Kindheit

Nun bin ich weit über sechzig Jahre jung und weiss nicht mal woher ich komme und noch weniger, wohin ich gehe. Glauben und Wissen sind zwei elementare Komponenten in meinem Leben und sie ergänzen sich auch bei mir wie bei jedem anderen Menschen immer zu hundert Prozent. Dabei muss ich allerdings gestehen, dass die einzelnen Anteile nie konstant waren und sind.

Meine Entstehungsgeschichte kenne ich nur in Bruchstücken und so lückenhaft, dass ich nicht weiter darauf eingehen möchte. Ich nehme an, dass meine Zeugung sich so abspielte, wie die der meisten Menschen auf diesem Planeten. Eine Machart mit Milliarden Varianten stand und steht zur Auswahl, für jeden ist vorgesorgt.

Ziemlich genau ein Jahr vor Kriegsende kam ich auf diese Welt. Ich habe sie  schon oft mit einem Karussell verglichen. Dieses Karussell hält seinen Lauf nicht an, wenn wieder einer auf- oder abspringt, auch bei mir nicht.

Im Haus meiner Grosseltern mütterlicherseits habe ich als zweites Kind meiner Eltern das Kerzenlicht der Welt im Keller erblickt. Die Fenster waren auch am helllichten Tag verdunkelt, draussen schlichen im Wonnemonat Mai französische Soldaten um das Haus. Mein Vater war im Krieg in Frankreich.

Mein Geburtshaus stand und steht heute noch am Rande des Dorfes und war das letzte auf der linken Seite zum Ostbahnhof. Die französischen Soldaten, unter ihnen auch Marokkaner, suchten alle Häuser nach versteckten deutschen Wehrmachtsangehörigen ab.

Erst zwanzig Jahre später erzählte mir meine Mutter unter Tränen, dass, als ich kaum auf der Welt war, die Soldaten ins Haus eindrangen, mich als Geissel nahmen, bis sie alle Räume, den Stall, den Heustall, das Holzschöpfchen bis hinauf unter das Dach, sogar die Rauchkammer, Opas Heiligtum, durchsucht hatten. Gott sei Dank fanden sie keine deutschen Soldaten, es wäre sicher zu einem grausigen Blutbad gekommen.

An diesen ersten Abgrund kann ich mich zum Glück nicht erinnern.

Die fremden Soldaten gaben sich laut Aussage meiner Mutter mit dem gesamten Inhalt der Rauchkammer zufrieden. Neben der Haustüre sah man noch viele Jahre nach dem Krieg drei Einschusslöcher in der Wand, die diese Soldaten zurückliessen. Offenbar waren dies die Duftmarken von ein paar Triumph-Gewehrsalven. Sie hatten nämlich ihre Beute, in Form von Speck und Bratwürsten, unter grossem Gelächter abtransportiert.

Im Nachhinein kann ich meine Mutter verstehen, dass sie die ganzen Jahre, die ich sie kannte, immer sehr ängstlich war, wenn es um die Unversehrtheit ihrer Kinder ging. Welche Seelenqualen muss sie ertragen haben, noch geschwächt von der Geburt, und schon stand das Neugeborene zur Disposition.

Ich bekam von unserem Schöpfer reichlich Gelegenheit, über die Welt, die Zeit und deren Ablauf nachzudenken.

Das Kerzenlicht bei meiner Geburt hat in meinem Leben eine gewisse Symbolik behalten. Hell erleuchtete Räume haben mich nie besonders fasziniert. „Fliegenscheisse in der Lampenschale, gibt gedämpftes Licht im Saale“, zu diesem Spruch habe ich eher eine Beziehung.

Krieg ist nie heilig, egal aus welcher Gesinnung, mit welchen Mitteln und zu welchem Zweck. Da werden Menschen, die sich nicht kennen, aufgewiegelt und aufeinander gehetzt, von Machthabern, die sich kennen.

Für was braucht man als Machthaber ein Volk, zum Steuerzahlen und Soldatenmachen?

Der hat die Macht, an den die Menge glaubt, was daraus wurde, steht in den Geschichtsbüchern, mehr oder weniger wahrheitsgetreu nach dem Motto: „An der Vergangenheit können selbst die Götter nichts mehr ändern, nur die Geschichtsschreiber“.

Zitate von Otto von Bismarck: „Wenn die Leute wüssten, wie Politik und Würste gemacht, wären sie um den Schlaf gebracht“.

„Wenn Staatsmänner irgendwo auf der Welt einen Pakt unterzeichnen, geht es darum, wer oder welches Volk als nächstes umgebracht werden soll“.

Meine Gedanken zu Krieg und Frieden möchte ich in Kurzform darlegen.

Die Rüstungsindustrie produziert und liefert Gewehre an arme, unterdrückte Völker, damit diese sich ihre Freiheit erkämpfen können. Über den kleinen Umweg „Entwicklungshilfe“ gelingt es den Machthabern reicher Völker dies zu finanzieren, den Hintergedanken zur späteren Ausbeutung von Bodenschätzen  verfolgend. Die grossen Geister unserer und vergangener Zeiten sagen alle, dass man sich die Freiheit erkämpfen muss, man bekommt sie nicht geschenkt. Also ran an den Speck.

Dieselbe Rüstungsindustrie, einfacher betitelt als das Grosskapital, produziert und liefert Minen, Granaten, Panzer, Bomben und Flugzeuge an die reichen, unabhängigen Länder, damit diese sich ihren Frieden erhalten und verteidigen können. Denn der Frieden muss ja verteidigt werden.

Die Tochterunternehmen der Rüstungsgiganten liefern nach erkämpftem Frieden Bagger, Kräne und Betonmischer in diese arg vom Krieg gebeutelten Länder.

Das läuft dann unter Wiederaufbau. Brücken, Häuser, Wohnungen und Schulen sind zerstört und müssen wieder aufgebaut werden. Eine neue, vor allem „bessere“ Infrastruktur muss her, koste es, was es wolle. Und wer bezahlt dieses fast perfekte Perpetuum-mobile?

Die Steuerzahler aller Völker natürlich, vertreten durch ihre Volksvertreter, die den ach so wichtigen Wehretat festlegen.

Dazu fällt mir ein, Autovertreter verkaufen Autos, Versicherungsvertreter verkaufen Versicherungen, Volksvertreter verkaufen V……

Jede Sandburg und jeder Lego-Turm wird schon im zartesten Kindesalter zerstört, und nun sind wir als Erwachsene so vermessen, zu glauben, ohne Kriege aus zukommen. Ja, dann gibt es noch die ganz Schlauen, die fürchten sich vor massivem Arbeitsplatzabbau in der Rüstungsindustrie, wenn es keine Kriege und keine Toten mehr gibt. Dabei müsste sich gerade die Grossindustrie mit massivem Tempo der Nutzbarmachung erneuerbarer Energiequellen widmen.

