Herzschrittmacher

Wie komme ich zu einem Herzschrittmacher?

Ein heisser Sommer 2003, anhaltend trocken, konnte mir dieses Mal nichts anhaben. Nie hielt ich mich wie in früheren Jahren im kühlen Untergeschoss unseres Hauses auf, nie brauchte ich den scheinbar kühlenden Luftstrom des Ventilators. Keine Luftnot, keinerlei Beschwerden und den „Bullen von Tölz“ brauchte ich bei meinen ausgedehnten Spaziergängen nie auf meinen Schultern tragen.

Seit 11 Jahren wohl wissend schwer herzkrank wagte ich mich trotz grosser Hitze 3 Tage nach Den Haag und Amsterdam. Ohne auf nähere Einzelheiten eingehen zu wollen, traf ich im Beisein meiner  Frau den Mann, dem ich schon seit geraumer Zeit unbedingt begegnen wollte. Dr. Matthias Rath, ein Kämpfer für Gesundheit, Frieden und Gerechtigkeit für alle Menschen.

Mein krankes Herz schlug schneller, als ich zusammen mit anderen Schwerkranken im Haager Kongresszentrum auf der Bühne mein Referat hielt. Am nächsten Tag reichten unter Federführung von Dr. Rath alle Kongressteilnehmer eine Anklage gegen Bush und Rumsfield beim internationalen Gerichtshof ein. Sie hatten den Irak-Krieg mit fadenscheinigen Argumenten angezettelt.

Insider wissen, dass ich mich seit früher Jugend, so etwa um 1959, zum ersten Mal mit Biorhythmik befasste. Im Laufe der Jahre wandte ich mal etwas mehr, mal etwas weniger Freizeit dafür auf. Viele Bücher über Biorhythmus kursierten, ich begab mich auf die eigene Suche. Jedenfalls wollte ich diesen Herbst einen Schlussstrich hinter meine Studien setzen, die Ergebnisse zusammenfassen und zumindest die 20 DIN A4 Ordner endgültig auf die Bühne verstauen. Die meisten Abhandlungen waren sowieso im Computer gespeichert.

40 Jahre Fussball-Bundesliga, Geburtsdaten von Spielern, Trainern, Managern und Schiedsrichtern waren nötig, um alle Spiele und über 37.000 Tore nach biorhythmischen Gesichtspunkten auszuwerten. Dann nahm ich etwa in der gleichen Zeit über 10.000 Todesfälle nach diversen Kriterien unter die biorhythmische Lupe. Das gab wiederum jede Menge Ordner, die mir den Platz im Büro wegnahmen, also gleich mit auf die Bühne.

Was hat das alles mit einem Herzschrittmacher zu tun? Ich bitte noch um etwas Geduld. Es ergab sich bei dieser Tätigkeit des Beiseiteschaffens dieser alten Ordner, dass ich mir nicht verkneifen konnte, kurze Blicke hineinzuwerfen, was mich aber zu belasten begann und ich es möglichst schnell hinter mich bringen wollte. Da gab es noch einen 30 Jahre alten Baum im Garten zu fällen. Er stand ja viel zu nahe am Haus und seine Äste kratzten bei Wind lauthals am Dach und am Putz. Weil meine Frau im Laufe der Jahre mich immer mehr vom Computer und vom Internet verdrängt hatte, legte ich mir ein Laptop zu und war eifrig dabei, mir wichtig erscheinende Programme und Dateien auf den moderneren und schnelleren neuen Rechner zu übernehmen. An Zeit dazu hätte es nicht gemangelt, aber es musste alles gleich und schnell sein, so wie es immer war.

Ich habe in dieser Zeit einfach nicht daran gedacht, dass ich eigentlich schwer herzkrank bin und mich dementsprechend verhalten sollte. Es war immer so, dass ich es erst merkte, wenn ich nachts nicht zur Ruhe kam.

Dann noch Mitte September der Kegelausflug an den Bodensee. Mit Fahrrädern waren wir unterwegs, dieser schöne Ausflug artete für mich in Stress aus, zwar nicht körperlich, es war ja alles eben, dafür nervten mich die andauernde Konzentration auf den Mit- und Gegenverkehr von nicht abreissen wollenden Fahradkolonnen, den Bodensee bekam ich während der Tour nie zu sehen. In Meersburg war Stadtfest. Da mieteten wir uns für eine Nacht ein. Mehrere Musikkapellen spielten, zu meiner Freude auch Alois und Franz aus Bräunlingen. Mit 15 verschiedenen Instrumenten brachten sie eine Superstimmung in die eine Gasse. Dort tummelte sich ein grosser Teil der Stadtfestbesucher. Hart am Limit bewegte ich mich tanzend in der Menge, als ob dies der letzte Kegelausflug sein sollte.

Es ergab sich, dass ich mich nach über 11 Jahren entschloss, einen anderen Kardiologen aufzusuchen, obwohl ich die teils verschiedenen und doch gleichen Strickmuster der Behandlung von Herzinsuffizienz aus verschiedenen Versuchen in mehreren Kliniken kannte. Dabei verweise ich auf frühere Kapitel, die ich später schreiben werde. Dort plaudere ich vielleicht über Einzelheiten meiner immensen Krankenakte, über Medikamente, deren unausbleiblichen Nebenwirkungen zum Wohle der Pharmakonzerne,  und über andere unwirksame Versuche,  meine stark vergrösserte linke Herzkammer zu stärken.

Natürlich war mein gesundheitlicher Zustand sehr schlecht im September und so ein EKG wie das meine war nicht alltäglich. Es konnte selbst erfahrene Spezialisten begeistern. In all den Jahren bemerkte ich bei allen Herzspezialisten einen markant seltsamen Blick, einmal bei den Untersuchungen, zum anderen, wenn sie mir zu erklären versuchten, dass ich ohne Transplantation keine Chance hätte. Ich war mir bewusst, manchmal mehr, manchmal weniger, dass ich seit fast 12 Jahren ein Leben auf dem Hochseil, am Abgrund, bzw. am Limit führte.

Am 25.09.2003 ging ich trotz Husten zum Kegeln, meiner geliebten Abwechslung. Dabei hätte ich wissen müssen, dass mein Herz durch die Erkältung besonders gefordert war. Ich trug an diesem Abend ein Langzeitblutdruckmessgerät mit mir herum. Was es anzeigte, habe ich nie gefragt. Die  3 Tage danach ging es mir sehr schlecht, Richtung Ende der Skala tendierend.

Gerade merke ich, dass ich wieder vom Thema „Herzschrittmacher“ abkomme.

