Jugendzeit

Wann beginnt die Jugendzeit? Mit der Pubertät, wenn du an dir Glieder entdeckst, die multifunktional sind, die sich bei unkeuschen Gedanken verändern, was Form und Konsistenz anbelangt, dem ersten scheuen Kuss, oder vielleicht  mit nichts von alledem. Schulzeit und Jugendzeit hatten bei mir keine klaren Grenzen, sie griffen wie Zahnräder ineinander. Und wie man es von Getrieben kennt, war manchmal Sand drin oder es harzte gewaltig.

Schöne und weniger schöne  Zeiten wechselten sich ab. Zu den schönen Zeiten gehörten in erster Linie die Schulferien, abseits von Stadt und Gymnasium. Die Schulmappe wurde in dieser Zeit keines Blickes gewürdigt.

Dafür streunte ich mit dem Fahrrad durchs Dorf, suchte und fand auch immer andere Burschen und Mädchen, die nach getaner Haus- oder Feldarbeit Zerstreuung suchten. Die gab es massenhaft. Fernseher, Internet, Handy, Disco und solche modernen Ablenkungen verstellten uns nicht den Blick für einfache, aber zwischenmenschlich hochwertige Spiele und mitunter wuchsen sie sich zu Abenteuern aus. In den Ferien kamen meist fremde Mädchen und Jungen aus anderen Gegenden ins Dorf, sie waren dann zu Gast bei Kusinen und Kusins.

Ganz besonders interessierten mich die fremden Mädchen. Meine ausgeprägte Schüchternheit setzte mir enge Grenzen in meinen Möglichkeiten, die ich deshalb kaum bewusst wahrnahm. Erinnern kann ich mich nur noch vage an Eifersüchteleien der Mädchen vom Dorf gegenüber den Chancen der zugereisten Mädchen. Diese stammten aus der Schweiz, aus dem Markgräflerland, aus Freiburg oder aus dem tiefen Schwarzwald.

Treffpunkt war meist die mitten im Dorf gelegene „Milchsammelstelle“. Dort lieferten abends die Bauern ihre Milch in grossen Kannen ab. Sie wurde an Ort und Stelle gekühlt und zur Abholung am nächsten Tag bereitgehalten. Da kamen dann auch die Leute vom Dorf, die keine Landwirtschaft hatten und holten in kleinen Kannen ihre Milch für den täglichen Bedarf. Nun wurde ausgeheckt, was als nächstes Spass bedeuten könnte.

Meist endete der Tag mit Versteckspielen, Verschlupfis nannten wir dieses Spiel, Extasy der fünfziger Jahre. Nun wurde ausgezählt, wer die anderen suchen muss. Da ging es nicht immer mit rechten Dingen zu. Die Älteren zählten meist so ab, dass ein Jüngerer mit Suchen an der Reihe war.

Nun war das ganze Dorf oder vorher abgemachte Bezirke unsere Spielwiese.

Damals gab es schon in jedem Bezirk Insider, die besonders gute Verstecke kannten, und so war es den Suchenden fast unmöglich, alle Scheunen und Schöpfe abzuklappern. So ergab es sich, dass das Aneinanderkuscheln von Mädchen und Jungs im Versteck, meist irgendwo im Heu, möglichst lautlos, um nicht gefunden zu werden, zu unseren Lieblingsspielen zählte. Zu dem gab es für Mädchen damals keine Hosen, nur Röcke und Kleider. Als unsere Mütter Wind bekamen von unserem Treiben, gab es Aufklärungsunterricht. Kurz und bündig erklärte mir meine Mutter, ich habe sie übrigens nie nackt gesehen, mit sorgenvollem Gesichtsausdruck: „Mach mir ja kein Mädchen unglücklich“. Das war alles an Aufklärung, und so oder ähnlich ging es auch den anderen Jungs.