Dazu bräuchte es jede Menge Arbeitskräfte. Aber lieber die alte Kuh noch kräftig melken, so lange sie noch Milch gibt. Nur wenn die Aktien steigen, auch und vor allem auf der Basis von Kriegen, können sich die Manager ihre ohnehin schon aussergewöhnlichen Gehälter verdoppeln und verdreifachen. Und wenn das nicht reicht, machen sie noch krumme Geschäfte nebenbei, und wenn sie entdeckt werden, übernehmen sie grosszügig die Verantwortung, machen ihren Posten frei und kassieren die vorher ausgehandelte Abfindung in Millionenhöhe. Die Beispiele solcher Seil- und Machenschaften häufen sich bedenklich. Gewinne werden privatisiert, bewusst herbeigeführte Verluste werden sozialisiert. Wenn nur allein der Missbrauch im Arbeitswesen, im Gesundheitswesen, im Renten- und Sozialwesen abgebaut werden  würde, wäre Geld da in Hülle und Fülle. Aber wem sage ich das, ich merke, ich komme von Thema Kindheit ab.

Meine Kindeserinnerungen setzen bewusst so etwa mit dem Alter von vier Jahren ein. Ich sehe ein dreistöckiges Haus mit einer grossen, zweiflügeligen Haustüre. Daneben sichtbar nachträglich angebaut ein kleines Ökonomieteil mit schrägem Dach. Beim Eintreten zeigte sich ein sehr breiter und langer zementierter Flur, links ging man in den kleinen Stall, der gerade für eine Kuh, ein Schwein und eine Ziege Platz bot. Ein Dutzend Hühner, angeführt durch einen stolzen Hahn rannten im Garten umher. Ab und zu gab es ein „Ochsenauge“ zu essen. Damit war ein Spiegelei gemeint. Dieser Geruch in der kleinen Küche machte einen Riesenappetit. Den Geschmack habe ich heute noch auf der Zunge. Über eine steile Treppe im winzigen Kuhstall kam man auf den Heuboden, wo die „Kurzesmaschine“ stand, betrieben mit einer Handkurbel, später mit einem Elektromotor. Da durfte ich Grossvater zusehen, wenn er das Heu kurz schnitt. An das Geräusch und den Heuduft kann ich mich heute noch erinnern. Und wenn ein junges Kälbchen auf die Welt kam, so ist es vom Heustall herab gefallen, so erzählte man es uns Kindern, meiner zwei Jahre älteren Schwester und mir.

Vom Flur aus ging vorne rechts eine Türe in die Waschküche und die dahinter liegende Werkstatt, die zweite Türe führte in den Vorratskeller. Er war sehr dunkel und mit einer 15 Watt-Birne beleuchtet. Der Boden war so wie gewachsen. In einer Ecke fand man Kartoffeln, Einmachgläser auf Holzregalen, Äpfel und Birnen aus dem Garten, eingelegte Eier in einem riesigen Tonkrug mit rundem Holzdeckel und ein grosses Mostfass. Es mag so etwa zweihundert Liter gefasst haben. Opa war der Chef dieses Fasses. Nur er hatte sich die Erlaubnis erteilt, mit einem fünf Liter fassenden grossen Krug Most zu holen und in den obersten Stock in die Küche zu tragen. Dort wurde er dann bei Bedarf in einen schönen gelben Krug mit zirka einem Liter Inhalt umgefüllt.

Eine breite Holztreppe, mit reich verziertem, von Hand geschnitztem Geländer führte vom Flur zu einem Podest auf halber Höhe. Schon der Geruch deutete auf ein Plumpsklo hinter der sich nach aussen öffnenden Tür hin. Und so war es auch. An der Wand hingen alte Zeitungen statt „Hakle feucht, mehrlagig mit Blümchen“. Eine riesige Bürste stand in einem blauen Eimer und daneben eine voluminöse Karaffe mit Wasser. Die Kloschüssel war ein viereckiger Holzkasten, für uns Kinder eher zu hoch, dieser Kasten hatte ein Loch in der Mitte, für uns Kinder wiederum zu gross. Wenn man den Deckel hob, sah man sogleich, wie viel Zeit noch blieb, bis zum Leeren der Grube. Dieses Klo war eines der kältesten Orte im ganzen Haus. Dort wurde nie die Zeitung gelesen, sie wurde nur für hinterlistige Zwecke benutzt.

Weiter treppaufwärts kam man zu einer kleinen Küche, an der kalten Nordseite des Hauses gelegen, dahinter eine kleine Kammer, auf der Südseite Wohn- und Schlafzimmer. Doch dieses Stockwerk, zwischen Keller und Dach, wurde meines Wissens nicht bewohnt. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern. Es war dem Bruder meiner Mutter, Onkel Otto vorbehalten, der als junger Soldat in den Russlandfeldzug geschickt und bei der Schlacht um Leningrad gefangen genommen wurde. Er sollte das Haus erben, wenn er aus der Gefangenschaft zurückkommt und eine eigene Familie gründet. Seine Gefangenschaft in Nowgorod dauerte viele Jahre. Für Führer, Reich und Vaterland verlor er über zehn Jahre seines jungen Lebens, wie so viele seiner Altersgenossen. Als versierter und ideenreicher Mechaniker war er im Lager zuständig für die Reparatur von Lastwagen, Panzern, Baggern und sonstigem schwerem Gerät. Ersatzteile gab es kaum, er fand für jedes Problem, und war es noch so schwierig, eine Lösung. So bekam er ab und zu einen Löffel Kohlwassersuppe mehr als seine Mitgefangenen. Er gehörte zu den Spätheimkehrern, die die Hölle der Gefangenschaft überstanden, allerdings mit schweren körperlichen Schäden.

In einem späteren Kapitel werde ich noch auf die Menschen um mich herum näher eingehen. Dann kann ich mich gut erinnern an den Flüchtlingsstrom aus den Ostgebieten. Die neuen Machthaber Russland und Polen hatten sich das Land der Vertriebenen, ihr Hab und Gut und somit ihre Existenz unter den Nagel gerissen.

Auch in unserem Dorf Marbach bei Villingen kam der Bürgermeister mit einer Kommission, die sich aus mehreren Männern zusammensetzte, in jedes Haus, um die Aufnahmefähigkeit für Flüchtlinge zu überprüfen.