Statt mich am 03. Okt. in München mit Dr. Rath zu treffen, statt mich Ludwig, unserem Besuch aus Lima zu widmen, wurde ich montags früh von meiner Frau in die Notaufnahme der Villinger Klinik gebracht, eingewiesen durch meinen „neuen“ Kardiologen. Und von da an sollten die Dinge ihren Lauf nehmen.

Mehrere Tage Husten mit entsprechenden Schlafproblemen hatten mich sehr geschwächt, da ich mich zusätzlich zu meiner Herzschwäche stark erkältet hatte. Mein Ruhepuls ging Richtung 120/min. Ich fühlte jedoch, dass diesesmal meine Luftnot mehr von der Lunge als vom Herzen kam.

Ich wollte nicht ins Krankenhaus, ich hatte Angst vor der Maschinerie, in die ich erneut hineingeraten würde.

Mit meinem EKG hatte ich im Laufe der Jahre nicht nur Arzthelferinnen erschreckt. Nach der Eingangsuntersuchung und den klinikinternen Kampf um ein Bett landete ich auf der Station für Herzpatienten. Ab hier gäbe es viele Einzelheiten anzumerken, welche aber momentan nur wenig mit der Überschrift dieses Kapitels zu tun haben.

Sehr wichtig für den ganzen Verlauf war die Tatsache, dass mich Nachtschwester Silvia frierend im Bett fand, hohes Fieber entdeckte und mich noch in derselben Nacht per Rollstuhl zum Röntgen und zurück fuhr. Beginnende Lungenentzündung meldete mir der diensthabende Arzt noch in der Nacht.

Also gesellte sich Antibiotika zu Digitalis, Betablocker, ACE-Hemmer und Diuretika. Als Gegenpol verstärkte ich Vitamine, Mineralien und Spurenelemente aus Dr. Rath’s Zellularformulas.

Es folgten mehrere Untersuchungen, die Ergebnisse waren alles andere als erfreulich. Nur 10 % Auswurfleistung der linken Herzkammer wurde bestätigt.

In wenigen Tagen erholte ich mich sehr gut und dachte an Entlassung.  Doch ein

Ärzteteam sah die Sache anders, und ich muss im Nachhinein zugeben, sie hatten Recht. Doch der Gedanke, auf die Warteliste für eine Herztransplantation zu kommen, erinnerte mich an 1998, als mir in der Filderklinik genauso dazu geraten wurde.

Damals wurde mir ausführlich und klar alles erklärt mit sämtlichen Prozeduren, „Risiken- und Nebenwirkungen“ und ich lehnte ab.

„Mein Herz ist mir ans Herz gewachsen, ich möchte kein anderes“, dieser Spruch ist mir irgendwie herausgerutscht, bekundete aber genau meine Empfindung. Auf meinen Satz : „Ich weiss, dass ich mit dem Rücken zur Wand stehe“, entgegnete mir ein Arzt, ich solle aufpassen, diese Wand sei nur eine Tapete mit aufgemalten Mauersteinen, daran dürfe ich mich nicht anlehnen.

Er hatte recht und ich wollte nichts als abhauen, aber wohin und was dann?

Jeden Morgen ab 6.30 Uhr Blutdruck, Gewicht und Temperatur kontrollieren. Alle Werte fallen, besonders Blutdruck und Gewicht. In wenigen Tagen wiege ich nur noch 63 kg, obwohl ich das Diuretikum eigenmächtig um die Hälfte reduzierte. Auf die Frage an die Schwester, wieviel ich eigentlich noch abnehmen solle, bekam ich zur Antwort: “Sie brauchen überhaupt nicht abnehmen“. Ich entgegnete ihr, dass ich das hätte früher wissen müssen. Dann hätte ich den Bademantel angezogen und wäre ins Rieggerstüble gelaufen, um einen Wurstsalat mit Käse zu essen.

In einer Illustrierten die in der Aufenthaltsecke lag, fand ich ein Zitat, das mich nachdenklich machte. Von wem wohl, von Voltaire, dem französischen Philosophen vor fast 300 Jahren. „Ärzte geben Medikamente, über die sie wenig wissen, in Menschenleiber, über die sie noch weniger wissen, zur Behandlung von Krankheiten, über die sie überhaupt nichts wissen“. Das trifft ja heute nicht mehr zu. Voltaire hat wohl etwas übertrieben, das hat auch die restliche Menschheit wohl ein bischen so an sich.

Wie reagierte ich auf die Pharmapillen, die mir täglich gebracht wurden? Ich nahm sie, keine Frage und verdoppelte gleichzeitig meine Zellularformula’s.

Wer überhaupt noch einen Blutdruck hat, macht sich heutzutage schon verdächtig, natürlich wird auch geprüft, ob der „Zucker“ noch zuckt. Er zuckte nicht mehr, der Selbsterhaltungstrieb unterdrückte den nachgeordneten zweit- stärksten Trieb.

Nun kam die Sprache der Kardiologen auf einen Herzschrittmacher, wenn ich schon nichts von einer Warteliste für eine Transplantation wissen wolle.

Auch dieser Gedanke brachte mir Unbehagen, wieder wollte ich abhauen, wusste aber nicht wohin.

Schrittmacher, in meinen Ohren ein scheussliches Wort, es klang so – wir werden dir Beine machen – Fremdsteuerung – Schuh in den Arsch für jeden Pulsschlag, auch nachts, statt schönen Träumen und erholsamem Schlaf, Fremdkörper in der Brust, elektronische Krücke usw.

Teresita, meine Frau seit fast 36 Jahren, sagte, sie nimmt mich nicht mit nach Hause, es stimmte ja auch, was soll ich da, vegetieren bis zum endgültigen „Aus“. Albert, ein Kegelbruder, besuchte mich gerade, er gab mir sinngemäss zu verstehen: „Greif nach dieser Chance“.

Ich entschloss mich dann, mit Herrn Dr. J. Kohler darüber zu reden, bisher kannte ich ihn nicht. Er kam ins Zimmer an mein Bett, ich hatte bereits den Fragebogen mit der Einverständniserklärung aufmerksam durchgelesen.

Ich hatte mich schon jahrelang intensiv mit „Herzensangelegenheiten“, sei es im Internet über das Herzzentrum in Berlin, in Köln, Hamburg oder Bologna kundig gemacht. Die NYHA-Studie mit ihren 4 Stufen habe ich ins “Deutsche“ übersetzt.