Wie man ein Mädchen unglücklich macht, bekamen wir nie zu hören. Und wie macht man ein Mädchen glücklich? ,das zweimal nicht, einfach Funkstille. Solche Themen waren tabu. Doch das sollte nicht so bleiben. Jedes Jahr kam ein Mann namens Oskar als Drescher ins Dorf. Er war ein muskulöser, gut aussehender Mann mit pechschwarzen Haaren und Schnurrbart. Mit einem schweren Traktor zog er die grosse Dreschmaschine auf den so genannten „Holzplatz“  zwischen Dorf und Westbahnhof. Auch das war für uns ein willkommener Abenteuerspielplatz.

War die Dreschmaschine nun verankert, brachte er die Zugmaschine nach Hause in ein Dorf, in der Nähe der Stadt Villingen. Nun kam er jeden Tag mit seinem schwarzen Borgward-PKW ins Dorf zum Dreschen. Viele Bauern liessen nun ihre eigenen, veralteten oder reparaturbedürftigen Dreschmaschinen stehen und brachten ihre Garben zum Lohndreschen. Abgerechnet wurde entweder nach Stunden oder Anzahl der Kornsäcke, ich weiss es nicht. Oft wurde bei Scheinwerferlicht bis spät in die Nacht gedroschen. Es war eine ziemlich staubige und durstig machende Arbeit. Die Männer warfen mit Gabeln die gebundenen Garben vom Wagen auf die Dreschmaschine. Auf der Dreschmaschine mussten die Frauen die Schnüre lösen und die Ähren in den Auffangtrichter der Maschine werfen. Der Drescher war Maschinist und bediente ebenerdig die Schieber der Auslaufschächte. Er nahm die vollen Getreidesäcke ab und band sie zu. Dann befestigte er leere Säcke und öffnete die Schieber. Ab und zu nahm er einen kräftigen Schluck aus der dreiviertelliter Bärenbierflasche. Die hatte damals noch einen Bügelverschluss mit Keramikstopfen und rotem Dichtring. Das Öffnen einer neuen Flasche genoss er besonders, der Knall übertönte die lauten Maschinengeräusche.

Eines Abends in den Sommerferien, es war schon spät, trieben wir uns dort in der Nähe des Dreschplatzes herum. Die Maschine lief nicht mehr, es war dunkel, nur ein kleines Licht gab einen schummerigen Schein ab. Der Borgward stand noch da. Wir dachten, vielleicht ist der Drescher noch in die „Linde“ gegangen zu einem kleinen Abendtrunk nach getaner Arbeit, und so schlichen wir uns am Bahngraben entlang. Da hörten wir Laute einer Frau aus der Richtung der Dreschmaschine und robbten lautlos näher. Im Zwielicht von Vollmond und einer 15 Watt-Birne bewegte sich etwas. Auf einem umgefallenen Getreidesack gingen zwei weisse Schenkel auf und ab.

Ein für uns seltsam anmutendes, leises Stöhnen, gepaart mit ruckartigen, fast keuchenden Atemstössen, machte uns zugleich Angst und weckte die Neugier. Das war unser erster praktischer Anschauungsunterricht in Sachen Aufklärung.

Zwar haben wir nicht viel gesehen, doch das Erlebnis beflügelte für die Zukunft unsere Phantasie. So ungefähr fünfzehn Jahre alt müssen wir damals gewesen sein. Wie der Sex zwischen Bulle und Kuh ging, wussten wir schon früher. Abends wurden die „rinderigen“ Kühe von den Bauern an einem Seil zum Farrenstall geführt, der Farrenwärter Hugo band sie in einem speziellen Stand fest. Wir schauten durch das stark verschmutzte kleine Fenster in das Innere des Stalls und sahen, wie er den Schwanz der Kuh hob und aus einer grossen Tube eine Gleitsalbe in die Scheide der Kuh einbrachte. Danach führte er den Bullen an einer Stange mit einem Nasenring herein. Der Bulle nahm die Witterung der paarungsbereiten Kuh auf und begann, sie von hinten zu besteigen. Meist fand der Bulle mit seinem Penis die entsprechend für solche Dinge vorgesehene Öffnung. Wenn nicht, ging der Hugo mit seinem Arm und seiner Hand dazwischen und „wieselte“ das gute Stück hinein. Das war sicher eine gefährliche Mission. Mit mehreren kurzen Stössen tat der Bulle das von ihm geforderte und stieg von der Kuh herunter. Dann hörte man den Hagenfutterer sagen: „Hättä, scho koa Jungfer meh“.