Wir, Opa und Oma, meine Mutter, ihre Schwester Anna, meine Schwester und ich lebten ganz oben unterm Dach in zwei Zimmern. Das eine war die Küche und gleichzeitig Schlafkammer für Tante Anna und meine Mutter. Das andere Zimmer war das Schlafzimmer für die Grosseltern, sowie für meine Schwester und mich. So zogen in die unbelegte, für Onkel Otto vorbehaltene untere Wohnung mehrere Flüchtlingsfamilien mit Kindern ein. Für mich war es ein beklemmendes Gefühl, so viele fremde Menschen im Haus zu haben, wo ich doch bisher wohlbehütet in einer Idylle lebte. Ausgehungerte Männer mit schwarzen Schnurrbärten flössten mir ungeahnte Ängste ein. Wir mussten beim verlassen des Hauses treppabwärts bei ihnen vorbei und ich hatte das Gefühl, wir sind in der Unterzahl und haben keine Rechte mehr im Haus. Zudem waren noch die meisten evangelisch, also Ungläubige und Heiden. Obendrein redeten sie anders als wir und viel schneller. Doch es war nur vorübergehend.

Von der Gemeinde wurde an der Winterhalde ein Flüchtlingsheim in Holzbauweise errichtet, wo einige Familien ein neues zu Hause bekamen. Für diese Menschen muss es ein Lichtblick gewesen sein nach ihrer Vertreibung und der Flucht aus ihrer Heimat. Dieses Gebäude war die erste Baumassnahme in unserem Dorf nach dem Krieg. Es bekam die fortlaufende Hausnummer 117. Jedes Haus und jede Scheune hatte eine Hausnummer, Strassennamen gab es nicht.

Die erste Erinnerung an meinen Vater geht zurück ins Jahr 1948, als ich vier Jahre alt war. Immer, wenn ich vor dem Haus spielte, kam ein Bauer aus der Nachbarschaft mit seinem Kuhgespann vorbei. Einmal mit dem Mistwagen, hoch geladen und schön glatt gedatscht, das andere Mal mit dem Güllefass oder mit dem Heu- oder Getreidewagen. Jedes mal hielt er an und fragte mich, „Bue, wem ghörscht du“, ich antwortete stets, „im Wintermantel“. So hiess nämlich mein Grossvater und meine Mutter Maria war eben seine älteste Tochter, eine geborene Wintermantel.

Zudem kannte ich damals meine anderen Grosseltern noch nicht, warum, das ist mir erst viel später klar geworden.

Für mich war das kein Problem, ich kannte ja meinen Vater nicht, er war in Innsbruck in französischer Gefangenschaft. Woher sollte ich wissen, dass ich Franz Quido Kern heisse, das hat mir niemand gesagt. Warum fragt mich der Bauer jedes Mal, dachte ich mir, ich habe es ihm doch schon so oft gesagt.

Das ging so lange, bis mein Vater zurückkam. Eines Morgens, so gegen Mittag, sagte meine Oma Agnes, schau da oben, jetzt kommt gleich der Zug aus Villingen. Mit ihm kommt dein Papa. Ich konnte damit nichts anfangen. Was ist das, ein Papa? Ich schaute zum Fenster hinaus auf das kleine Bahnwärterhäuschen der Familie Schellhammer. August, so hiess der Schrankenwärter und Fahrkartenverkäufer mit Vornamen, drehte die Schranke herunter und dann kam der Zug keuchend und schnaufend, mit einer riesigen Qualmwolke aus dem Bergeinschnitt hinter unserem Haus hervor. Unter ohrenbetäubendem Kreischen hielt er an.

Ich weiss nicht wie viele Leute ausgestiegen sind. Dabei war ein grosser, magerer Mann mit einem langen Mantel und in einer Hand hielt er einen kleinen schwarzen Koffer. Ich erinnere mich genau an die spitz hervorstehenden Backenknochen des mir bis dahin Unbekannten. Meine Mutter rannte ihm entgegen und umarmte ihn. Bisher hatte ich keine Umarmungen von Menschen gesehen. An meine Schwester, und wo sie in diesem Moment war, habe ich keine Erinnerung. Ich lief ihm entgegen, mehr ängstlich als freudig. Da dringt einer in dein Leben ein, ich spürte irgendwie, dass jetzt alles anders wird. Er hob mich hoch zu sich und drückte mich an seine Brust, wahrscheinlich an sein Herz. Das musste das zweite „Urlauberkind“ sein, das er bisher nur aus Feldpostbriefen kannte. Danach fehlt mir irgendwie ein grosses Stück an Erinnerung.

Meine Oma Wintermantel stammte aus Opferdingen, einem kleinen Nest zwischen Hausen vor Wald und Achdorf. Sie hatte mehrere Schwestern und Brüder. Ihre langen schwarzgrauen Haare hatte sie tagsüber zum Zopf geflochten und unter einem Kopftuch verborgen, nur in der Nacht nahm sie es ab, oder wenn sie ihre Haare wusch. Einen ideologischen Kopftuchstreit gab es damals nicht, ich denke dieses Kopftuch war sehr praktisch und obendrein diente es einer gewissen Hygiene. So gerieten Omas lange Haare weder in die Suppe, noch kamen sie zwischen Kuchenteig und Wellholz. Nur abends, wenn sie zu Bett ging, nahm sie ihr Kopftuch ab und löste ihre Haare, sie reichten dann bis zu den Hüften. Heute kann ich mir vorstellen, dass Opa Otto sich öfters darin verfing.

In der Küche gab es die einzige Feuerstelle im Haus. Im Schiff fand man den ganzen Tag heisses Wasser für Tee und den Abwasch. Abends wurden im Winter damit Bettflaschen gefüllt, es waren kupferne Eier mit aufschraubbaren Messingdeckeln. In der Küche, die gleichzeitig Lebensraum für alle war, meine Mutter und Tante Anna schliefen dort, konnte man sich im Winter gut aufhalten ohne zu frieren.  Dafür gab es im Schlafzimmer Eisblumen an den Fenstern. Meine ältere Schwester Gertrud und ich schliefen in stabilen, aber kalten Eisenbettchen bei den Grosseltern.  Ich erinnere mich gerne an den Duft in der Küche, wenn Oma in der Pfanne Gersten- und Weizenkörner schwarz röstete, in einem Tuch erkalten liess und sie dann in der alten Kaffeemühle mahlte. Manchmal durfte ich mithelfen beim drehen. So entstand nach dem Krieg der Ersatzkaffee.

Wenn es einmal im Jahr darum ging, ein Schwein und eine Ziege zu schlachten, war meine Oma in ihrem Element, da war sie der Chef. Sie hatte das Schlachten in jungen Jahren in der Fremde gelernt. Natürlich wurde der Dorfmetzger Fischerkeller dazu geholt. Am Morgen in der Frühe, wenn es hell wurde, holte sie das arme Schwein mit einem Seil um den Hals gebunden aus dem Stall. Dabei hat es immer fürchterlich gequiekt und geschrieen. Ich bekam es mit der Angst zu tun und versteckte mich um die Hausecke im Garten. Doch meine Neugier war meistens grösser als die Angst und so verfolgte ich das grausige Geschehen mit vorgehaltenen Händen durch die Fingerritzen.

