Familie und Freunde

Irgendwann im Leben eines jungen Mannes meldet sich der zweitstärkste Trieb, basierend auf dem Sexualtrieb, hört sich blöd an, auch Fortpflanzungstrieb genannt. Man möchte ein weibliches Wesen für sich allein haben, eine dauerhafte Bindung eingehen, ohne zu wissen oder nur zu ahnen, wohin so was führt. Das sind dann die von der Phantasie beflügelten Träume. Diese Frau musste es schon irgendwo geben, aber wo? Und wenn ich die Wahl hätte, zwischen blond und schwarz, ich würde mich für die Rothaarige entscheiden, frei nach dem Schlager der damaligen Zeit: „Frauen mit roten Haaren, die wissen, was Liebe ist“. Jedenfalls ist es oft so, dass ein Mann so lange hinter einer Frau her ist, bis sie ihn hat. Über die Liebe wird deshalb so viel geschrieben, weil sie mit dem Verstand nicht fassbar und im Grunde genommen gar nicht beschreibbar ist. Jeder Mensch versteht etwas anderes darunter. Vielleicht  ist die Liebe des Mannes nur ein Phantasiegebilde, ausgelöst durch einen Veitstanz von Testosteron mit Serotonin. Über die Liebe der Frau kann ich nichts schreiben, da kenne ich mich nicht aus. Selbst Sigmund Freud gab zu, dass er nach über dreissigjährigem Studium der Frauenseele immer noch nicht weiss, was die Frau eigentlich will. Es gibt drei Sorten Männer, die die Frauen nicht verstehen können: die ganz jungen Männer, die Männer mittleren Alters und die alten Männer. Männer müssen halt lernen, auf irgendeine Art mit ihnen auszukommen. Frauen verstehen zu wollen, führt zu nichts, allenfalls ins Elend. Man muss sie einfach lieben, was immer das auch heissen mag.

„Mach mir kein Mädchen unglücklich“, diese Ausdrucksweise meiner Mutter klingelt mir heute noch in den Ohren. Unbewusst hat sie damit schon in meiner frühen Jugend zu meinem Leidwesen einige Mädchen vom Unglück abgehalten und den Grundstein für meine vielen nicht begangenen Sünden, die mich bis zum heutigen Tage ab und an plagen, gelegt. Heute sehe ich die Sachen gelassener, als ergrauter Jüngling habe ich mich der platonischen Vielweiberei verschrieben, so ist es halt geworden.

Ausser meiner Rennmaschine, meinen Kumpels, meinen Kameraden der Feuerwehr und des Gesangvereins hatte ich keine festen Freundinnen. Mein Grossvater lebte, nachdem seine Frau Maria mit 75 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben war, allein in seinem Haus. Meine Mutter kochte für ihn mit. Nach einiger Zeit nahm er sich eine Haushälterin, eine ehemalige Krankenschwester, sie war nie verheiratet.

Sie trimmte fortan meinen über achtzig Jahre alten Grossvater mit gesundem Essen und täglichen stundenlangen Spaziergängen zur Höchstform. Seine Angina pectoris bereitete ihm keine Schwierigkeiten mehr.