Richtung Bad Dürrheim erstreckte sich lang gezogen die Sommerhalde unterhalb der Bahnlinie der Württemberger Bahn. Am Ende der Sommerhalde kam ein grosser Steinbruch der Fa. Karl Riegger Bad Dürrheim, im Dorf wurde der Besitzer „Sandkarle“ genannt. Dieser Steinbruch war voll in Betrieb und reichte auf der Nordseite bis hinauf zur Bahnlinie. Der abgebaute Kalkstein wurde zu Schotter zerkleinert und für den Strassenbau bereitgestellt. Für uns Burschen war dieser Steinbruch ein kleines Kletterparadies, jedoch wegen des  losen Gesteins sehr gefährlich. Nicht weniger gefährlich waren die Feierabende im Steinbruch, wenn die letzten Arbeiter gegangen waren. Es gab da unverschlossene Schöpfe, wo wir Bretter und Latten mitgehen liessen, um im gegenüberliegenden Wald unsere Hütten zu bauen. An einer gut geschützten Stelle bauten wir eine komfortable, zweistöckige Hütte auf sechs Bäumen.

Das Dach wurde regendicht gemacht mit Dachpappe. Im oberen Stock war der Schlafraum, wurde aber so gut wie nie benutzt. Im Unteren Stock hatten wir einen alten Ofen installiert. Darauf konnten wir Speckeier braten. Die dufteten und schmeckten im Wald besonders gut. Das Ofenrohr führte ins Freie, allerdings sah man den aufsteigenden Rauch von der Bundesstrasse aus, dieser Umstand brachte uns später einigen Ärger. Nachdem wir die Hütte mit diversen Schikanen ausgestattet hatten und unsere Feiern ausgiebig mit Bier befeuchteten, kam eines schönen Tages das Aus für unsere Hütte. Als wir hinkamen, war sie total zerstört. Alles war heruntergerissen und lag kreuz und quer im Wald. Wir kamen nie dahinter, wer uns diese Misere bescherte. Wir konnten nur mutmassen. Waren es Arbeiter vom Steinbruch, von wo wir die Bretter und Latten mitgehen liessen, war es der Waldhüter oder der Waldbesitzer, oder waren es ältere Jungs aus dem Dorf, jedenfalls gab es unsere zweite Heimat nicht mehr. Da waren wir sehr traurig. An Aufbau war nicht mehr zu denken. Eine Ära mit gestohlenen Äpfeln und Mirabellen ging damit zu Ende und es folgte eine neue. Im Gasthaus „Linde“ wurde eine moderne Bundeskegelbahn gebaut. Dort konnte man als Kegelbub ein paar Mark verdienen. Es gab dann Hobbykegelklubs und die Sportkegler. Die lukrativsten Möglichkeiten nutzten natürlich die älteren Jungs, die abends Kegel aufstellen durften. Für uns jüngere blieben die Nachmittage. Einer nach dem anderen wurde  sechzehn und hatte so nebenbei das Geld für den Führerschein Klasse vier für Traktor und Moped bis 50 ccm zur Verfügung. Die einen von uns hatten Lehrlingslohn und sparten auf ein Moped, wie ich zu meinem kam, schilderte ich im vorigen Kapitel.