Das Schwein band sie neben der Haustüre an das Wasserablaufrohr der südseitigen Dachrinne. Der Metzger, mit zwei Schnäpsen gestärkt, half dem Schwein mit einem gezielten Schlag auf die Stirn, genau zwischen die Augen, ins Jenseits. Es sackte zusammen. Sogleich wurde es ins Herz gestochen, meine Oma hatte schon den grossen Eimer bereit, um das herausspritzende Blut aufzufangen. Sogleich fing sie an, die Ärmel aufgekrempelt, mit ihren nackten Armen, das Blut zu rühren. Ein scheusslicher Anblick. Nie wieder werde ich mir von ihr ein Butterbrot streichen lassen, dachte ich bei mir. Diese blutigen Hände und Arme schockierten mich.

Mittlerweile hatten meine Mutter und Tante Anna in der Waschküche jede Menge kochend heisses Wasser zubereitet, welches sie in Eimern vors Haus trugen und den grossen Holzzuber damit füllten. Dazu kamen noch Harzbrocken, die Opa das Jahr über von Tannenbäumen in Blechbüchsen gesammelt hatte. Nun kam das Schwein, als es ausgeblutet war, in den Zuber zum Einweichen. Danach wurden die Borsten teilweise mit einem Strick, teilweise mit einem Schaber von der Haut entfernt. Die Brühe wurde immer trüber, das Schwein immer sauberer. Zuletzt war die Haut leuchtend weiss.

In der Zwischenzeit kam der Fleischbeschauer aus Klengen und nahm eine Probe. Danach begann die eigentliche Arbeit des Metzgers. Zuvor wurden ihm noch zwei Schnäpse gereicht und auf ein gutes Gelingen angestossen.

Nun kam das tote Schwein auf den Schragen, ein wuchtiger vierfüssiger Holzbock mit stabilen, runden Querbalken. Mit scharfem Gerät zerlegte der Metzger das Schwein. Das war dann für mich spätestens das Signal, freiwillig den grausamen Schauplatz zu verlassen. Ich versteckte mich dann in der Scheune oder lief zum Bahnwärterhaus „Marbach Ost“. Diese Haus- Schlachtungen mussten auf dem Rathaus angemeldet werden und dort bekam man auch gesagt, bei welchem Bauern dieser Schragen ausgeliehen werden konnte. Während der Metzger mit dem fachgerechten Zerlegen des Schweines beschäftigt war, schlachtete meine Oma eine Ziege nebenbei. Ich hörte sie sagen, dass dies eine sehr gute Wurst ergäbe, wenn man Schweinefleisch mit Ziegenfleisch verwursten würde. Und es stimmte. Allerdings konnte ich meist zwei Tage nichts essen.

Einmal geschah es, dass der Metzger das Schwein beim Töten nicht gleich richtig traf. Das lange  Regenablaufrohr, an das es gebunden war, riss ab und unter fürchterlichem Geschrei lief das Schwein samt Rohr in Richtung Ostbahnhof. Mit vereinten Kräften wurde das Schwein eingefangen, zurückgebracht und getötet. Ich kann mich erinnern, dass bei späteren Schlachtungen ein Bolzenschussgerät zur Verwendung kam.

So gegen Mittag war die Schlachterei vorüber. Der so genannten Metzelsuppe, die es danach gab, ging ich immer aus dem Wege. Metzel kommt wohl von Gemetzel, diese Gedankenverbindung bereitet mir heute noch Unbehagen. Natürlich schlachtete meine Oma auch Hühner. Auf dem Spaltklotz hieb sie ihnen mit dem Beil den Kopf ab und sie flatterten ohne Kopf davon.

Mein Opa Otto Wintermantel war Zimmermann von Beruf und stammte aus Schönwald. Er hatte das Haus an der Ostbahnhofstrasse nach dem ersten Weltkrieg komplett selbst gebaut, massiv aus Stein und Holz. Das Holz war in kräftigem rot, das Gemäuer in blassem rot gestrichen. Die Fensterläden waren zwei- und dreiflügelig und sehr schwer.

Wie ich mitbekommen habe, hat Opa noch viele Jahre nebenbei im Messingwerk in Villingen gearbeitet. Knochenmühle wurde das Werk damals genannt, weil mancher Arbeiter an den schweren Pressen, Bändern und Walzen seine Finger, seine Hand oder auch den Arm verlor.

Für den Krieg wurden im Messingwerk Bänder aus einer Legierung von Kupfer und Zink ausgewalzt und aufgewickelt. Diese schweren Bänder in unterschiedlichen Materialstärken wurden dann in den Fabriken ausgestanzt und zu Patronenhülsen und anderen Teilen verarbeitet.

Opa war schon zu alt, um noch zum zweiten Weltkrieg eingezogen zu werden.

Ich kannte ihn als Allrounder, wie man heute sagen würde. Manchmal durfte ich ihn aufs Feld begleiten, da hat er dann an einem Strick seine brave Kuh dabei gehabt, ich jedoch hatte Angst vor den Viechern, die grösser waren als ich. Wenn ich sie mal halten musste, nahm ich die ganze Seillänge als Abstandhalter voll in Anspruch. Manchmal ergab es sich im Feld, dass der Schäfer Weiler mit seinen Schafen und den zwei Hunden des Weges kam. „Der Württemberger ist wieder da“, hiess es im Dorf. Einmal hörte ich den Schäfer sagen: “Grüss dich, du alter Kuhseckel“, und Opa erwiderte schlagfertig: „grüss dich, du alter Schafseckel“, dann lachten beide und waren quitt.

Wenn der Schäfer Weiler, im Dorf wurde er nur der „Magenleider“ genannt, seinen Hund rief, hörte es sich immer gleich an. Mit scharfer, lauter Stimme erschallte sein Ruf über die Wiesen: „ Karo, komm da rieber, du Kreizsakramender“. Ich erzählte es Oma und sie sagte, Fluchen wäre sein Morgen- und Abendgebet. Ansonsten war er ein stiller Mann, ein von Sonne, Wind und Kälte leder gegerbtes braunrotes Gesicht schaute spitzbübisch unter seinem grossen Filzhut hervor. Ich wusste nicht, ob mir seine derben Züge Angst einflössten oder ein gewisses Urvertrauen, ich tendiere im Nachhinein zum letzteren. Wenn er nicht gerade unterwegs war, lehnte er auf seiner Schippe, beobachtete seine Schafe und Hunde. Manchmal kam es mir vor, als schaue er den Wolken nach und träume von einer anderen Welt. Er war ein Naturbursche und schlief auch bei eisiger Kälte im Schäferkarren. Einmal hatte er sich an einem Zeh schwer verletzt. Die Wunde wollte nicht heilen und der ganze Zeh wurde schwarz. Da hat er sich den Zeh mit Schnaps betäubt und selbst amputiert und verbunden.