Herr Dr. Kohler erklärte mir in ruhigem, sachlichem Ton und ohne jede Hektik unser gemeinsames Vorhaben anhand von Bildern und Skizzen. Ich konnte seinen Ausführungen bestens folgen. So ein kompletter Linksschenkelblock, mit dem ich schon ein ganzes Jahrzehnt lebte, ist immer ein Ausdruck einer sehr ausgedehnten Myocardschädigung. Ich erinnerte mich an 1993, also vor 10 Jahren, als ich mit hochgradig flüssigkeitsbeladener Lunge im Villinger Krankenhaus unter der damaligen Leitung von Prof. Dr. Lang lag, wie er bei der Visite seine Kollegen aufforderte, ihm nach der Visite einzeln zu berichten, was sie beim Abhören meiner Herztöne bemerkten und wieviele Pferde bei mir „traben“. Mit einem Filzstift aus seinem Ärztekittel zeichnete er mir ein Kreuz auf meine linke Seite unter der Achselhöhle an die Rippen.

Die neuen, heute modernen PM ( Pacemaker) Herzschrittmacher werden ICD genannt. Implantierbarer Cardioverter Defibrillator. So ein Ding würde ich bekommen. Diese überwachende Elektronik hält sich stetig möglichst diskret im Hintergrund bereit und greift nur bei Bedarf ein, zum Beispiel wenn der Puls zu schnell wird bzw. sich Vorhof- oder Kammerflimmern breitmachen will, bzw. nach der anderen Seite der Puls zu langsam oder unregelmässig wird oder ein Herzstillstand droht.

Ich wusste von anderen Untersuchungen, dass dadurch, dass die linke Herzkammer nicht mehr „elektrisch“ angeregt wird, sie mit ihrem Schlag nicht mehr synchron mit der fast vollkommen intakten rechten Herzkammer liegt. Dies äusserte sich in einem dritten Herzton, der mir in den Anfangsjahren meiner Krankheit sehr zu schaffen machte, vor allem nachts, wenn alles ruhig war und ich schlafen sollte und wollte, aber nicht konnte. Ich half mir damit, nicht mehr in Seitenlage zu schlafen, sondern auf dem Rücken, dann wurden eben die übelsten Alpträume meine nächtlichen Begleiter.

So war die linke Herzkammer zu Schwerstarbeit verdammt und weitete sich enorm aus. Die Herzklappen wuchsen natürlich nicht mit und wurden undicht, ein grosser Teil des Blutes wurde zurückgedrängt.

Nun  werden wir versuchen, dass wir eine geeignete Stelle in oder an ihrem Herzen finden, um eine Elektrode so zu plazieren, damit wir die linke Kammer mit der rechten wieder elektrisch so zu verbinden, damit wir eine Synchronisation der beiden Kammern erreichen. Damit könnte die „ausgeleierte“ linke Kammer entlastet werden, sich wieder verkleinern und  sich erholen, was natürlich auch die Dichtigkeit der Herzklappen begünstigen würde.

Dr. Kohler wusste, von was er redet, und ich konnte seinen Ausführungen bestens folgen. Ich bin ein Augenmensch, für mich ist es sehr wichtig, meinem Gegenüber in die Augen zu sehen. Ich glaube, wir beide wussten um das Risiko, das wir beide eingehen, aber auch um die Chance, das zu bewirken, was mit Herzmedikamenten nicht zu vollziehen ist.

Wenn ich behaupten würde, ich hätte keine Angst vor dem Sterben oder vor dem Tod, dann wäre ich der grösste Lügner. Ich war mir absolut sicher, dass Dr. Kohler und sein Team alles geben werden und unterschrieb. Als blindes Vertrauen würde ich mein Verhalten im Nachhinein nicht bezeichnen, eher als Vertrauen mit Augenmass. Und als von einer Vollnarkose die Rede war, empfand ich als Ausgleich zur Angst eine gewisse Beruhigung.

So wurde dann der OP-Termin auf Montag, den 13. Oktober ab 7.00 Uhr festgelegt. In der Zeit bis zur OP lebte ich in einer seltsam zu beschreibenden Zone der Hoffnung und der Angst. Wie würde mein Leben nach der Operation aussehen, wird es mir besser oder schlechter gehen, würde es Komplikationen geben, ist mein Herz wirklich so schlecht, wie es die Apparate zeichnen?

Der OP-Termin rückte an, nur noch das Wochenende, da kam Dr. Kohler zu mir und erklärt mir, dass eine Vollnarkose bei meinem schwachen Herzen zu riskant sei. „Wir werden mit örtlicher Betäubung ans Werk gehen müssen“. Das war auch für mich eine neue Sicht der Dinge, was sollte ich machen, alles in Gottes Hand, aber zunächst mal in der Hand der Chirurgen.

Wieder erwarten schlief ich die Nacht vor der OP gut und hatte einen markanten Traum: Im Keller stand eine Waschmaschine knietief unter Wasser. Ich wollte eine Pumpe anschliessen, die Schlauchkupplungen passten jedoch nicht zusammen und das Wasser stieg stetig, bis über meine Knie, dann bin ich aufgewacht.

Montag früh um 7 Uhr, Schwester Erika rasierte mich gründlich, Flügelhemd an und in Begleitung von 2 hübschen Schwestern ging es ab durch den Gang. Nun lag ich mal im Bett, als andere Patienten mich mit mitleidigen Blicken vorbeifahren sahen. Es ging in den Aufzug und hinunter und auf den schmalen OP-Tisch. In aller Gründlichkeit wurde ich vorbereitet, verschlaucht und verkabelt wie es sich gehörte, Blick auf die Uhr, so gegen 7.30 Uhr, sterile Beutel mit chirurgischen Instrumenten wurden geöffnet, kontrolliert und hergerichtet. Die Chirurgen halfen sich gegenseitig beim Anziehen.

Ich bekam mit, dass irgendein Teil, eine Schleuse, ein Blindstopfen oder so etwas Ähnliches beim Herzschrittmacher fehlte. Ich hörte im Hintergrund, dass das Risiko zu gross sei, mit der OP anzufangen.

Ich wurde wieder in den Ur-Zustand, wie ich den Tisch bestieg, gebracht und verliess auf eigenen Barfüssen den OP und stieg in mein Bett, das draussen im Gang auf mich wartete. Zwei Schwestern holten mich wieder ab, ich hatte noch 24 Stunden Aufschub bis zum nächsten Morgen.

Ich war nun nahe daran, kalte Füsse zu kriegen, wie man so schön zu sagen pflegt, wenn einer die Hose gestrichen voll hat. Aber mein Lebensspruch lautete wie schon so oft: “Wer weiss, für was das gut ist“.