Nun ging es darum, in den Ferien zu zelten irgendwo in Italien und in Österreich. Unsere Mütter waren natürlich sehr besorgt und nicht damit einverstanden. Wie kann man solch unerfahrene Burschen auf den Rest der Menschheit loslassen? Und was ist, wenn ein Gewitter kommt, wenn es kalt wird in der Nacht, wenn ein Fahrzeug kaputt geht, wenn die auf fremde Mädchen treffen, nicht auszudenken, was uns alles widerfahren könnte.

Nichts Positives, nur Negatives kam zur Debatte. Doch unser Entschluss stand fest: wir fahren.  Fünf Mann hoch, bepackt mit Zelten und Kochtöpfen, fuhren wir los Richtung Südtirol, die Route hab ich vergessen. Wir hatten keine genauen Ziele und landeten in Berchtesgaden auf einem Zeltplatz, bauten unsere Zelte auf, schlürften eine Suppe und begaben uns schnurstracks in ein Kino. Es lief ein Film mit Brigitte Bardot. „Wollen sie mit mir tanzen“, war der Titel des Films und freigegeben ab 18 Jahren. Wir waren etwas über 16, aber sahen viel, viel älter aus und kamen hinein. Da waren wir stolz wie die Hühner. Die französische Schauspielerin war damals so um die 25 Jahre, zeigte viel nacktes Fleisch und war ab diesem Zeitpunkt natürlich unser Schwarm.

Aus den Mahlzeiten in den mitgebrachten Kochtöpfen wurde nicht viel. Wir tranken Schoki zum Frühstück und assen Suppe auf Teufel komm raus. Zudem genehmigten wir uns einige Biere als Schlaftrunk, dieser hielt meist bis am nächsten Tag, bis die Sonne in unerträglicher Hitze auf die Zelte schien. Da kam es schon mal vor, dass wir einen, an einem Seil am Fuss angebunden, ins Freie schleppen mussten. Wir besuchten noch das berühmte Salzbergwerk, schliesslich mussten wir zu Hause was Anständiges erzählen können. So ging es weiter nach Meran auf einen Zeltplatz. Unterwegs durch die Alpen hatten wir einige Schwierigkeiten mit einem Moped, an dem sich immer wieder die Zündung von selbst so verstellte, dass die Leistung rapide abnahm. Meinen umfangreichen Werkzeugkoffer hatte ich dabei und konnte das Gefährt mehrmals auf Vordermann bringen. In Meran gelangten wir bei strahlendem Sonnenschein auf dem Zeltplatz an. Nach dem Zeltaufbau machten wir uns chic für die Nacht.

Kaum etwas im Bauch, aber guter Laune schlenderten wir in die Stadt. Da kamen wir in der Freiheitsstrasse an einer Bar vorbei. Für den Abend war Striptease angesagt, da gehen wir hin, waren wir uns einig, natürlich keine Ahnung, was so was kostet.

Und der Abend kam, unterwegs assen wir noch an einem Kiosk eine Wurst und dann hinein ins Vergnügen. Für uns Landbuben tat sich eine neue, bis dahin unbekannte Welt auf. An das schummerige Licht mussten wir uns gewöhnen.