Tieren gegenüber war ich immer sehr ängstlich. Kühe, Pferde, Ziegen, Schafe und vor allem Hunde jagten mir unerklärliche Ängste ein. Sogar das Geflatter der Hühner liessen mich davon rennen. Vor allem der Gockel vom Bahnwärterhäuschen muss dies bemerkt haben und stellte mir immer nach. Er kam dann in schräger Haltung mit steil erhobenem Schwanz und gesenktem Kopf auf mich zu, ich nahm jedes Mal Reissaus.

Wenn Opa sich anschickte, Speck und Bratwürste zu räuchern, waren sämtliche Feuerstellen im Haus seiner Regie unterstellt. In der Rauchkammer unter dem Dach war es ziemlich dunkel, dort brannte kein Licht. Neben der Rauchkammer, ganz oben unter dem Spitzdach waren in grossen, abgeteilten Holzverschlägen die Lagerstätten für das Korn. Über eine steile Treppe stieg man hinauf. Da konnte es schon passieren, dass einem eine kleine piepsende Maus über den Weg lief. Da gab es auch Mausefallen mit kleinen Speckstückchen drin. Ich durfte nie allein die steile Treppe dort hinauf benützen. Nur mit Opa gelangte ich in sein kleines Reich. Für die Frauen war dieser Bereich tabu. Wenn sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte ich dort recht gut sehen.

Sobald der Speck und die Würste an den vom Rauch geschwärzten Stangen hingen, wurde die Tür von aussen dicht abgeschlossen und der Schieber am Kamin so umgelegt, dass der von unten kommende Rauch zuerst durch die Rauchkammer geleitet und danach erst oben durch das Kamin entschwand. Dann gingen wir beide hinab in die Waschküche. Dort hatte Opa den Ofen bereits präpariert. Es kam nur Wachholderreisig hinein, das er längere Zeit zuvor an den Feldrainen von Wachholderbüschen abgeschnitten hatte.

Während des Räucherns durften die Frauen in der Küche nur mit den von Opa extra ausgesuchten Holzscheiten Feuer machen. Kohle, Briketts oder sonstiger „Scheissdreck“, wie Opa zu sagen pflegte, war strikt verboten. Ich erinnere mich noch an das Knistern im Ofen und an den feinen Geruch des Rauches. Entsprechend gut schmeckten später die geräucherten Köstlichkeiten.

Dazu schmeckte der selbst gekelterte Most. Ich als kleiner Junge durfte nur nippend probieren, um nicht dumm zu werden. Bald nach dem Krieg stellte die Firma Haupt in Schwenningen wieder Sprudel her. Es gab drei Produkte und die Werbung dafür war: „Die 3 Hauptkerle“. Eine Sorte war süsser Sprudel, den gab es dann nur an Festtagen, an den Geschmack kann ich mich heute noch erinnern. Da stammte der Zitronengeschmack noch von echten Zitronen. Damals gab es noch kein Kleingedrucktes auf dem Etikett. Dick machendes Süssungsmittel Aspartam oder eine Phenylalaninquelle gehörten damals nicht zum sprachlichen Repertoire der Getränkehersteller.

Später gab es dann „Frigeo-Brause“ in kleinen Beutelchen in den beiden Kolonial-Warenläden im Dorf. Diese Brause löste man damals wie heute in Wasser auf. Es gab ein prickelndes Getränk.

Die Kleinbauern, so wie meine Grosseltern, gingen selten in den Laden, und wenn, dann abwechselnd zu Elsässers oder Postmaiers. Da gab es für uns Kinder auf einem Ständer so genannte Malzergläser. Die roten Himbeerbonbons hatten es mir angetan. Bei jedem Einkauf bekam ich einen. Wenn Oma vor einem Festtag eine Tüte mit zehn Stück kaufte, wurden dafür 10 Pfennig fällig.

Zucker, Salz, Mehl, Rosinen und sonstige Zutaten zum Kochen und Backen lagerten in Säcken und Schubladen. Alles wurde in Guckeln ( Papiertüten ) abgefüllt, zuerst natürlich abgewogen. Auf der einen Seite der Waagschale lagen kleine, mittlere und grosse Messinggewichte, in der gegenüberliegenden Waagschale wurde die Ware mit einer Schaufel gefüllt. Essig und Öl bekam man in mitgebrachte Flaschen abgefüllt, ebenso Milch. Milch zu kaufen brauchten wir nicht, da unsere Kuh diese hergab. Eier gab es von unseren frei laufenden Hühnern. Diese bunt gefiederten Tiere landeten später im Suppentopf.

Müllabfuhr war damals ein Fremdwort, ausrangierte Tüten nahm man zum Feuermachen im Herd. Flaschen wurden wieder befüllt. Konservendosen waren selten. Und wenn es sie gab, wurden sie benutzt um Harz, krumme und rostige Nägel usw. aufzubewahren, oder sie wurden als Abdeckkappen für Gartenzaunpfosten benutzt. Die rostigen Nägel wurden mit dem Hämmerchen gerade geklopft und wieder benutzt, sie hielten durch den Rost besonders gut im Holz. Alles wurde wiederverwertet, geflickt und repariert, nichts weggeworfen. Also gab es damals schon totale Wiederverwertung, nur das Wort Recycling existierte noch nicht. Es gab auch keine Schadstoffe in heutigem Sinn. Holz, Stein und Eisen waren die am meisten verwendeten Materialien. Kunststoffe kamen erst in den 50 er Jahren aus Amerika, man sagte, es sei Bakelit. Dübel gab es nicht zu kaufen, sie wurden aus Holz geschnitzt. Statt mit einer Schlagbohrmaschine wurden die Dübellöcher von Hand gemeisselt.

Opa war sowieso ein Holzfachmann, er schnitzte sämtliche Figuren für die riesige Weihnachtskrippe. Ein wunderschönes Schaukelross durften wir Kinder unser eigen nennen.

Ein paar Apfelbäume, Zwetschgenbäume und ein wunderschöner Birnbaum lieferte Obst. Erbsen, Bohnen, Kohlrabi, Rosenkohl, Rote Bete, Zwiebeln, Schnittlauch, Petersilie wuchsen im Garten, auch feine kleine Erdbeeren konnten wir Kinder sofort in den Mund stecken. Diesen Geschmack findet man heute nicht mehr, so süss und saftig, von der Sonne gereift.

Der Gemüsegarten schloss sich in Dreiecksform an der Ostseite des Hauses an, der Obstgarten, in dem die Hühner nach Würmern und sonstigem Getier scharrten, lag an der Westseite des Hauses neben dem angebauten Stall.