Irgend etwas musste ich, was Träume und Unterbewusstsein anbelangt, mit meiner verstorbenen Mutter gemeinsam haben. Träume mit schmutzigem Wasser deuteten bei ihr wie auch bei mir auf Schwierigkeiten hin. Doch der Traum in der Nacht vor der „richtigen“ Operation hatte einen anderen Charakter. Auf einer sonnigen Waldlichtung stand einsam ein Hydrant, so wie ihn die Feuerwehr benützt um Schläuche anzuschliessen. Aus allen Öffnungen wuchsen rosafarbene Rosen.

Ich kenne die Bedeutung und die Macht von Träumen, im Internet hatte ich 1998 einen pensionierten Parapsychologen aus der Schweiz kennengelernt, der mir in dankenswerter Weise auf die Sprünge geholfen hat. Dieses Thema werde ich später abhandeln, jedoch in einem früheren Kapitel.

Also nochmals dieselbe Prozedere. Wiederum wurde ich für die kommende Operation „aufgebrezelt“. Der Monitor zeigte noch nicht exakt mein EKG, sämtliche Kontakte wurden nochmals überprüft. Alles o.k. Dabei fiel das Wort „Monster-EKG“. Das konnte ja nur meines sein.

Wieder helfen sich die Chirurgen beim Ankleiden, natürlich waren noch mehrere vom OP-Team vor Ort, ich denke, auch ein kompetenter Mitarbeiter aus der Schrittmacherherstellung. Ein grünes Tuch vor meinem Gesicht, zur Seite umgeschlagen, nahm mir den letzten Blick zu Uhr und zur Schwesternschülerin Jana, die der OP aus sicherer Entfernung zusehen durfte. So um ca. 7.35 Uhr sah ich den Monitor und die Uhr nicht mehr, im Nachhinein sage ich, gut so.

Eine sterile Abdeckung mit Öffnung für das Operationsfeld wurde mir übergestülpt, zur Desinfektion musste ich den Kopf zur Seite drehen.

„Gott sei dank bin ich nicht beim Zahnarzt, wo ich schon in halbschräger Lage Probleme mit dem Speichel bekomme“. Mich fröstelte es leicht, doch das sollte sich bald ändern.

Die örtliche Betäubung fühlte sich an, als würde ein Balkennagel 5  x 100 mm in meine Brust gedrückt, es stimmte natürlich nicht, es war eine subjektive Empfindung. Es würden noch mehrere folgen. 

Kontrastmittel sind für eine OP mittels Anzeige auf dem Monitor erforderlich, damit die Chirurgen sehen, wo sie gerade was machen. Schmerzen fühlte ich keine, aber nun begann das Rumoren mit Führungskathetern und den zugehörigen Innereien durch die Venen beim linken Schlüsselbein ins Herz.

Immer mehr Instrumente und Gerätschaften fanden ein Plätzchen auf meiner Brust, ich betone immer, wie es sich von mir aus anfühlte, in Wirklichkeit kann es ganz anders ausgesehen haben.

Ich hatte mir vorgenommen, in Gedanken irgendwo anders zu sein, einfach abzuschalten. Wenn ich dann schon mal live dabei sein durfte, konnte oder musste, war ich entsprechend gespannt. Meine Aussicht war sehr begrenzt, Gehör und Gefühl waren gefragt. Dr. Kohler zeigte mir kurz den Schrittmacher.

Es sah gut aus, dieses stromlinienförmige Gerät.

Viele Handgriffe waren nötig und unerlässlich beim einführen der verschiedenen Katheter, der Sonden und Elektroden. Geeignete Stellen in den Herzkammern, gut elektrisch anregbar, mussten gefunden und getestet werden. Dazu wurden Ströme mit unterschiedlichen Stärken angelegt, der Puls wurde beschleunigt bis zum oberen Grenzwert, dann wieder verlangsamt bis zum Stillstand.

Nur so konnten die einwandfreien Funktionen des ICD getestet und die Grenzwerte eingestellt werden. Manchmal hatte ich das Gefühl, einen Fussball im Brustraum zu haben, der mit aller Macht herausspringen wollte. Schmerzen hatte ich dabei nicht, aber ein unbeschreiblich komisches Gefühl.

Immer wieder fragte mich Dr. Kohler, wie es mir geht, bzw. ob ich es aushalten könne. Ich konnte öfters Füsse, Hände und Kopf  bewegen, alles funktionierte. Das unaufhaltsame „Gefummel“ war etwas unangenehm, ich merkte schon, wenn es irgendwo „hakte“ oder „klemmte“, aber es gehörte halt dazu und schien nie zu enden. Das anfängliche Frösteln war bald verflogen und wich einem anderen Gefühl. Mit der Zeit kam ich mir vor wie ein Stück Fleisch in der Pfanne, das im eigenen Saft zu schmoren beginnt. Da kam mir der Gedanke an einen Erfrierenden, wie sehr dieser sich nach so einer Wärme sehnen würde, und gleich war alles viel erträglicher.

Ich weiss nicht, nach wieviel Zeit der ICD angeschlossen war, ich nehme an, so nach 2,5 bis 3 Stunden. Irgendwo lag er bestimmt schon voll funktionsfähig daneben. Der erste Teil war erledigt.

Nun begannen die Chirurgen mit der weit komplizierteren Prozedur, die stark geschwächte und entsprechend vergrösserte linke Herzkammer elektrisch mit den Impulsen der rechten Kammer wieder zu verbinden und so zu synchronisieren.

Voraussetzung dafür war, eine geeignete, elektrisch leicht erregbare Stelle zur Befestigung des Sensors zu finden. Ein wirklich schwieriges Unterfangen, wenn  man bedenkt, dass sehr viel Herzmuskelgewebe schon vor fast 12 Jahren unwiederbringlich abgestorben war.

Viele Stellen wurden getestet, mit verschiedenen Stromstärken experimentiert. Höchstmotiviert und höchstkonzentriert waren die Spezialisten an der Arbeit.

Einmal wurde plötzlich alles ganz still, zuerst glaubte ich, mein Gehör hat sich verabschiedet, es war aber nicht so, ich hörte die Geräte „krächzen“, nur niemand sprach mehr. Doch am gespannten oder entspannten Atmen der Akteure glaubte ich die Lage zu erkennen. 