Wir müssen uns ziemlich doof angestellt haben, als eine mit üppiger Figur ausgestattete Blondine mit endlos langen Beinen uns mit „Herren“ ansprach und  danach zu einem runden Tisch führte. Dieses Bild, das nie festgehalten wurde, hätte ich mal sehen wollen. Fünf Lalli vom Land beim Striptease. Uns rutschte schon beim Anblick der Platzanweiserin das Herz in die Hose. Die sah ganz anders aus als Brigitte Bardot auf der Leinwand. Unsere Stielaugen  waren mindestens genauso gross wie unsere Hemmungen, als sie uns ungeahnte und bis dahin ungekannte Einblicke in die weibliche Anatomie gewährte. Die Getränkekarte war in der Dunkelheit nicht zu entziffern. Wir wollten jeder ein Bier bestellen. „Das geht nicht meine Herren, sie laden mich hier an ihren Tisch ein und ich trinke gar kein Bier. Ihr könnt Bier trinken, eine Flasche Sekt wäre das Minimum für mich“, machte sie uns klar. Wir schauten uns an und alle Blicke deuteten wortlos darauf hin, dass wir alle das Geld für diese Flasche Sekt zusammenlegen werden. Und so bestellten wir, ohne zu fragen, was es kostet. Zuerst sassen wir fünf da wie ein verscheuchter Hühnerhaufen, die Frau animierte uns zum Trinken, setzte sich abwechselnd zwischen je zwei von uns und wir konnten ihren Körper hautnah spüren und ihren aufreizenden Parfümduft einatmen. Uns wurde heiss, da bestellten wir weiteres Bier.

Hinter einer schweren, roten Gardine tauchte dann auf einmal eine verdammt hübsche Frau mit langen schwarzen Haaren auf, ging auf die kleine Showbühne und zog sich mit Musik und Tanz langsam aus. Unsere Tischdame verliess uns gleich zu Anfang der Show und holte mehrere ältere Herren am Eingang ab und dirigierte sie an einen wohl schon vorbestellten Tisch. Eine andere, leicht bekleidete, aber nicht minder attraktive Frau brachte mehrere Flaschen Sekt, gekühlt in silbernen Kübeln, an den Tisch dieser Herren. Diese waren gekleidet mit Anzügen und trugen Krawatten. Nun sassen wir da mit unseren grossen Augen und feuchten Händen, nippten an den winzigen Bieren, durstig wie die Sau und jeder einzelne dachte wahrscheinlich an die Rechnung, die wir jetzt gleich verlangen würden.

Und die Rechnung kam, ich weiss nicht mehr, wie sie lautete. Jedenfalls hatten wir über die Hälfte unseres Urlaubsgeldes in ein paar Stunden verprasst. Und wie viele Biere hätte das in Marbach in der „Krone“ beim Otto gegeben? Da fällt mir das Zitat des Schriftstellers George Best ein: „Ich habe mein Geld für Alkohol, Autos und schöne Frauen ausgegeben, den Rest habe ich einfach sinnlos verprasst“. Wie begossene Pudel schlichen wir aus dem Lokal und sahen noch wie eine Stripteasetänzerin die Bar durch eine Seitentür verliess um in der Bar nebenan aufzutreten. Unterwegs fanden wir noch eine Kneipe, wo das Bier mit humanen Preisen an uns gebracht wurde, natürlich fragten wir vor der Bestellung, was es kostet. Die vorangegangenen Biere hakten wir schweren Herzens unter der Rubrik „Lehrgeld“ ab.

Weit nach Mitternacht, vielleicht ging es gegen Morgen, fanden wir mit einiger Mühe den Zeltplatz, doch er war verschlossen. Voller Energie und voller Gnaden wollten wir über den Zaun jucken, doch daraus wurde ein mühsames Klettern und Hangeln. Zudem stolperten wir in der Dunkelheit über die Seile und Heringe der anderen, schon lange schlafenden Camper. Diese krochen ziemlich schlaftrunken, aber um so weniger aggressiv aus ihren Zelten und drohten uns mit Schlägen. Einer von uns sah sich veranlasst, den Ausspruch zu kreieren: „Wie viele sind wir?“ „Fünf“, so kam unsere Antwort, wie aus einem Munde und wie einstudiert. Das war nicht so. Die Camper zogen sich in ihre Schlafsäcke zurück. Nun galt es, unsere Zelte zu finden, das war alles andere als einfach in der Dunkelheit. So grasten wir den ganzen Platz nach unseren Mopeds ab, immer darauf bedacht, niemanden mehr zu stören. Es graute schon der Morgen, als wir endlich die Kojen gefunden hatten. Nun warfen wir uns mit samt Klamotten hinein. Irgendwann knallte die Mittagshitze unbarmherzig auf unsere Behausungen und weckte einen nach dem anderen. Wir machten je eine „Päcklesuppe“ heiss auf dem kleinen Kocher und packten unsere Habseligkeiten zusammen. Die nächste Anfahrstelle war Cortina d’Ampezzo. Nach den Feierlichkeiten der letzten Nacht, und es wurde schon wieder Nacht, entschlossen wir uns einstimmig, ab jetzt nur noch „wild“ zu zelten, schon allein deshalb, um Geld zu sparen. So machten wir uns zuerst den Spass, den Auslauf der Olympia-Schanze hochzufahren bis in den Steilhang, wo die Skispringer bei ihrem Aufsprung landen, bis es nicht mehr ging. Dann liessen wir uns mit Maschine und Gepäck einfach umfallen, um nicht mitsamt dem Moped den Berg hinunter zu kullern. Wir waren damals die ersten „hillclimber“, würde man heute sagen.