Mein Lieblingsspielplatz war der Birnbaum, der jedes Frühjahr herrlich blühte. Von diesem Hochsitz aus hatte ich einen guten Überblick auf die vorbeiführende Strasse. Ich konnte die Bauern beobachten, wie sie Richtung Ostbahnhof mit ihren Fuhrwerken auf Äcker und Wiesen fuhren. Sie sahen mich nicht, zum einen, weil sie ihr Augenmerk auf ihr Fuhrwerk zu richten hatten, zum anderen war das Blätterwerk des Birnbaums zu dicht.

Wenige grössere Bauern hatten schon Traktoren, doch die meisten hatten ihre Kühe und Ochsen als Zugpferde eingespannt. Teilweise richtig stolz zogen sie vorüber und trieben mit der Geisel ( Peitsche ) ihre Tiere an, besonders wenn ein Gewitter sich ankündigte. Sie sollten schneller gehen, um das gut duftende Heu oder die Weizen- Gerste- oder Hafergarben noch rechtzeitig ins Trockene zu bringen. Andererseits wurde Mist und Gülle auf die Felder gefahren. Trotz aller Sorgfalt beim Laden des Mist- oder Güllewagens verloren die Bauern unterwegs aufs Feld einen geringen Teil ihres Ladeguts, es fiel oder tropfte auf die holperige, im Sommer sehr staubige Strasse. Es gab ja auch noch keine Kanalisation. Der Regen hatte die Fahrrinne ausgewaschen und grosse Steine kamen zum Vorschein. Sie waren allerdings von den mit Eisen bereiften Holzrädern der Wagen glatt gefahren. Bei starken Gewittern mit viel Regen lief das Wasser einfach den Katzenwinkel hinunter. Der tiefste Punkt im Ort war und ist heute noch der Talbach, aufnahmefähig für weiches Regenwasser. Die für mich alt aussehenden Bauern kauten im Vorbeigehen meist an einem ekelhaften Zeug, das sie im Kolonialwarenladen gekauft hatten. Schick ( Kautabak ) nannte man diese Würfel, die dann beim Kauen eine braune Brühe aus den Mundwinkeln quellen liess. Wie werden da die Bäuerinnen und Mägde auf die Küsse scharf gewesen sein?

Damals machte ich mir natürlich darüber keine Gedanken.

Mich interessierten mehr die Schwalbennester unterm Dach und im Stall. Ich hörte, dass Schwalben im Haus vor Feuer schützen würden. Jedenfalls waren sie schnelle, emsige und flinke Flieger. In den Drecklachen ( Pfützen ) holten sie sich ihr Nestbaumaterial. Wenn erst die Jungen geschlüpft waren, faszinierten mich die Fütterung und die Zeit des Ausfliegens.

Ich mag so etwa an die vier Jahre alt gewesen sein, als man mich in den Kindergarten stecken wollte. An diesen Tag kann ich mich genau erinnern.

Zum ersten Mal nahm mich meine Mutter mit ins Dorf. In der Kurve zwischen den Gasthäusern Linde und Krone war der Dorfkindergarten. Direkt neben der Schmiede. Ich konnte einen Blick in die Schmiede werfen. Irgendjemand erzählte mir, dass es dort so schwarz wie in der Hölle aussehen würde, und wenn die Kinder nicht gehorchen, sie dort abgeliefert würden. Die dunkle, rauchgeschwärzte Werkstatt mit dem Feuer im Hintergrund bescherte mir ein ungutes Gefühl. Und wenn dann noch der alte Schmied mit seinem riesigen schwarzen Schnauzbart und den buschigen Augenbrauen herausschaute, glaubte ich als Kind, das müsste der Teufel sein.

Also zurück zum Kindergarten. Bisher hatte ich immer alleine gespielt, mit kleinen Autos, die ich von den ausgewanderten Amerikanern bekam. Zu anderen Kindern waren mir Kontakte bisher fremd, und so benahm ich mich entsprechend. Ich war sozusagen Neuling und fühlte mich von den anderen Kindern beäugt und nicht verstanden. Ich sass im Sandkasten und sprach mit keinem anderen, auch nicht mit der Kindergärtnerin.

Als dann am Nachmittag kollektives Schlafen angesagt war, beschloss ich in meinem Innersten, da nie wieder hin zugehen. Meine ganzen Freiheiten, die ich bis dahin hatte, sah ich den Bach hinunter gehen. Am nächsten Tag sollte ich wieder dahin. Alle Drohungen, vielleicht waren sie nur halbherzig, halfen nichts, ich ging da nicht mehr hin.

Da meine Mutter und Tante Anna auf der anderen Strassenseite in der Uhrenfabrik des Schwiegervaters arbeiteten, wäre der Kindergarten für mich willkommen gewesen, so nahmen sie mich mit in die Fabrik und ich spielte unter den Werkbänken, zwischen Maschinen und bis zur Decke reichenden Regalen mit meinen Autos, die ich aus Paketen von Onkel Alfons und Eugen aus Amerika bekam. Alfons und Eugen waren Stiefbrüder zu meinem Opa Otto. Beide waren 1936 nach USA ausgewandert.

Stundenlang konnte ich mich allein verweilen, zudem musste ich mich wahrscheinlich gut benehmen, um nicht doch noch in den Kindergarten zu müssen. Langweilig war es mir nicht. Alle Arbeiter kannten mich, sie gaben mir verschiedene rohe Uhrenteile zum spielen. Das war viel schöner, als auf Kommando zu schlafen.

Da bekam ich dann zum ersten Mal die Schwiegereltern meiner Mutter, also meine anderen Grosseltern zu sehen. Sie lebten mit ihren drei Söhnen, dem ältesten, Karl, meinem Vater, Onkel Willi und Onkel Erich in einem Bauernhaus mit angebauter Werkstatt.

Die Werkstatt war ziemlich eng. Es wurde noch in der Küche, im Wohnzimmer und sogar im Elternschlafzimmer produziert. Die drei Söhne logierten irgendwo unter dem Dach, dorthin kam ich nie. Ich weiss nur, dass die Kern-Oma oft geschimpft hat wegen der Unordnung in ihrer Wohnung. Das Uhrengeschäft hatte Vorrang.

Eines Tages, wieder in der Werkstatt, sah ich meinem „zusätzlichen“ Grossvater, dem Kern-Opa zu, wie er auf einem hohen Stuhl stehend, die Uhren auf dem Regal einregulierte. Ich bewegte mich hinter ihm mal nach rechts, mal nach links und sah ihm mit erhobenem Kopf unentwegt zu. Niemand bemerkte, dass ein rechteckiger Deckel im Boden abgehoben war, der normalerweise dort eine Öffnung zudeckte. Diese Öffnung im Boden der Werkstatt diente dazu, um vom Lagerkeller Uhrenteile nach oben zu heben.

Auf einmal war ich wie vom Boden verschluckt und fiel einen Stock tiefer. Im richtigen Augenblick stand Josef, unser Nachbar, zuständig für die Einrichtung der Maschinen und das Rohteillager genau darunter und konnte mich auffangen. Ich wäre sonst mit dem Kopf auf dem Betonboden aufgeschlagen, und wer weiss? So vier oder fünf Jahre war ich damals jung.