Ich versuchte, mich in Gedanken auf andere Dinge zu konzentrieren. „Entspanne dich“, sagte ich zu mir, „verkrampfe dich nicht“, ein entspannter Patient ist sicher auch besser zu behandeln. Aber diese Gedanken in die Tat umzusetzen, das war nicht einfach. Zeitweise sah ich mich neben mir und fühlte mich als teilnahmsloser Zuschauer, wäre ich nicht immer wieder von der Wirklichkeit eingeholt worden. Ich bemerkte, dass es aussichtslos war, eine optimale Stelle zur Anbringung eines Sensors zu finden. Wieviel Zeit bisher vergangen war, konnte ich nicht ermessen. Das spielte für mich auch keine Rolle. Ich dachte an Soldaten im Krieg, unter welchen Umständen sie zum Überleben oder zum Sterben verdammt waren. Ich hatte ja 2 Patienten in meinem Zimmer, die mir den 2. Weltkrieg aus ihrer Sicht schilderten, der eine als U-Bootfahrer, der andere auf einem Donaufrachtschiff, beladen mit Minen.

Und gar nicht auszudenken, welche grausamen Experimente KZ-Arzt Mengele mit seinen wehrlosen, unschuldigen Opfern machte.

„Da wirst doch du das alles aushalten. Du bist in bester Obhut, die Herren um dich wollen nur dein bestes, reiss dich gefälligst zusammen“. Mein Zeitgefühl war weg. Viele Handgriffe und Prozeduren wiederholten sich. Kontrastmittel, Führungskatheter, Referenzbilder. Gerne hätte ich schon mal die verschiedenen Geräte und Instrumente gesehen, welche mittlerweile zum Einsatz kamen.

Das Kommando für den Rückzug, der Sensor musste wieder heraus, so jedenfalls war meine Wahrnehmung. Mir erschien es, als hätte er keine Verbindung mehr zu den Drähten des Katheters und müsste mühsam geortet werden um ihn dann zu fassen bzw. einzufangen.

Zwischendurch war wieder mal eine örtliche Nachbetäubung fällig, da ich spürte, dass Schmerzen kamen. Ich hörte von verschiedenen Drahtstärken und Drahthärten, die irgendwo aus einem Magazin hergeholt und ausgepackt wurden. Es hörte sich an wie das öffnen von Klettverschlüssen.

Wieder Kontrastmittel, dann ein wechselseitiges Drücken auf den Bauch, die Brust oder die Leisten, vielleicht sollte sich das Kontrastmittel nicht so schnell in andere Regionen des Körpers verteilen, es soll ja möglichst da bleiben, wo es gebraucht wird, zur Sichtbarmachung des Arbeitsfeldes.

Ich hatte immer wieder das Gefühl, dass das Andocken des Drahtes an den Sensor sehr schwierig war und mehrmals misslang. Es fühlte sich an, als wenn ich eine in einen Syphon der Badewanne gefallenen Perle mit einer Zange suchen und zu fassen bekommen wollte, aber immer wieder abrutsche und von neuem beginnen  muss.

Ich hatte mal versucht auf meine Art zu beten, das ging in etwa so: „Lieber Gott, Schöpfer oder wer du auch immer bist, hilf diesen beiden Herren, die mehr als alles geben, damit sich ihr Kampf lohnt. An mich dachte ich dabei nicht. Ich merkte wieder, wie schwierig es für sie sein muss, mit äusserster Konzentration und vollster Anspannung es immer wieder neu zu versuchen.

Das sind „Mannen“, würde mein Kegelbruder Albert sagen.

Ich versuchte, mich an unseren Spanienurlaub 1983 zu erinnern, wie ich von einer ablandigen Strömung ins Meer gezogen wurde, wie ich verzweifelt mit letzter Kraft zum Strand schwimmen wollte, aber es ging nicht, wie meine Kräfte nachliessen, ich mehrfach Salzwasser schluckte und weit und breit kein Mensch mehr zu sehen war. In meiner Verzweiflung sah ich meine Familie schon alleine mit Hund und Wohnwagen auf der Heimreise, ohne mich.

Jetzt musst du ganz ruhig werden, du hast keine Kraft mehr. Ich war nie ein guter Schwimmer und hatte mich in Panik total verausgabt. So gelang es mir dann, wirklich ruhig zu werden und mich ohne grosse Kraftanstrengung über Wasser zu halten. Dabei wurde ich abgetrieben, kam aber glücklicherweise wie von selbst so ca. einen halben Kilometer weiter an einer kleinen Bucht an den Strand zurück. Da lag ich dann zunächst einmal und wusste nicht, ob ich träume, schon tot bin oder noch lebe.

Ich lief am Strand zurück und traf meinen damals 12 jährigen Sohn, wie er 50 Meter von meiner Frau, meiner Tochter und meiner Schwägerin entfernt, in aller Ruhe eine grosse Sandburg baute. Ich habe nichts gesagt, weder zu ihm, noch zu den anderen, hatte ich mich doch seinetwegen hinter die Wellen gewagt, um ihn dort zu suchen, weil meine Frau ihn dort vermutete. Unser Sohn war damals schon ein sehr guter Schwimmer und hatte mir tags zuvor im Schwimmbecken das „tauchen“ beigebracht, auch das hatte mir geholfen, in höchster Not Luft zu holen, auf den Meeresboden zu kommen und festzustellen, dass ich von selbst wieder aufsteige und das Meer an dieser Stelle gar nicht so tief war.

Vielleicht musste alles so sein, dieser Spruch hat mir schon oft geholfen, ich war in meinem Leben öfters in Lebensgefahr. Auch damals in der Filderklinik 1998, wo ich morgens um 5 Uhr auf dem WC sass und mein Ruhepuls Richtung 180 stieg und ich mir überlegte, drückst du jetzt den gut erreichbaren roten Knopf oder nicht. Auch damals kam mir der Gedanke an Spanien und das „ruhigwerden“. Ich drückte den Knopf nicht, wurde ruhig und ich bekam meinen Puls nach und nach unter 100.

Über solche Gedanken vergass oder verdrängte ich, dass die beiden Herren mich unter Höchstbelastung behandelten. Ich muss sagen, ich fühlte mich zeitweise neben mir, wurde aber immer wieder jäh in die Wirklichkeit zurückgeführt, wenn beide die Seiten wechselten, dabei etwas umfiel oder das Wort „Bandscheibe“ fiel, mit dem ich zunächst nichts anfangen konnte.

Was hat mein Herz mit Bandscheibe zu tun?

Wohin ich sehe, die ganze Welt, alles „Bandscheibe“. Vielleicht melden sich bei den  Herren ihre Bandscheiben durch die zusätzlichen körperlichen Anstrengungen. Es gab für sie weder Vesperpause noch Mittagessen. Tage nach der Operation ging mir immer wieder alles durch den Kopf und ich kam zu dem Schluss, dass es eine Reaktion gewesen sein muss, sich im äussersten Stress abzureagieren, ein anderer würde eher fluchen, aber der auf dem Tisch hört ja mit. Er soll ja mal husten, ohne sich zu bewegen, soll die Füsse, Hände und Kopf und Augen bewegen, er wird was gefragt und soll antworten. Funktioniert alles noch?

