griff, allerdings nicht mehr lange. Alle vor mir bogen links ab in eine enge Kurve, die ich weder sah noch kannte und zudem war ich viel zu schnell. Für mich ging es geradeaus. Ich versuchte zu bremsen, um nicht frontal in die Zuschauer zu steuern, das Hinterteil meiner Maschine überholte mich und warf mich rückwärts unsanft in eine Dornenhecke ab. Das war’s dann. Die Sanitäter eilten herbei mit einer Trage. Wahrscheinlich hatte mein Sturz etwas Spektakuläres an sich und entpuppte sich Gott sei Dank als harmlos. Der Rücken tat mir weh, es waren die vielen Dornen, die verkehrt herum, mit dem dicken Teil voraus, in meiner Haut steckten. Sonst hatte ich keine Verletzungen. Im Sanitätszelt wurden mir diese Dornen in mühsamer Kleinarbeit entfernt. Nun hatte ich genügend Zeit, diese schöne Rennstrecke zu Fuss abzulaufen. Ein anderes Mal erreichte ich bei einem Deutschen Meisterschaftslauf den siebten Platz, eine bessere Platzierung war in meiner relativ kurzen Rennfahrerkarriere nie drin. Es war eine schöne Zeit in meinem Leben, die ich nicht missen wollte.

In dieser Zeit war ich Sänger im Liederkranz und Feuerwehrmann bei der freiwilligen Feuerwehr. Nach den Singstunden und nach den Feuerwehrproben war meist ein gemütlicher Hock abwechselnd in einer der drei Dorfwirtschaften angesagt. Dabei  wurden dann „alte“ Lieder gesungen, teilweise auch „Lumpenlieder“, deren Text nur aus mündlichen Überlieferungen stammte und nirgends geschrieben stand. Heute ärgere ich mich darüber, dass die „alten“ Sänger weggestorben sind, und keiner von uns „jungen“ Sänger war in der Lage und in der Laune, diese Texte für die Nachwelt aufzuschreiben. So geht altes Liedgut den Bach hinunter. Diese Geselligkeit zwischen alt gedienten und uns jungen Kerle war beispielhaft. Als Jungspunt, der nicht viel Alkohol vertragen konnte, gab es in jener Zeit entsprechend billige Räusche, die ich dann nachts, manchmal erst gegen Morgen, den Katzenwinkel hoch, heim schleppte. Meine Beine kannten den Weg schon auswendig, so dass ich oft schon fast schlief, während ich heimwärts trollte. Doch, fast am Ende meines Weges, lebte eine alte Frau namens Katharina, im Dialekt bezeichneten sie die Leute „Käther“, sie konnte schlecht schlafen und so ging jedes Mal und zu jeder Nachtszeit ihr Fenster auf und ihre etwas heisere Stimme fragte: „So Franz, gehst du heim, war es wieder schön?“ Spätestens dann riss ich mich für den Rest des Weges zusammen und versuchte, einer imaginären, geraden Linie zu folgen. Das gelang mir relativ oft, doch die letzte Hürde, sie war die höchste, war noch zu nehmen. Das gemeinsame Schlafzimmer von mir und meinem acht Jahre jüngeren Bruder lag im zweiten Stock unter der Dachschräge. Das war aber nicht das Problem. Unten an der schön geschwungenen Holztreppe zog ich meine Schuhe aus, schlich mich mehr oder weniger leise über die knarrenden Trittstufen nach oben. Doch immer, wenn ich mich ganz ruhig verhalten wollte - ich musste die Tür zum Zimmer meiner älteren Schwester öffnen und ihr Zimmer durchqueren – ich wollte sie nicht wecken und machte kein Licht, was mir dann meist zum Verhängnis wurde. Regelmässig, wenn ich im Dunkeln gegen eine Lampe, einen Tisch oder gegen eine offen stehende Schranktür tappte, schreckte meine Schwester aus ihrem Schlaf hoch und schrie: „Jetzt kommt er“. „Halt doch deine Gosche und schlafe, du blöde Kuh“, war meine Antwort. Da blieb es nicht aus, dass meine Mutter einen Stock tiefer ihre Schreie hörte und auf die Uhr schaute. Dann konnte sie mich am nächsten Tag zur Rede stellen. Vater liess sich auch von Mutters Gezeter am Morgen danach nicht aus seiner Ruhe bringen. Sein Schlaf und sein Mittagsschlaf waren ihm heilig. „Sag doch du auch mal was“, pflegte sie zu ihm zu sagen. Und wenn er sich doch mal zu einem Kommentar hinreissen liess, waren seine Worte: „Ach lass doch der Jugend ihren Lauf, wenn sie nicht mehr kann, hört sie von selber auf“. „Wer saufen kann, der kann auch aufstehen und arbeiten“, nach dieser Devise lebte ich und war jeden morgen pünktlich auf dem Zug nach Schwenningen.