Immer wenn der Mensch ein Ereignis nicht planen, vorhersehen, berechnen oder verstehen kann, muss der Zufall oder das Schicksal herhalten.

Wie das Leben meiner Schwester in dieser Zeit verlief, ist mir nicht in Erinnerung. Erst als sie in die Schule kam, als sie sehr krank wurde, nach einer Blinddarmentzündung und anschliessender Bauchfellentzündung ins Krankenhaus nach Villingen kam, beginnen meine Erinnerungen mit ihr. Lange Zeit bangte die Familie um ihr Leben. Sie musste eine Klasse zurück und ging deshalb mit dem Jahrgang 1943 zur Schule.

Dann kam auch die Zeit, wo sie auf mich aufpassen musste und mich mit zu ihren Freundinnen nahm. Ich war dort die Jahre bis ich zur Schule kam der einzige Bub und vielleicht auch ein gewisser Störfaktor bei den Mädchen.

Jedenfalls wurde mein Aktionsradius zunehmend grösser.

Ich lernte andere Häuser und andere Leute kennen, sah wie in den Scheunen und Ställen die Ratten auf dem Gebälk turnten. Somit erweiterte sich auch mein Spielradius im ganzen „Zinken“ auf der Sommerhalde.

Manchmal hörte ich ein gleichmässiges, stundenlanges hämmern in der Nachbarschaft. Nun konnte ich ergründen, woher das monotone Geräusch kam. Emil Willmann, der Vater von Josef, welcher mich beim Sturz auffing, hatte eine kleine Landwirtschaft. Im Sommer sass er auf der Südseite seines Hauses unter einem schattigen Fliederbusch auf einem fest im Boden verankerten Stein. Er dengelte Sensen, sowohl seine eigenen, als auch die von anderen Bauern, und  mit der Gleichmässigkeit eines Uhrwerks, was den Takt anbelangte, schwang er sein Spezialhämmerchen. Gefühlvoll dosierte er die Härte der Schläge. Sie waren so fein abgestimmt, dass die Sensen entsprechend aussahen und sehr gut schnitten. Jeder Bauer, der ins Feld ging, um Gras zu mähen, hatte ein Kuh- oder Ochsen-Horn am Gürtel hängen. Darin befand sich Wasser und ein Wetzstein (Schleifstein). Mit diesem Wetzstein wurde die gedengelte Sense von Hand nachgeschliffen. Diese Geräusche hörte man zur Sommerzeit in aller Herrgottsfrühe über weite Strecken auf den Feldern.

Jetzt konnte ich auch ergründen, woher täglich ein schauerliches Husten aus der Nachbarschaft kam. Meine Schwester hatte eine Freundin. Im Dorf nannte man ihren Vater „Polizeien-Willi“. Manchmal lehnte er unter der Stalltüre oder stützte sich an der Hauswand oder am Brunnentrog ab, wenn er seine Hustenanfälle bekam. Ich bekam es mit der Angst zu tun, wenn ich sah, wie sein Gesicht blau anlief. Dann rannte ich davon. Als er eines Tages plötzlich starb, sagten die Leute, er hatte ein schwaches Herz. Was ein Herz ist, und welche Funktion so ein Herz hat, konnte mir niemand erklären.

In jenen Zeiten wurden die Toten zu Hause aufgebahrt, eine Leichenhalle gab es nicht. Mehrere Abende kamen die Nachbarn im Trauerhaus zusammen und beteten den Rosenkranz für die Verstorbenen. Dabei sassen die Leute am grossen Tisch, auf Stühlen, auf der Ofenbank um den Kachelofen herum, die Kinder auf kleinen Schemeln oder auf dem Fussboden. Meist waren mehr Frauen als Männer zum Beten anwesend, nur ein flackerndes Kerzenlicht erhellte den Raum. Beeindruckt war ich von der Monotonie der gesprochenen Sätze. Es gab Frauen, die sich besonders hervor taten und den Ton angaben, die Männer murmelten eher in ihre Bärte hinein. Die Litaneien gegen Ende des Rosenkranzes erschienen mir fast endlos. Eine Vorbeterin machte zuvor das grosse Licht an, um besser lesen zu können. Schon damals entdeckte ich, dass ich mich in solchen Situationen mehr dem Beobachten der Menschen hingab, als der inneren Sammlung. Ich versuchte in Ihren Augen, an ihrer Mimik und Gestik zu ergründen, was sie wohl dachten. Schon als Bub, der nun bald zur Schule sollte, wollte ich immer hinter die Kulissen der Menschen schauen. Diese Neugier hat mich mein ganzes bisheriges Leben begleitet.

In der unmittelbaren Nachbarschaft lebten in einem kleinen Häuschen der Schuster Mauthe mit seiner Frau. Ihr einziger Sohn hatte, wie so viele andere, sein Leben für Führer, Volk und Vaterland gelassen. Auf der einen Seite im Hausflur war eine kleine Küche, auf der anderen Seite seine Schusterwerkstatt. Da durfte ich manchmal einen Blick hineinwerfen, wenn Oma mit mir hin ging, um neu besohlte Schuhe abzuholen. Bezahlt wurde mit Naturalien wie Speck, Eier, selbstgebackenem Brot und einer Kanne Most. Schuster Mauthe war ein kleiner Mann mit dunklen Augen und einer Brille mit runden Gläsern. Er machte einen überaus gütigen Eindruck auf mich. Er reparierte nicht nur Schuhe, sondern bastelte auch Hampelmänner aus Holz und Draht. Ausserdem hatte er eine alte Drehorgel, die war für uns Kinder besonders interessant. Wir durften dann an der Kurbel drehen und schon ertönte immer wieder dieselbe Melodie vom alten Spinnrad. Vor seinem Häuschen an der Südseite hatte er einen stattlichen Spalierbaum mit wunderschönen saftigen Birnen. Öfters kletterte ich daran hoch und schaute durch das kleine Fenster in die Werkstatt. Einmal machte er das Fenster auf und schenkte mir einen lustig aussehenden Hampelmann.

Frau Mauthe war eine ziemlich kleine, fast kugelrunde Person mit ganz dicken Brillengläsern. Sie stammte aus Schwenningen, ihr Dialekt war nicht zu überhören, er klang so andersartig. „Bigolli, der Koab johlet dä ganz Zinkä voll“, hörte ich sie sagen, wenn meine Schwester laut nach mir oder nach ihrer Freundin rief.

„Bald pfeift ein anderer Wind“, pflegten die Leute zu sagen, wenn die Kinderzeit sich dem Ende zu neigte und die Schulzeit näher rückte. Dieser Ausspruch löste in mir ein Gefühl des Unbehagens aus, ich konnte und wollte mich nicht verändern.