An einem Kiosk in der Stadt besorgten wir uns einen Schlaftrunk. Müde genug waren wir. Die Erlebnisse der letzten Nacht waren uns deutlich ins Gesicht geschrieben und das dauernde Verstellen der Zündung an einem unsere Zündappfahrzeuge kostete uns unterwegs einiges an Nerven.

Dann bauten wir unsere Zelte im Wald auf einer kleinen Lichtung neben einem leise plätschernden Bach auf. Abwechselnd sollte jeder zwei Stunden Wache schieben, damit die anderen ungestört schlafen konnten. Doch daraus wurde nichts, alle schliefen ziemlich schnell wie die Murmeltiere, auch der erste Wachhabende. Wir bemerkten nicht, dass ein Gewitter heraufzog. Nicht einmal der starke Regen weckte uns. Erst als der Bach über die Ufer ging und alles unter knöcheltiefes Wasser setzte, wurde einer nach dem anderen wach und irrte in der von Blitzen durchzuckten und von Donner erschallten Nacht  umher. Nun waren wir all unserer trockenen Kleidern beraubt, unsere Suppenpäckchen waren nass. Zudem hatte es stark abgekühlt. Was nun? Wir hatten bis zum Morgengrauen zu tun, unsere Siebensachen in die nassen Zelte einzuwickeln. Dann beschlossen wir, die nächst beste Scheune aufzusuchen. Es sollte wieder ein sonniger Tag werden, und  wir würden unsere Klamotten auf einer Wiese trocknen. Das hat auch geklappt und Gott sei dank, hat sich keiner von uns erkältet. Zerknittert, aber wohlgemut machten wir uns auf den weiteren Weg, den ich im Nachhinein nicht mehr genau nachvollziehen kann. Auch weiss ich nicht mehr, wie oft wir Alpenpässe überquerten, wie oft wir tanken mussten, wie oft eine Reparatur der Mopeds anstand. Irgendwann gelangten wir in Österreich auf dem Weg nach Innsbruck in ein Dorf namens Wattens. Damals wie heute ist dort der Hauptfirmensitz von Swarowski-Kristall. Wir campten wieder wild, aber nie mehr an einem Bach, schworen wir uns. Wir fuhren durch das schöne kleine Städtchen und etwas ausserhalb, an einem Bergrücken mit saftigen, grünen Wiesen, liessen wir uns nieder und schlugen unsere Zelte auf einer kleinen Hochebene auf. Der Weg dort hinauf war so steil, dass wir absteigen mussten und neben den Mopeds herlaufen mussten. Der Standort schien uns geschützt genug, um in der Nacht weder überfallen, noch ausgeraubt zu werden.