Sperrstunde in den Lokalen war um Mitternacht. Da wurde meist überzogen, doch wenn die Polizisten nach ein Uhr kamen und noch jemand in der Wirtschaft antrafen, kostete es fünf Mark. Das war dann hart. Einer der älteren Sänger, er kehrte aus dem Krieg einarmig in die Heimat zurück, verkroch sich zuvor unter den Tisch und zahlte nichts. Ein anderer verschwand durch das Toilettenfenster und bevor er sich auf den Heimweg machte, liess er noch an einem Rad des Polizeikäfers die Luft heraus. Die Alten waren teilweise bösere Buben als wir jungen Hüpfer. Das heisst natürlich noch lange nicht, dass nach jeder Gesangs- oder Feuerwehrprobe ein Besäufnis anstand. Eine Zeit lang war die Singstunde freitags abends, was sich als äusserst gefährlicher Termin entpuppte. Mit einem neuen Dirigenten, der nur dienstags mit uns proben konnte, reduzierten sich diese Ausschweifungen auf ein Minimum.

In dieser Zeit wurde im Dorf jedes Jahr Laientheater gespielt, einmal waren die Akteure aus den Reihen des Gesangvereins, das andere Mal aus den Reihen der Feuerwehr. Schon die Proben und die Stunden nach den Proben boten willkommene Abwechslung zum Arbeitsalltag. Als Souffleur kannte ich die Mitspieler genau, wusste schon im Voraus, wo die Schwachstellen bei jedem Einzelnen liegen und bei welcher Szene ich eingreifen musste. Dabei konnte ich feststellen, dass die weiblichen Schauspieler ihre Rollen viel schneller lernten und auch spielten, bei ihnen brauchte ich kaum einzugreifen.

Nach den Proben ging man meistens nicht gleich nach Hause und sass dann noch privat irgendwo zu einem kleinen Schlaftrunk zusammen. Dabei trug sich an einem Samstagabend etwas zu, worüber heute noch im Dorf gelacht wird. Ein eingefleischter Junggeselle war mit von der Partie, hatte einen ausgewachsenen Rausch als Begleiter und verabschiedete sich früher. Zu Hause angekommen, legten sich beide ins Bett. Sie hatten die Haustüre offen stehen gelassen und alle Lichter brannten. Wie sich beide so gegenseitig anschnarchten, gingen die letzten unserer Runde im Morgengrauen nach Hause, kamen am Haus des Junggesellen vorbei, blieben stehen und lauschten. So ging derjenige, der damals den Polizisten die Luft aus ihrem Käfer liess, hinein, um nach dem rechten zu sehen. Die anderen warteten draussen. Nun lag der oben beschriebene schnarchend in seinem Bett, die Decke über den Kopf gezogen. Dafür streckte er seinen blanken Hintern aus dem Bett. Was könnte ich ihm noch Gutes tun, dachte derjenige, der eigentlich nur das Licht löschen und die Haustüre zuziehen wollte. Im offen stehenden Küchenschrank fand er ein Glas Honig und er schmierte ihm damit sein Hinterteil ein. Nun löschte er die Lichter und zog die Haustüre zu. Er erzählte uns nichts davon, nur immer dann, wenn diese Nacht zur Sprache kam, ging ein Schmunzeln durch seine Züge. Der schlafende Junggeselle, als er gegen Mittag aufwachte, konnte sich keinen Reim darauf machen, was wohl in der Nacht geschehen war. Wie er später, beim nächsten Treffen erzählte, klebte sein Leintuch mit aller Macht an seinem Körper und ein leeres Honigglas stand auf seinem Nachttisch. Zu gerne hätte er gewusst, wer da seine Hände im Spiel gehabt hat. Ab diesem Zeitpunkt hatte er sich den Spitznamen „Honigarsch“ eingehandelt. Das kränkte ihn sehr, zumal er einen kapitalen Filmriss zu verschmerzen hatte. Es gab zu viele Verdächtige in dieser Honigaffäre und die wenigen Insider hielten dicht.