Manchmal dachte ich, was habe ich doch für ein starkes Herz, wie lange hält es diese Prozeduren noch aus? Wann schwinden die Sinne? Woher komme ich, wohin gehe ich, die Frage aller Menschen.

Kann ein Mensch sterben, wenn die Zeit noch nicht gekommen ist, oder kann er dem Sterben ausweichen, wenn die Zeit gekommen ist? Alles Fragen, die dir keiner beantworten kann. Was ist der Sinn des Lebens, wird er von mir neu definiert werden, wenn ich überlebe?

Möchte ich ein anderer sein? Nein, ich möchte mit keinem anderen Menschen tauschen, ich lebe mit mir, meinem Körper, meinem Herzen, dies ist mir trotz oder gerade wegen allen Schwierigkeiten „ans Herz gewachsen“. Meinen Körper  kenne ich mittlerweile sehr gut mit allen Schwächen, aber auch mit seinen Stärken. Mit dem Seelenleben habe ich immer wieder meine Schwierigkeiten, die begangenen „Sünden“ büsse ich gerade ab, wie ist es mit den nichtbegangenen, bleiben sie mir erhalten?

Wenn man sein Auto in die Werkstatt bringt, und es klappt nicht gleich mit einer schwierigen Reparatur, können die Mechaniker abbrechen, am nächsten Tag weitermachen. Hier im OP geht das nicht. Das Begonnene kann nicht abgebrochen werden. Also durchhalten hiess es für alle Beteiligten.

Bei mir schaukelten sich die Angst und der Selbsterhaltungstrieb gegenseitig auf. Die vertikalen Stirnfalten von  Dr. Kohler waren sehr tief, sein Gesicht, soweit ich sehen konnte unter Haube und Mundschutz, war total nassgeschwitzt.

Neue Versuche mit anderen Gerätschaften brachten endlich den Erfolg, ich merkte es nicht zuletzt am erleichterten Aufatmen der Akteure.

Nun wurde der Herzschrittmacher unterhalb des linken Schlüsselbeinknochens in eine geeignete Stelle eingebracht, teilweise mit enormem Kraftaufwand. Mir tat es ja nicht weh. Die Drähte wurden fixiert und angeschlossen, alles ging in kurzer Zeit über die Bühne. Dann Zunähen und fertig.

Als mir das Tuch vor und seitlich vom Kopf entfernt wurde, sah ich die Uhr  ziemlich genau auf 15.00 Uhr stehen. Ich lebe, dachte ich. Stimmt das überhaupt. Vielleicht bin ich gestorben, alle um mich herum wissen es schon längst, nur ich nicht. Doch die beiden Schwestern, die mich unten im Gang mit meinem Bett abholen, sind doch echt, oder?

Dr. Kohler kam noch auf den Gang, gab mir die Hand, sagte, dass ich gut mitgeholfen hätte.  Ich hoffe, dass ich mich ordentlich bei ihm bedankt habe.

Erleichtert fühlte ich mich, als ich auf mein Zimmer kam. Wie würde es weitergehen?  Mit Essen und Trinken kamen die Lebensgeister wieder.

Die Farbe meines ersten Urins in der Flasche befremdete mich zunächst, sah aus wie Coca Cola,  ich reimte mir aber zusammen, dass es wohl vom vielen Kontrastmittel herrührt und trank dann mehr als sonst, um die  Nieren zu spülen. Ich bekam Schmerzmittel, mich zu räuspern, zu husten oder mich zu bewegen tat weh.

In der folgenden Nacht musste ich Halluzinationen gehabt haben. Hübsche, gross gewachsene Frauen in blauweiss schimmernden, durchsichtigen Negligés kamen in Zweierreihen eine Treppe herunter wie im Fernsehstudio, auf mich zu, und immer wenn ich meine Hände nach ihnen ausstreckte, teilten sie sich und gingen rechts und links an mir vorbei. Da kamen mir wieder Zweifel, ob ich wirklich lebte, oder schon tot war.

Am anderen Morgen half mir Schwester Jana beim Waschen. Meine linke Seite schmerzte und war ziemlich unbeweglich. Meine Frau kam und bestätigte mir, dass ich lebe. Ich kam schnell zu Kräften, versuchte dann gleich, meinen Bademantel ohne fremde Hilfe anzuziehen, es gelang mit jeder Übung besser.

Alsbald konnte man mir wieder auf den Gängen, im Foyer, auf den Treppen oder in der Kapelle begegnen.

Dr. Kohler besuchte mich, sprach mit mir über die Operation und darüber, dass ich wohl mitbekommen habe, dass der Versuch, die linke Herzkammer elektrisch mit der rechten zu verbinden, leider nicht von Erfolg gekrönt wurde.

Ich wusste es. In einer weiteren Operation, diesesmal unter Vollnarkose, gäbe es noch die Möglichkeit, links die Rippen zu spreizen, an der Aussenwand der linken Herzkammer an geeigneter Stelle einen Sensor aufzunähen und über den Schrittmacher mit der rechten Herzkammer bzw. dem Sinusknoten zu verbinden.

Ich stimmte zu, es gleich zu machen, solange ich noch hier bin. Das Vertrauen in die Person Dr. Kohler und in seine ärztliche Kunst war einfach uneingeschränkt da bei mir. Zudem sollte ein Thoraxchirurg, der viel Erfahrung hat, durch meine Rippen das Operationsfeld freilegen und Dr. Kohler dann die weitere Prozedur fortsetzen. Auf einen Termin im nächsten Jahr wollte ich nicht warten, denn immer mit dem Gefühl leben, wie der Tag X immer näher rückt, wollte ich mir nicht zumuten, denn ich bin ein Angsthase und seelische Beklemmungen waren für mich in all den Jahren meiner Krankheit weit schwerwiegender als körperliche Anstrengungen.

Und so kam es, dass die 2. OP innerhalb 6 Tagen folgte.

Frau Dr. P…. , eine Anästhesistin, besuchte mich am Sonntag zuvor auf meinem Zimmer, wir besprachen alles, ich unterschrieb die Patientenaufklärung. Ich wusste, was mich erwartet und fügte mich zuversichtlich in mein Abenteuer mit hoffentlich gutem Ausgang.

Am Montagmorgen war es dann soweit, wieder brachten mich die Schwester in den Operationssaal, diesmal allerdings nach oben, nicht in die Herzschrittmacherei. Welch böses Wort, klingt  wie Handwerksbetrieb, wo dort doch hochpräzise  Arbeit geleistet wird.