Nun machten wir uns von da aus zu Fuss ins Dorf auf. Ein Heimatabend war im schönsten Gasthof angesagt. Der Eintritt war frei, dies war eine gute Sache für unsere arg geschröpfte Urlaubskasse. Die Einheimischen waren sehr gastfreundlich zu uns und boten gleich Platz am grossen Stammtisch an.

Bald kam es zu lebhaften und guten Gesprächen. Wir berichteten von unseren Abenteuern, wobei wir es in den Ausführungen mehr über- als untertrieben.

Nach und nach lernten wir den Kaminfeger, den Lehrer, den Schreiner, den Mesner, den Metzger und den Besitzer vom Kolonialwarenladen kennen. Diese Herren hielten uns frei mit Bier und jede Menge Eierlikör. Die Darbietungen der Trachtentanzgruppen und Schuhplattlern bemerkten wir nur am Rande. Der Alkohol, die edle Salbe, machte uns einen nach dem andern zum Kalbe. Wahrscheinlich bereitete es diesen Herren Vergnügen, wie sie förmlich live miterleben konnten, wie unsere Pegel, dank ihrer Hilfe, stiegen und stiegen.

Die Kombination von Bier und Eierlikör muss irgendwie kontraproduktiv gewirkt haben. Nach geraumer Zeit, die wie im Fluge verstrich, waren wir alle fünf zu wie eine geschlossene Gesellschaft. Wir versuchten zu vorgerückter Stunde in der Nacht, unser Höhenquartier, mehr robbend als laufend, zu erklimmen. Da gab es noch Bäume mit reifen Zwetschgen am Wegesrand. Da wir seit Tagen kaum etwas Richtiges gegessen hatten, mussten diese Zwetschgen auch noch dran glauben und kamen in unsere Mägen, damit sie sich zwischen Bier und Eierlikör wohl fühlen konnten. Keiner konnte sich mehr genau an den Abend, den Heimweg und den Rest der Nacht erinnern. Ein fundamentaler Filmriss ging durch alle Gehirne. Der Morgen danach brachte nicht wirklich Licht ins Dunkel. Nur einer von uns hatte, bei Tageslicht betrachtet, nicht nur ein rostiges Gesicht, sondern auch einen rostigen Schlafsack vorzuweisen. Ob es wohl das Bier, der Eierlikör oder die Zwetschgen waren, die ihn so alt aussehen liessen, oder war es die Kombination der verschiedenen Wirkstoffe?  Jedenfalls lief er um das Zelt herum wie ein Geist und versuchte herauszufinden, ob ihn womöglich einer angekotzt hatte. Dabei lag er wohl alleine im Zelt. Alle anderen lagen kreuz und quer in voller Montur neben den Zelten. Die Sonne stand schon stechend am Himmel, als wir unsere Morgentoilette an einem Brunnen ausserhalb von Wattens machten. Das Brummen der verschiedenen Schädel hörte sich an, als wären Bienen ausgeschwärmt. Aus dem Frühstück wurde nichts. Da galt es aufsitzen und weiter ging es, wohin weiss ich nicht mehr. Im Konvoi fuhren wir hintereinander her. Ohne ersichtlichen Grund kam der vorderste Fahrer mit seinem Soziuskumpel auf einer schnurgeraden Strecke rechts von der Fahrbahn ab und landete mit einem Überschlag in einer Wiese. Gepäck und Kochtöpfe wirbelten durch die Luft, genauso wie die beiden Kameraden. Mein Gott, dachte ich, jetzt ist es passiert. Zu unserem Glück war an dieser Stelle weder Bankett, noch Leitplanken oder gar Schlitzgräben. Wir anderen drehten sofort um und fuhren in die Wiese. Die beiden Havaristen rappelten sich auf und waren völlig verblüfft, aber zum Glück ohne ernsthafte Blessuren. Der Sozius gab zu, dass er  während der Fahrt geschlafen habe, beim Fahrer stellte sich heraus, dass er sich zu Hause im Bett wähnte. Bis zu diesem Zeitpunkt hätte keiner von uns geglaubt, dass man auf einem Zweirad einschlafen kann. Ab da waren wir eine Erfahrung, die leicht ins Auge hätte gehen können, reicher. Nun galt es, das etwas lädierte Vorderrad so zwischen die Vordergabel zu bringen, dass es weder rechts noch links streifte. Das bewerkstelligte ich mit dem Anziehen und Lockern der entsprechenden Speichen. Nach diesem Erlebnis empfanden wir keine grosse Lust mehr, in Innsbruck zu campen und entschlossen uns, angesichts der drohenden Leere in der Urlaubskasse, Richtung Deutschland zu fahren, wo wir in der Nähe von München zum letzten Mal übernachteten. Einer von uns hatte in Wennedach Verwandte. Dort verbrachten wir die letzte Nacht auf dem Heustock und wuschen uns morgens am Brunnentrog. Der letzte Rest Geld ging fürs Tanken drauf und reichte gerade bis nach Hause. „Wie seht denn ihr aus“, hörten wir unsere Mütter sagen. „Ihr seid alle so abgemagert, habt ihr denn nicht gekocht?“ Ich weiss nicht, was meine Kumpels ihren Müttern erzählten, jedenfalls waren es nur belanglose Dinge, um sie nachträglich nicht noch in Ängste zu stürzen. Damals gab es noch keine Handys, um schnell mal zu Hause anzurufen. Die Eltern wussten weder, welche Route wir nahmen, wo wir übernachteten und was uns alles widerfuhr. Wir schickten lediglich jeder eine Postkarte ab, von Meran, aber leider erst in der zweiten Woche, weil wir vergassen, sie in einen Briefkasten zu werfen. So kamen die Karten erst zu hause an, als wir schon da waren.