Für uns junge Burschen war die „Krone“ beim Otto wie eine zweite Heimat. Dort ging jeder hin, sozusagen als Anlaufstelle, um die weiteren Aktivitäten zu besprechen. Heute laufen diese Absprachen der Jungen und teilweise auch der Alten über Handy. Welch ein Rückschritt. Telefone gab es damals so nach und nach in jedem Haushalt. Da wurden allerdings noch wichtige Dinge kurz besprochen, ohne blabla. Ja die Krone, eine für uns urige, typische Dorfwirtschaft mit einem grossen, runden Stammtisch in der Mitte. Da hatte jeder ältere Besucher seinen Stammplatz. Wenn du als Jungspunt hereinkamst, durftest du nach persönlicher Aufforderung auf einem dir zugewiesenen Stuhl Platz nehmen. So wurde oft die Runde im Laufe des Abends immer grösser. Alle rückten ein wenig nach aussen, nur derjenige, der an der Säule sass, konnte nicht zurück rücken. Dieser Platz war der begehrteste unter den Alten und sie verteidigten ihn entsprechend. Einen dieser älteren Gäste in seinem Redefluss zu unterbrechen war für uns Junge tabu. Wir durften reden, wenn wir gefragt wurden. Doch bald kannten wir die Sprüche auswendig, die diese Alten klopften. So machten wir uns einen Spass daraus, ihre Wiederholungen zu zählen. Da gab es einen, der jeden seiner gesprochenen Sätze beendete mit „gell niwahr“. Und dieser Mann hörte sich gerne selbst reden. An einem Abend brachte er es auf 81-mal „gell niwahr“. Damit bekräftigte er immer seine Aussagen. Andere Männer erzählten von ihren Kriegserlebnissen, auch diese Geschichten  kannten wir mit der Zeit auswendig. Es gab da gewisse Gäste, die meist nicht durch die Eingangstüre, sondern durch die Küche ins Lokal kamen. Dort hatten sie zuvor bei der Hilde, sie war die Ehefrau des Wirtes Otto, ein „Schmiedvesper“ in Form eines grossen Stückes Bierschinken eingenommen. Ein besonderes Ereignis gab es jedes Jahr am Josefstag, dem 19. März. Zur Tradition geworden, versammelten sich meist ein Dutzend „Josefs“ rund um den Stammtisch. Da gab es dann nur noch Plätze an den anderen Tischen für die Zaungäste. Es dauerte einige Stunden, bis jeder Josef seine Runde geschmissen hatte und sich dabei die Stimmung der Akteure von null auf hundert aufbaute. Dann ging es zur Sache, wenn einer dem anderen seine Schandtaten vorhielt. Und wie es so kam, zeigte der Alkohol, die edle Salbe, seine Wirkung, bei jedem etwas anders. Die einen wurden ganz ruhig, die anderen fingen an zu singen. Für besondere Spässe gut war immer der „Onkel Josef“. Er stammte ursprünglich aus Bad Dürrheim, war in  seinem Berufsleben Bankdirektor in der Rheinmetropole, und verbrachte seinen Ruhestand wieder hier. Wenn er genügend intus hatte, stand er auf und rief den Wirt: „Otto, ich trinke noch ein Viertel, dann gehe ich ins Kloster“. In dieser Zeit ging er sehr oft ins Kloster. Er hatte einen ziemlich grossen Bierbauch, nein  „Weinbauch“ wäre bei ihm die angebrachtere Variante gewesen. Er zog sein Hemd hoch, zeigte seine Wampe, streichelte sie genüsslich mit den Worten: „Nur der Adel hält auf Taille, und das Volk frisst sich den Ranzen voll. Intelligenz säuft, Dummheit frisst, aber erst so richtig glücklich ist, wer verfrisst, was nicht mehr zu versaufen ist. Josef Müller, uralter Adel, seit dreihundert Jahren geschlechtskrank“, diesen Satz vergass er nie, hinzuzufügen. Einmal hat er sich die Hose ausgezogen und seinen blanken Arsch auf den Stammtisch gestreckt. Aber nicht nur für einen kurzen Augenblick. Es blieb so viel Zeit, dass ein anderer Josef bei der Wirtin ein Schuhwichseschächtele holen konnte. Mit einer Schuhbürste schmierte er ihm, unter riesigem Gelächter den Arsch mit schwarzer Schuhcreme ein. Da gab es noch eine andere Sorte Josef, allerdings eine Minderheit, die gebärdete  sich, wenn sie ihren persönlichen Pegel erreichten, ziemlich aggressiv. Da habe ich mal miterlebt, wie eine Bierflasche geflogen kam, ihr Ziel verfehlte und einen unbeteiligten Gast am Kopf traf. Die Erstversorgung der stark blutenden Platzwunde erfolgte durch den anwesenden Dorfdoktor, er trug auch den Namen Franz-Josef. Wenn sein Pegel auf der Skala in die entsprechenden Regionen kam, stimmte er seine Erkennungsmelodie an: „Wir singen nun das schöne Lied, von dem versoffenen Nagelschmied“, alle stimmten ein, auch die Zaungäste. Er hatte kaum Zeit, ins Wirtshaus zu gehen, und wenn er mal da wir, ging es nicht lange, da reif seine Frau Hilde an und rief ihn zu einem „Patienten“.