Ich wurde hergerichtet, ich erinnere mich noch an die wunderschönen Augen von Frau Dr. P… , mehr konnte sie mir nicht preisgeben, und schon war ich „hinüber“. Und wieder waren es diese ausdrucksvollen Augen, die mich auf der Intensivstation erwarteten. Da wusste ich, ich bin wieder zurück.

Drainageschläuche und Blasenkatheter zierten mich, sonstige Zugänge am rechten Arm und diverse Elektroden waren mit dem Überwachungscomputer verbunden und kontrollierten die Funktionen meines Herzens.

Ich weiss nicht, wie lange die Operation gedauert hat, das ist auch für mich nicht von Bedeutung. Jedenfalls schien es geklappt zu haben mit der Elektrode auf der linken Herzkammer. Mein Herzschlag fühlte sich irgendwie anders an als früher, aber nicht unangenehm.

Ich lebte, die Schmerzen waren erträglich, mich zu räuspern oder husten empfahl sich noch nicht. Aufsitzen zum Frühstück tat gut, Kabel und Schläuche hinderten noch, doch das änderte sich. Ich wurde bald davon befreit. Das herausziehen von Blasenkatheter und Drainageschläuchen liess ein etwas seltsames, nie gekanntes Gefühl in mir hochkommen.

Was mich befremdete, war mein Herzschlag, den ich mehr im Bauch als in der Brust fühlte. Zunächst dachte ich, das muss wohl so sein. Ich war bereit alles in Kauf zu nehmen, wenn ich nur lebte.

Wieder auf dem Zimmer begann mein „neues Leben“. Ich fühlte mich abgemagert und entwickelte einen gesunden Appetit. Das war in meinem bisherigen Leben immer ein gutes Zeichen.

Essen, trinken, Sauerstoff, umgekehrt in der Gewichtung aufgezählt, bedeutet Energiezufuhr über den Stoffwechsel. Ohne Essen kann der Mensch 40 Tage, ohne Trinken 7 Tage, ohne Sauerstoff keine 5 Minuten auskommen.

Zunächst lag ich mal da auf dem Rücken und ruhte mich aus. Die Schmerzen auf der Brust und an den Rippen machten mir deutlich, dass da was gemacht wurde in Vollnarkose. Um mich im Bett aufzusetzen, bekam ich einen Haltebügel um den Galgen über mir. Jetzt war ich auch in der Lage, mich etwas zu drehen und meine Position selbst zu ändern. Es folgten viele kleine Schritte, ich wurde dann so frech und lehnte ein Schmerzmittel für die Nacht ab. Das ging aber nicht lange gut, ich schlich mich um 2.30 Uhr zur Nachtschwester und holte mir ein „Schnäpschen“, da war es aus mit dem „Held spielen“.

Beim Bettenmachen am Morgen entdecken die Schwestern eine herrenlose Unterhose bei mir im Bett. Ja wo kommt die denn wohl her?

Mir fiel nichts anderes ein als zu sagen: „Bis jetzt war ich der Meinung, ich wäre am Herzen operiert worden, da muss ich doch gleich mal nachsehen, ob noch alles da ist“. Dabei hob ich meine Decke. Ein Gelächter im Zimmer blieb nicht aus. Ich selbst freute mich wahrscheinlich am meisten, da mein trockener Humor, den man mir nachsagt, langsam zurückkam.

Oben herum Katzenwäsche, was solls, es ging so. Dann mal duschen, von der Gürtellinie abwärts, ich freute mich über das neue Lebensgefühl. Als ich draussen im Flur 150 Schritte in einer Richtung ging und dann wieder zurück, war ich schon sehr stolz. Danach ging es die Treppe hoch und runter.

Im Foyer war mehr los, ein dauerndes kommen und gehen von Patienten und Besuchern liessen die Zeit kurzweiliger erscheinen.

Am dritten oder vierten Tag sah ich, wie ich wieder so durch die Eingangshalle pilgerte, meine Gestalt im Fenster spiegeln. Bist du das wirklich? Einen vor Selbstmitleid strotzenden Jammerlappen sah ich, der wegen ein paar Schmerzen ein Gesicht zieht und gebückt daher läuft. Schluss damit, sagte ich, gehe aufrecht. Von da ab war ich sehr motiviert, mich nicht mehr gehen zu lassen.

Wenn ich nachts aufwachte, auf der Toilette war und nicht gleich einschlafen konnte, fing ich an, sitzend im Bett, gymnastische Übungen zu machen. Es ging schon erstaunlich gut und motivierte mich weiter.

An einem Nachmittag, ich hatte gerade Besuch von meiner Frau, kam Dr. Kohler ins Zimmer, seinen Computer unter dem Arm.

Er fragte mich nach meinem Befinden, ich sagte, es sei gut, nur der komische Herzschlag im Bauch, muss der sein?

Muss nicht sein, er legte das Diagnoseteil auf die Stelle meiner Brust, wo der Schrittmacher plaziert ist, tippte etwas in den Computer und das Gefühl des Herzschlages im Bauch war verflogen. Einfach super.

Vielleicht war die Stimulation durch den Schrittmacher zu gross, dass die Bauchschlagader oder das Zwerchfell zu stark mitschwang, ich weiss es nicht. Ich vergass, danach zu fragen.

Von Tag zu Tag fühlte ich mich besser, die Schmerzen liessen laufend nach, wie ein Löwe im Käfig begann ich, im Zimmer, auf den Fluren, auf den Treppen und im Foyer hin und her zulaufen oder meine Runden zu drehen.

Insgesamt bekam ich sehr viel Besuch von meiner Familie, von Verwandten, Freunden und Kegelbrüdern und der Wunsch, wieder nach Hause gehen zu dürfen, wurde von Tag zu Tag stärker.

In diesen Wochen hatte ich elf verschiedene Bettnachbarn. Alle hatten irgendwie Probleme mit ihrem Herzen. Verdacht auf Herzinfarkt, ein Herzkatheter war meist angebracht,  je nach Erforderlichkeit eine Ballondillatation oder die Einbringung eines Stents, vielleicht auch eine Ablation, um eine Verödung der eigenmächtig Reize auslösenden Herzmuskelzellen zu bewerkstelligen.

Mein direkter Bettnachbar Josef, musste eines Tages zu einer Untersuchung, nüchtern von morgens bis nachmittags, bis er endlich dran kam. Seine Frau besuchte ihn und war erstaunt über seine Beule an der Stirn.