Nun hatten wir die Luft der grossen weiten Welt geschnuppert. Ab diesem Zeitpunkt trugen wir unsere Nasen so hoch, dass es hineinzuregnen drohte.

Vorbei war es mit den Kindereien wie dem Stehlen von Augustäpfeln bei’s Polizeiä, Birnen bei’s Storzä und Mirabellen beim Lindenwirt. Fortan ärgerten wir auch den Glockenwilli nicht mehr. Ebenso das  Maienstecken, bei dem ich einmal eine Tracht Prügel vom Fischerkeller einsteckte, war out. Genauso die Hütte im Wald. Der Sandkarle brauchte von nun an keine Sorgen mehr haben um seine Bretter im Steinbruch. Während der Woche gingen meine Kameraden ihrer Berufsausbildung nach und ich meiner Schule. Aber freitags trafen wir uns in der Krone. Jeder träumte davon, spätestens in zwei Jahren den Führerschein für das Auto zu machen. Das war das nächste Sparziel für uns. Für mich war es ohne Lehrlingslohn etwas schwierig, Geld auf die Seite zu bringen. Mein Grossvater und Firmengründer Karl Kern sen. hatte ein Auto, aber keinen Führerschein. Das war eine Gelegenheit, von der ich nichts ahnte.

Ich wusste nicht, wie sehnlich er darauf wartete, dass ich den Führerschein bald bekam und ihn dann nach seinen Wünschen kutschieren konnte. Aus diesem Interesse heraus übernahm er den Löwenanteil der Kosten für meine Fahrschule. Dann konnte er endlich seine Fahrten planen, ohne immer einen seiner drei Söhne zu bemühen. Ein paar Tage vor meinem achtzehnten Geburtstag bestand ich meine Fahrprüfung und bekam exakt an meinem Geburtstag den allseits begehrten grauen Lappen ausgehändigt, auf Klasse drei und eins erweitert. Das war der Beginn einer neuen, aufregenden Ära. In Donaueschingen, bei der Fa. Hohner, hatte ich auf einem Mercedes die acht Fahrstunden und die Prüfung absolviert ....

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