Da gab es einen Grundschullehrer, dieser war Stammgast in der Krone. Er stammte aus einer anderen Gegend, lebte irgendwo im Dorf in einem Zimmer. Bevor ihm die Decke auf den Kopf fiel, und das passierte oft, begab er sich an den Stammtisch und liess seinen grossen Durst sehen und hören. Ab dem zehnten Bier begann er, Wetten abzuschliessen. Und es fanden sich immer ältere Herren, die mit ihm wetteten. So rannte er für zwei Kisten Bier mit dreissig Kilo Backsteinen im Rucksack von Marbach nach Donaueschingen und zurück, es waren immerhin fünfundzwanzig Kilometer. Er gewann die Wette, sein Rücken war von den kantigen Steinen total zerschunden und blutig. Mir ist noch in Erinnerung, dass eine Kollegin von ihm schwanger wurde. Danach hat sich seine Spur verloren. Ob es heute noch solche „Originale“ gibt?

Da war der „Charly der Unendliche“, er hatte einen Standardspruch drauf. Wenn er genug Wein intus hatte und es ans zahlen ging, pflegte er zu sagen: „Zwanzigtausend Mark versoffen, und keine Anerkennung“. Sein Bruder war das „Kistenmäxchen“. Nach ein paar Schorle begann er mit einem ganz feinen Engelstimmchen zu singen. Wenn er Beifall bekam, hörte er nicht mehr auf, so sang er, bis er daran gehindert wurde. Nun war er beleidigt, ging und schleppte seinen Rausch heim. In dieser Zeit bekam der Spruch vom Onkel Josef: „Dummheit frisst, Intelligenz säuft, aber erst so richtig glücklich ist, wer verfrisst, was nicht mehr zu versaufen ist“, für mich seine Bedeutung. Mir wurde klar, dass Alkohol schneller ins Gehirn steigt als eine Bratwurst.

Es konnte schon mal passieren, dass man auf dem Heimweg noch Heisshungerattacken erlitt und irgendwo im Dorf  noch Licht in einem Bauernhaus brannte. Ein deftiges Stück geräucherter Speck, geräucherte Bratwürste oder eine Dauerwurst wurde uns Asylanten zu einem Krug Most gereicht.

Ein altes Ehepaar aus Berlin, beide weit über achtzig Jahre, kam oft in die Krone. Sie lebten in Marbach in einer Wohnung, so konnten sie fast täglich nach Bad Dürrheim zur ambulanten Kur. Er, ein ehemaliger Bankdirektor, sie eine ehemalige Studienrätin. Sie hatten ihre Goldene Hochzeit längst hinter sich.

Beide waren immer sehr gut gekleidet, er in Anzug und Krawatte, sie im eleganten Kostüm und einen Pelzmantel darüber, eigentlich ungewöhnlich für ihr Ausflugsziel, eine verrauchte Dorfkneipe. Doch beiden hat dieses teils bäuerliche, teils mittelständische Milieu sehr gut gefallen, auch wenn sie sich öfters gewisse Dialektausdrücke in ein anständiges Deutsch übersetzen lassen mussten. So kamen sie Arm in Arm zur Türe herein, der Wirt oder ein Gast half ihnen aus ihren Kleidern. Sie setzten sich an den Stammtisch. Es ging nicht lange, da liess er sich eine gute Zigarre und ein Viertel Rotwein bringen. Seine Frau bestellte stets einen Cognac. Bald fing der alte Herr an zu hüsteln. „Du rauchst zuviel“, pflegte die Ehefrau zu sagen. „Wir wollten doch gemeinsam alt werden“. Darauf antwortete er: „Du trinkst zuviel, wir wollten doch gemeinsam alt werden“. Dann streichelte er seiner holden Gattin über die Wange und sagte zu uns Jungen: „Heiraten oder nicht heiraten, im Alter werdet ihr beides bereuen“. Ich meine, es wäre erst gestern gewesen, als er dies von sich gab, dabei ist es über fünfundvierzig Jahre her.