„Ja weisst du“, sagte er zu ihr, „wenn man älter wird, geht vieles langsamer, doch es gibt auch Dinge, die gehen schneller, so wie mein Nach-Name. Wenn du das Gefühl hast, du könntest hinfallen, dann liegst du schon“. Über diesen Ausspruch musste ich herzhaft lachen.

Nachts traf ich einen Patienten, auf dem Flur. Er hatte Wahnsinnsschmerzen seiner Bandscheiben wegen. Er sollte operiert werden, aber sein Herz müsste zuerst untersucht und auf Vordermann gebracht werden. „Ich überlebe das Wochenende nicht“, meinte er, schmerzgekrümmt.

Deine Schonhaltung drückt dir die Eingeweide zusammen, der Raum für das Herz wird dadurch stark eingeengt, ich kannte das von mir, wenn ich früher Wasser oder viel Luft im Bauch hatte und sich das Herz dann mit schnellem Puls darauf einstellte. Ich sagte ihm, dass man nicht so schnell stirbt, wenn es nicht sein muss und ein bisschen Gottvertrauen könnte nicht schaden. Ich hatte ja gut reden, dachte ich, mir konnte geholfen werden. Am Tage meiner Entlassung kam dieser Mann aufrecht in mein Zimmer, ich musste ihn fragen, ob er es ist.

Er sollte mein Bett bekommen und am Herzen untersucht werden.

Für mich kam noch eine letzte Funktionskontrolle des ICD durch Dr. Kohler.  Schwesternschülerin Jana war dabei, als es runter ging in einen Untersuchungsraum der Intensivstation.

Dr. Kohler erklärte ihr alles, las die bisher gespeicherten Werte aus dem Chip des Schrittmachers in den Computer und bereitete mich vor für eine kurze Narkose. Ich nehme an, dass dabei nochmals die Grenzwerte überprüft und gegebenenfalls justiert wurden, ohne dass ich von den Stromstössen nochmals belästigt wurde.

Ich bekam einen Herzschrittmacher-Pass, in welchen alle Werte und Einstellungen von Hand eingetragen wurden.

„Wann darf ich heim“, eine Frage, die mich zunehmend beschäftigte. Ich sehnte mich nach der Vertrautheit meines Hauses, meines Badezimmers, meines eigenen Bettes. Ich wollte wieder neu beginnen, im Zusammenleben mit meiner Frau eingefahrene Spuren verlassen, alles langsam anlaufen lassen und mich an allen Kleinigkeiten freuen.

Gleich Anfang November kaufte ich mir eine Monatskarte für Bus, Bahn  und Ringzug, im Nachhinein eine gute Idee. Jeden Tag war ich unterwegs, bis jetzt bin ich sehr viel gelaufen, zum Bahnhof und zurück, 40 Minuten, dann in der Stadt. Auch oft nach Marbach und zurück, also 4 – 5 km jeden Tag. Ich musste schon wieder aufpassen, keinen Ehrgeiz zu entwickeln. Es tat und tut mir sehr gut, brauchte allerdings von Brigachtal bis zum Media-Markt in Bad Dürrheim, um 1 Tintenpatrone für meinen Drucker zu holen, von 9 Uhr bis 13 Uhr.

Nun bin ich gespannt auf morgen, den 2. Februar, auf die Nachuntersuchung im Krankenhaus. Ich hatte nie Probleme seit meiner Entlassung am 29. Oktober. Ich hatte auch nie das Gefühl, dass der ICD irgendwann bei irgendeiner Situation eingegriffen hätte. Nie hatte ich irgendwelche Beschwerden wie Luftnot oder Schwindel. Ich kaufte mir gleich einen modernen Blutdruckmesser für mein Handgelenk. Dieser speichert 60 Messungen und bildet den Durchschnitt.

Dieser liegt ziemlich konstant bei 120/70 bei einem durchschnittlichen Puls von 80/min.

Sicher gab es immer wieder Situationen, wo ich am liebsten schnell das Auto genommen hätte, um kurzfristig was zu erledigen. Ich denke, dass ich das bald wieder tun kann.

Ansonsten habe ich viel nachgedacht über meinen Krankenhausaufenthalt, über Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger, über Medikamente und deren Nebenwirkungen. Ich merke schon, dass diese Dinge ein weiteres Kapitel beanspruchen würden. Aber ich bin weder D. B. noch B. B. und habe auch nicht vor, meine intimsten Gedanken hier auszubreiten.

In einer Leseecke lag eine aufgeschlagene Bildzeitung herum, da ging es um den deutschen Durchschnittsmann, der 4-mal am Tag an Sex denkt. Oh dieser Arme, dachte ich bei mir, nur 4-mal am Tag, da habe ich es aber gut, mit 4-mal pro Stunde. Alles fängt ja bekanntlich im Kopf an und hört auch dort nicht auf, wie schnell bin ich doch gealtert! Wie gut, dass die reizenden Schwestern nicht in engen Pullis, engen Hosen oder Miniröcken mit hochhackigen Schuhen zum Dienst erscheinen. Wie gut, dass ich nicht mehr 35 Jahre jünger bin.

Doch eines muss ich noch loswerden. Eisbeutel und Sandsack bekam ich nach der Operation auf die Brust, es hat mir wesentlich mehr weh als gut getan. Doch als meine Nachbarin Claudia mich besuchte, wir uns in die Arme nahmen, bemerkte ich, dass so ein weicher, wohlgeformter Busen an meiner Brust wesentlich mehr zur Genesung beiträgt, als so ein Eisbeutel mit Sandsack.

Das wäre mein einziger Verbesserungsvorschlag für herzkranke Männer, sonst fällt mir nichts ein. Ich war rundum zufrieden.

Dieses Kapitel schrieb ich in erster Linie für Herrn Dr. Kohler. Ihn möchte ich bitten, mir meine aus medizinischer Sicht laienhaften Schilderungen und Empfindungen nachzusehen, ich habe versucht, das Erlebte aus meinem Blickwinkel in Worte und Sätze zu fassen. Es war mir ein inneres Bedürfnis, das Geschehen um mein krankes Herz aufzuarbeiten.

Wie es dazu kommen konnte, herzkrank zu werden, sehe ich heute im Nachhinein etwas klarer, ich möchte aber dieses Kapitel nicht damit belasten. Vielleicht raffe ich mich auf, später darauf näher einzugehen.

Zunächst beschäftigt mich die Frage: Was fange ich mit dem neu geschenkten Leben an?

Franz Kern      02.02.2004

Nun reiften meine Überlegungen zu einem Entschluss, diese meine lang aufgestauten, überwiegend negativen Gedanken, aufzuschreiben, sie dadurch abzuhaken, um sie dann endlich in der Versenkung verschwinden zu lassen.

 

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