Es ergab sich noch bevor ich zur Schule kam eine grosse Veränderung in meinem Leben, als meine Eltern sich entschlossen, ein Haus zu bauen. Vater, Mutter und zwei Kinder lebten bis dahin in zwei verschiedenen Familien, alles sehr beengte Verhältnisse im einen, wie auch im anderen Haus.

Zudem kam Onkel Willi von Hamburg zurück und brachte seine Frau aus Kiel mit in den Schwarzwald.

Als erstes entstand nach dem Krieg das Flüchtlingshaus an der Winterhalde mit der Hausnummer 117.  Nach den Plänen des Maurermeisters Karl Riegger wurde das nächste an der Sommerhalde mit der Hausnummer 118 gebaut. Es sollte unseres sein.

Mein Opa Kern hatte hinter seinem Bauernhaus, das er 1929 kaufte und mit der Hausnummer 95 versehen war, in östlicher Richtung ein grosses angrenzendes Grundstück gekauft und eingezäunt. Es war ein Wiesengelände, die jährliche Heuernte war für die Ziege meiner Oma gedacht.

Er hegte sicher damals schon Pläne, wenn das Uhrengeschäft richtig laufen würde, auf diesem eigenen Gelände separat eine Fabrik zu bauen, um die Produktion aus der heimischen Wohnung auszulagern.

So wurde mit dem Bau des Einfamilienhauses ein grosser Abstand zu seinem Anwesen eingeplant.

Die Baugrube wurde in völliger Handarbeit ausgehoben. Mit Pickel, Schaufel, Stemmeisen und Schubkarren waren die Männer angerückt. Da war weder ein Kran, noch ratterte ein Presslufthammer. Der Maurermeister erstellte selbst die Pläne, veranlasste die Vermessung und erstellte die Schnurgerüste. Er beschäftigte mehrere Männer aus dem Ort, unter anderem auch den Leopold Weisshaar und den Hermann Fischerkeller. Beide hatten eine kleine Landwirtschaft gegenüber der „Krone“.

Der „Lebold“ war gleichzeitig noch Gemeindediener. Er hatte einen Hinkefuss. Jede Woche war er mit dem Fahrrad unterwegs und an vorher festgelegten Plätzen im Ort hielt er an, nahm eine schwere Glocke und läutete eine Minute lang. So öffneten die Menschen in der Umgebung die Türen und Fenster, oder sie kamen heraus auf die Strassse und hörten seine Bekanntmachungen. Wichtige Termine auf dem Rathaus las er vor, anstehende Zusammenkünfte der Bauern, Massnahmen gegen die Ratten- und Mäuseplage, Vereinstermine und übergeordnete Bekanntmachungen des Landratsamtes.

Sobald ein dampfender und zischender Zug vorbeifuhr, hielt er inne mit seiner Vorlesung. Die Schwerhörigen gingen näher zu ihm hin oder fragten ihn noch mal persönlich, wenn sie etwas nicht verstanden hatten. Er war meist etwas ungeduldig, schliesslich sollte er seinen Zeitplan einhalten.

Wenn es stark regnete, unterbrachen die Bauarbeiter ihre Arbeit und begaben sich in die Bauhütte. Aus jenen Zeiten wurde mir später ein Zitat vom „Lebold“ zugetragen. Schwere Wolken seien am Himmel vorüber gezogen, ohne dass ein Tropfen Regen fiel. Seine Arbeitskameraden hörten den „Lebold“ murmeln: „Wenn’s jetzt nit bald renglet, no stommer so under“ (Wenn es jetzt nicht bald regnet, dann stehen wir trotzdem unter).

Hausbau war Knochenarbeit, ohne Maschinen. Bausteine wurden auf dem Rücken getragen, ebenso die Speis- und Betonkübel, und die waren schwer.

Diese Baustelle war nun mein neuer Spielplatz. Täglich kamen ein paar alte Männer aus dem Dorf an der Baustelle vorbei, stützten sich auf ihre Stöcke und unterhielten sich über den Krieg und die schlechten Zeiten. „Jetzt kann es nur noch besser werden“, hörte ich sie sagen.

Ich verstand ihre Worte nicht. Als Kind hat man den Horizont noch nicht, um Wertungen abgeben zu können. Und das ist auch gut so.

Mein unbeschwertes Kinderdasein sollte bald einem anderen Lebensabschnitt Platz machen. Lesen, Schreiben und Rechnen sollten aus mir einen lebenstüchtigen Menschen machen. Dann sollte ich mich in eine grössere Gemeinschaft einfügen und gewisse Disziplinen einhalten zu lernen. Warum muss das sein, fragte ich meine Mutter. Ich habe keine Erinnerung, dass ich mit meinem Vater je ein Wort über mich und meine Zukunft gesprochen hätte. Er selbst hatte, was mir erst viele Jahre später zugetragen wurde, als Ältester der drei Buben, im Schwarzwald als Hütejunge bei fremden Leuten eine schwere Kindheit. Erst als seine Eltern aus dem engen Wildgutachtal nach Schwenningen umzogen, konnte er eine Lehre als Feinmechaniker machen.

„Wenn es nur keinen Krieg mehr gibt, alles andere lässt sich bewältigen“, hörte ich die älteren Leute sagen. Jeder hatte auf seine Weise negative Erlebnisse und Erfahrungen. Alle waren bereit, die Ärmel hochzukrempeln und anzupacken. Da gab es noch kein Pokern und ein streiten um Lohnerhöhung.

Die neu aus Ruinen erstandene Bundesrepublik mit Ihren hoch motivierten Politikern, die unausgesprochen das Wohl des Volkes als ihre Aufgabe sahen, handelte nach der Maxime: Tue zuerst das Notwendige, danach das Mögliche, und du wirst das schier Unmögliche erreichen. Heute werden Politiker nach ihren Reden bei Talkshows eingestuft, nach Politbarometern in Zeitungen und Illustrierten, damals nach ihren Taten. Jeder versucht heute, sich rhetorisch geschult, möglichst hervorragend „rüberzubringen“. Früher waren sie im denken schneller, heute im reden. Wenn sie heute nach schnellem reden zum denken kommen, entschuldigen sie sich, übernehmen die Verantwortung für ihr reden und tun und treten publikumswirksam zurück, wechseln hoch dotiert in die freie Wirtschaft, ohne Pensionsansprüche zu verlieren.

Gesetze, auch die, die die Versorgung von Staatsdienern regeln, wurden und werden halt immer noch nach goldenen Regeln gemacht. Das heisst im Klartext: Wer das Gold hat, macht die Regel.

Ich merke, ich habe den roten Faden, den ich mir zurechtgelegt habe, verloren.

Schimpfen soll gesund sein, „Schimpfen sei der Stuhlgang der Seele“, habe ich mir gestern von einer älteren Dame im Café sagen lassen ...

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