Diese beiden Menschen starben dann im Abstand von vier Wochen, ohne lange Krankheit und ohne Siechtum. Sie wurden beide über neunzig. Ich muss oft an sie und ihre Lebensweisheiten denken.

In jener Zeit hatten wir Burschen einen Führerschein aber noch kein eigenes Auto, so kam es, dass wir abwechselnd eines von unseren Vätern ausliehen. Das war natürlich nicht einfach und die Bedenken der Eltern waren durchaus berechtigt. Derjenige, der ein Auto für die nächtlichen Streifzüge mitbrachte, trank mit gutem Vorsatz nur Schorle, und dabei bleib es auch meist. An dieser Stelle möchte ich nicht näher auf die Gefahren eingehen, die auf uns lauerten, wenn der zwanzigste Schorle rot süss die Stellfalle passierte, oder wenn in der Mühlenklause der Wein aus der Giesskanne floss. Da sehe ich Parallelen zur heutigen Jugend, wenn sie den Weg von der Disco nach Hause

nicht überleben. Wir hatten mehr als einmal Glück. Vor allem dann, wenn es nachts um drei noch zu früh war für das Bett, aber zu spät für die Krone, zu spät für das Cafe Hildebrand und zu spät für den Spiegelsaal in Beckhofen. Dann blieb nur noch ein Ziel, der Staatsbahnhof in Trossingen. Der lag mitten in der Prärie, ohne Polizeistunde, dafür gab es in der Morgendämmerung noch Hähnchen mit Puschkin. Puschkin für harte Männer, lautete damals die Werbung. Früher oder später gingen diese harten Männer in die Knie. Für uns gab es damals noch keine Discos, allenfalls eine wohlgesittete Tanzschule in der Stadt. Für die Tanzschule stellten die Eltern ihre Autos gerne zur Verfügung, doch danach wurden sie oft zweckentfremdet. Einmal fuhr ich nachts allein von Villingen nach Schwenningen. In einer lang gezogenen Rechtskurve, früher sagte man „die Vogelburg hoch“, überholte ich mehrere Autos in einem Rutsch. Ich fuhr auf der linken Spur mit voller Pulle leicht driftend um dann gleich wieder auf die rechte Spur einzuscheren, als auf dem Mittelstreifen rot-weisse Kegel auftauchten. Dazu kam Gegenverkehr und es blieb mir nichts anderes übrig, als 2 Kegel zu rasieren, um wieder auf die rechte Spur zu kommen. Diese Kegel zerbarsten in tausend Fetzen und flogen durch die Luft. Ich bog an der nächsten Feldwegkreuzung rechts ab und fuhr über die Felder nach Hause, stellte das Auto in die Garage und ging zu Fuss in die Krone. Mehrere Tage plagte mich mein Gewissen, ob nicht doch die Polizei käme wegen einer Anzeige, die vielleicht einer der überholten Fahrer erstattet hätte. Es kam nichts. Und was hatte ich daraus gelernt? Nichts.

Hundert Sachen auf dem Tacho, das war damals eine magische Zahl für uns Burschen, natürlich nicht bei Geradeausfahrt. Da gab es nur volle Pulle. Welche Kurven vertragen 100 km/h? Dies auszuloten, war oft sehr gefährlich und

erforderte höchste  Aufmerksamkeit unserer Schutzengel. Mit hundert Sachen durch die Dörfer, mit hundert Sachen driftend in engen Kurven, mit hundert Sachen über einen „Sprunghügel“ am Bahnübergang mitten im Dorf. Die Polizei im VW-Käfer hinterher. Danach im Dunkeln und ohne Licht über Feldwege. Nur nicht erwischen lassen. Doch immer die ungewisse Angst, dass die Polizei das Kennzeichen gelesen hat, es lautete VL-Y 5, sehr kurz und gut zu merken. Im Nachhinein betrachtet, müssen uns ganze Scharen von Engeln bewacht haben. Dafür kann ich meinem Herrgott an dieser Stelle nur nachträglich danken. Wir glaubten natürlich an unser Können.

Eines Nachts von Samstag auf Sonntag im dicksten Winter, war ich mit Vaters Auto unterwegs. Zuvor war Tanzkurs, ich im dunklen Anzug und Krawatte und schwarzen Lackhalbschuhen. Wir Burschen nahmen noch einen Schlaftrunk ein in der Krone. Lange nach Mitternacht, es hatte in der Zwischenzeit ganz viel geschneit, öffnete der „Otto“ seine Fenster und stuhlte auf. Nun wurde es ziemlich ungemütlich und wir beschlossen, heim zu gehen. Irgendwie stach mich noch der Hafer und die nötige Bettschwere war auch noch nicht da. Zudem hatte ich gehört, dass es nicht gut wäre, wenn man die Augen mit Gewalt zudrücken würde. Alle anderen stapften zu Fuss durch den tiefen Schnee heim.

Ich kam auf die Idee, auf schneeverwehten Feldwegen ins Zollhaus zu fahren, um zu sehen, ob noch Licht dort brennt. Zudem wollte ich mir beweisen, wie man mit dem nötigen Schwung, der sagenumwobenen Fahrtechnik und der guten Ortskenntnis die Steigungen und Gefällstrecken meistert. Es machte so richtigen Spass. Auf halber Strecke, kurz vor einer kleinen Steigung hatte ich den nötigen Schwung, bemerkte aber aufgrund der schlechten Sicht und der Schneewehen nicht, dass ich mit zwei Rädern neben dem Weg fuhr. Plötzlich zog es mich wie von Geisterhand nach rechts, das Auto kippte fast um, Schnee kam auf die Motorhaube, nahm mir die Sicht und es ging weder vorwärts noch rückwärts. Nun stand ich knietief im Schneegestöber. So jetzt hat es dich erwischt, wärest du heimgegangen wie deine Kumpels. Jetzt hilft nur noch ein grosser Traktor, aber wo sollte ich den her bekommen? Wer ist noch auf um diese Zeit? Vielleicht der Lindenwirt in Marbach? Ich kämpfte mich mit nassen Füssen bis zum Bahnwärterhäuschen „Goldner“. Dort brannte noch Licht. Frau Goldner machte mir auf, sie hatte leider nur ein Bahntelefon, damit konnte man nicht ins normale Postnetz telefonieren. So ein Mist. Ich lief nass und frierend den Waldweg hinunter auf die Bundesstrasse. Mittlerweile war es so spät geworden, ich lief ca. 3 km die Strasse entlang, es kamen mir zwei Autos entgegen aber kein einziges in meiner Richtung. So erreichte ich total durchgefroren das Gasthaus Linde. Von aussen sah ich, dass am Stammtisch noch Licht brannte, die Tür war zum Glück noch nicht geschlossen. Für mich war dies ein Gang nach Canossa, wo doch mein Stammtisch in der Krone war und ich mich nur bei Anlässen, an denen der Gesangverein oder die Feuerwehr dort tagte oder nächtigte, sehen liess. Es war kein einziger Gast mehr anwesend. Rudolf Riegger, der Wirt,  hielt am Stammtisch schlafend und laut schnarchend die Stellung. Vorsichtig tippte ich ihn an seiner Schulter an, er wachte sogleich auf und war etwas benommen. Wahrscheinlich dachte er im Moment, er läge im Bett und hätte geträumt. Wider erwarten war er sehr freundlich und lachte verschmitzt, als ich ihm mein Missgeschick schilderte. „Komm mit“, sagte er ohne lange zu zögern. Er schloss die Gaststätte zu und nahm mich mit zum Hinterausgang. Dort zog er sich seine schweren Lederstiefel und einen Mantel an. „Zieh deine nassen Schuhe aus“, sagte er zu mir und gab mir ein Paar  Gummistiefel. Ein alter Anorak reichte er mir zum überziehen. Hinten an der Gaststätte war der Traktorschuppen. Von der Wand nahm er eine schwere Eisenkette und wickelte sie mehrmals um die Anhängerkupplung, dann startete er den schweren Traktor und bat mich aufzusitzen. In der Zwischenzeit hatte es so viel geschneit, dass kein Weg mehr sichtbar war. Für den Traktor war dies kein Problem. Als wir an der Stelle ankamen, wo meine Fahrt zu Ende war, fanden wir das Auto völlig versteckt in einer riesigen Schneewehe.  Während ich versuchte, die zugefrorene Fahrertür zu öffnen,  brachte der Rudolf seinen Traktor in Stellung, wickelte die schwere Kette ab und versuchte, sie an geeigneter Stelle der Vorderachse zu befestigen. Das war alles nicht so einfach und dauerte seine Zeit. Nebenbei dachte ich mir: „Was bist du doch für ein verdammtes, blödes Arschloch, mitten in der Nacht bei Schneetreiben auf die glorreiche Idee zu kommen, über verschneite Feldwege ins Zollhaus zu fahren, wo dort eh niemand mehr anzutreffen ist“. Nach dem ich die Motorhaube und die Windschutzscheibe frei geschaufelt hatte, stieg der Lindenwirt auf seinen Sitz, legte den Gang ein und fuhr an. Nichts bewegte sich, die grossen Hinterräder des Traktors drehten durch und sanken trotz dem Einlegen der Differenzialsperre ein. „So eine Scheisse“, fluchte ich lauthals. „Jetzt gibt es nur noch eine Möglichkeit, wir müssen hinten anhängen“, sagte der Rudolf. Ich wunderte mich über seine Eselsgeduld und sein verschmitztes Lächeln. Vielleicht war es für ihn eine willkommene Gelegenheit, seine Gedanken über seine Alltagssorgen zu vergessen und dabei noch einem jungen, unerfahrenen Schnösel zu zeigen, was eine Harke ist. Diesmal klappte es gleich. Er zog mich rückwärts auf den Weg zurück, löste die Kette. Dann fuhr er vor mir her so dass ich sicher in der Traktorspur bleiben konnte. In der Linde angekommen, wechselte ich meine Kleider und fragt den Rudolf, was es kostet. In dem Moment hätte ich jede Summe akzeptiert. Er lachte und winkte ab. „Schau, dass du dich nicht erkältest, das ist das Wichtigste, und sei froh, dass das Auto ganz geblieben ist. So fuhr ich heilfroh nach Hause, stellte das Auto in die Garage, noch so rechtzeitig, dass es mein Vater nicht vermissen konnte, wenn er es am Sonntagmorgen brauchte, um mit Mutter in die Frühmesse nach Kirchdorf zu fahren. Ich fror wie ein nasser Hund, der Anzug war dreckig und ramponiert wie ein alter Putzlappen. Nach der Frühmesse hörte ich meine Mutter schimpfend die Treppe hoch kommen. Ich hatte nicht mehr bemerkt, dass durch den nächtlichen Ausritt sich in der Garage jede Menge Ackerboden vom Auto löste, sich mit dem geschmolzenen Schnee vermischte und damit die Garage in einen Saustall verwandelte. „Ich habe mich geschämt, mit so einer Dreckkarre zur Frühmesse vorzufahren“, wetterte meine Mutter. „Was werden die Leute von uns denken, wo jeder sein Auto wäscht für den Sonntag“. Ich weiss nicht mehr mit welcher Art Lüge ich sie ruhig gestellt habe, mein Vater verlor kein Wort. Das fand ich einerseits gut, doch andererseits wusste ich nie, wo ich bei ihm dran war. Sah er einfach grosszügig über meine Räusche und die diversen anderen Eskapaden hinweg oder war ich ihm gleichgültig. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich jemals von meinem Vater geschlagen wurde so wie ich es bei meinen Kameraden miterlebte. Doch dass ich von ihm in den Arm genommen wurde oder dass er mit mir geschmust hätte, daran kann ich mich auch nicht erinnern. Alles in allem kann ich heute guten Gewissens behaupten, dass ich sehr gute Eltern hatte. In der Folgezeit liess ich mich öfters zum Frühschoppen in der „Linde“ blicken, sozusagen als Ausgleich und Dankbarkeit  für den Nachteinsatz vom Rudolf. Immer wenn er mich sah, konnte er ein heimliches Grinsen nicht verbergen.

Dass wir jungen Burschen damals auch sehr viel zu Fuss unterwegs waren, werde ich hier nicht verschweigen, diese Fortbewegung hatte auch ihre besonderen Reize, aber auch ihre besonderen Tücken. Der Heimweg vom Zollhaus erfolgte dann auf den Bahngleisen und manch einer hatte das Gefühl, dass die Geländer, dafür gedacht, um sich daran festzuhalten, sehr niedrig erschienen. Einmal schleppten wir zu Fuss und unter grösstem körperlichem Einsatz einen Kameraden nach Hause. Zuerst lallte er, später sagte er nichts mehr. Teilweise trugen wir ihn, teilweise schleiften wir ihn zu viert wie einen abgesägten Baumstamm, immer in der Angst, er könnte uns verlassen. Zu Hause schleppten wir ihn mit den letzten Kräften die Treppe hoch in sein Bett, zogen ihn aus bis auf  die Dessous. Nun konnte ihm nicht mehr viel passieren, war unsere Denkweise. Wir waren alle völlig fertig und fast wieder nüchtern, als wir sein Elternhaus verliessen. Da wurde sein Zimmerfenster aufgerissen und mit lauter Stimme rief unser halbtoter Kumpan herunter: „Na ihr besoffenen Schweine, geht ihr nun endlich heim“. Wir waren geschockt in anbetracht der seelischen Qualen, in die er uns versetzt hatte und nicht minder der körperlichen Anstrengungen, die nötig waren, ihn über fast vier Kilometer zu befördern.

Diese Themen über unsinnige Eskapaden, die einige Jahre meines Lebens prägten, möchte ich an dieser Stelle ausdünnen. Es waren keine verlorenen Jahre, es waren meine Jahre. So ist es halt geworden. Wir fuhren mit offenem Schiebedach durch St. Moritz, alle ausser dem Fahrer streckten ihre Füsse zum Dach hinaus. Damals hatte gerade Gunther Sachs, verheiratet mit Brigitte Bardot, seinen Dracula-Club dort etabliert. München mit Hofbräuhaus und Platzl lernten uns unfreiwillig kennen. Doch es zog uns Burschen immer wieder zurück auf die Baar zu unseren Wurzeln. Nirgendwo war es so heimelig bei Nudelsuppe mit Ruländer, Bierschinken oder Hähnchen mit Schorle rot süss, Bären- oder Fürstenberg-Bier oder Puschkin für harte Männer. Ob bei der Olga im berühmt berüchtigten Spiegelsaal in Beckhofen die Puppen, engagiert von französischen, in Donaueschingen oder Villingen stationierten Offizieren, auf den Tischen tanzten oder die Cegospieler, statt auf der Toilette ihre „Stange Wasser“ ins Eck zu stellen,  lautlos am Spazierstock hinab laufen liessen, ob im Hölzlekönig zu vorgerückter Stunde die Animierdamen der umliegenden Etablissements ihren Absacker zu sich nahmen, ob in der Waldschenke bei Adele die Musikbox mit verbotenen Liedern erklang, ob im Haslen die blonde Bedienung uns mit ihren langen Beinen, die in hochhackigen Stiefeln steckten und bis zum Boden reichten, mit ihrem Augenaufschlag in Traumwelten entführte, ob wir im Goldenen Bühl oder im Anker beim gleichen Wirt einkehrten, der sich selbst mal in seinen Oberschenkel schoss weil er immer an einer geladenen und entsicherten Pistole in seiner Hosentasche herum spielte, ob im Staatsbahnhof so morgens gegen sechs Uhr noch ein Hähnchen dran glauben musste, ob in der Mühlenklause die Mühlengeister bei flackernder Flamme und der Wein aus der Giesskanne unsere Gurgel passierte, ob im Friedrichsbad am Karfreitag ein Widschweinbraten sein Domizil wechselte, ob wir im Zollhäusle unseren Rausch, den wir uns zuvor im Café Hildebrand bei Annemie und Tante Bertl während der Tanzstunde ergatterten, sehen liessen, ob in der der Linde im Abstellraum eine gekonnte  Liebesaffäre mit Laiendarstellern belauscht wurde, bei der B.B. vor Neid erblasst wäre, ob in der Krone der Wirt im Keller eingeschlossen wurde, während seine Stammgäste die Decke mit Heringsschwänzen dekorierten oder eine Kuh aus Nachbars Stall holten um sie dann in Unterhosen durch die Gaststube zu führen, ob im Wiesengrund den Polizisten, die die Sperrstunde kontrollieren sollten, die Luft aus dem Reifen ihres VW-Käfers entwendet wurde, ob im Grünen Baum in Rietheim bei der Frieda ein Tag vor Weihnachten der Christbaum seinen festen Stand verlor, ob sich eine Suppennudelaffäre in der Morgendämmerung am hellen Sonntag im Gewann Gehren bei einer Schulkameradin zu einer spontanen Dessous-Modenschau mauserte, obwohl oder gerade weil ihre Eltern zu Hause waren, alles in allem war es eine schöne Zeit.

Eben diese Zeit plätscherte so vor sich hin, so nach und nach drifteten die Interessen der  Kameraden auseinander. Mehr oder weniger feste Bindungen zum anderen Geschlecht bekamen einen anderen Stellenwert. Auch die berufliche Orientierung der allesamt als Laiendarsteller anerkannten Schauspieler rückte wieder mehr in den Vordergrund.

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