An den Wochenenden war ich sehr viel mit meinem Grossvater und seiner Haushälterin mit dem Auto hauptsächlich im Schwarzwald unterwegs. Mein Grossvater hat es geliebt, alte Wirkungsstätten aus seiner Jugendzeit zu besuchen, so zum Beispiel Breisach und Neu-Breisach, dort war er im ersten Weltkrieg als Kanonier stationiert. Später kam er zur Ordonanz. Was auch immer das war, seinen Erzählungen nach muss es irgendwie mit Essen und Trinken der höheren Offiziere zu tun gehabt haben. Auch fuhren wir öfters ins benachbarte Elsass nach Strassburg. In einem kleinen Dorf namens Illkirch-Grafenstaden besuchten wir den damals berühmten französischen Kräuterarzt Dr. Messegué. Er hatte seinen Hauptsitz in Paris, war aber alle paar Wochen im Elsass persönlich anwesend. Während Grossvater und seine Canisia dort weilten und einige Heilkräuter einkauften, erkundete ich die nähere Umgebung mit dem Auto. Mit Heilkräutern hatte ich damals nichts am Hut, sie waren für mich ein Furz und Hokuspokus. Bei diesen Ausflügen konnte die Haushälterin ihre vielen Geschwister an den verschiedensten Orten im Schwarzwald besuchen. Und ich hatte auch mein Vergnügen mit dem Autofahren, je mehr Kilometer, desto besser. Autos mit hundert PS waren für damalige Zeit selten. Grossvater liebte meinen schnellen, aber ruhigen Fahrstil. Als uns einmal eine Polizeistreife der „weissen Mäuse“ in der Nähe von Freiburg wegen zu schnellen Fahrens stellte, fiel mir fast das Herz in die Hose. Mit einem schelmischen Lachen zückte mein alter Herr, er ging schon gegen neunzig Jahre, seinen Geldbeutel und zahlte die geforderten fünf Mark. Damals gab es noch keine Radarkontrollen, die Beamten waren befugt die gefahrenen Geschwindigkeiten zu schätzen, Danach nahm ich mich einige Zeit mit meiner Fahrweise etwas zurück und versuchte, die Geschwindigkeitsbegrenzungen einzuhalten. So kannte ich bald jeden Weg und jeden Steg im Schwarzwald. In der Verwandtschaft der Haushälterin gab es viele hübsche Mädchen im heiratsfähigen Alter. Sie waren immer anwesend, wenn wir zu Besuch kamen. Deren Mütter wären nicht abgeneigt gewesen, wenn ich mich in eine von ihnen verguckt hätte. Und wenn ich nicht so schüchtern gewesen wäre, hätte ich die eine oder andere ganz legal zwecks Ehetauglichkeit testen können. Ja, hätte und wäre, diese Worte dürfte es gar nicht geben, und da sie doch da sind, messe ich ihnen heute keine grosse Bedeutung mehr bei. Damals wartete ich förmlich darauf, bis es endlich einmal funkt, knistert oder klick macht. Um Träume wahr  machen zu können, musst du als erstes einmal daraus erwachen.

Im Nachhinein muss ich gestehen, dass ich mit einundzwanzig Jahren viel zu jung war um wegen eines einzigen Baumes den ganzen Wald stehen zu lassen.

An dieser Stelle könnte ich viele Zitate von berühmten Frauen und Männern einfliessen lassen. Nur eines von  Adalbert Brunner möchte ich erwähnen:  „Wozu denn gleich eine ganze Kuh kaufen, wenn ich nur ab und zu eine Tasse Milch trinken will“. „Sex-Appeal ist das, was Männer nur mit den Händen beschreiben können“, von Uschi Glas.

So begab es sich, kurz nach meinem 21. Geburtstag, dass ein in den fünfziger Jahren nach Perú ausgewanderter Marbacher eine Geschäftsreise nach Europa antrat. Er besuchte Firmen in England, Holland und Deutschland.

Seine Stieftochter, gerade 18 geworden, hatte er dabei. Er wollte sie auch seinen  Geschwistern und Verwandten in Deutschland vorstellen. Wie jedes Jahr waren Feste des Gesangvereins und der Feuerwehr angesagt. Überall steckten die Dorfbewohner die Köpfe zusammen und tuschelten: „Guck mal, der Ludwig aus Lima ist zu Besuch in Begleitung seiner hübschen Stieftochter“.

Mit ihrer kaffeebraunen Haut, den langen schwarzen Haaren und den dunklen feurigen Augen war sie eine echte Exotin im Schwarzwald. Ihre weibliche Figur mit üppigen und wohlgeformten Rundungen blieben weder den älteren und noch viel weniger den jüngeren Männern verborgen. Kurzum, die Männerwelt drohte an ihrem eigenen Speichel zu ertrinken. Ich war auch so ein schlechter Schwimmer und kam in schwere Seenot. Nur sie könnte mich retten. Meine Schüchternheit, genauso gross wie mein Verlangen, hätten beinahe meine hochfliegenden  Träume zum platzen gebracht. Die jungen Mädchen vom Dorf, in ihrem Alter, nahmen sie mit zum Tanzen. Das war schon wieder eine Hürde für mich, ich und tanzen. Nun reute es mich, dass wir Burschen früher oftmals dem Tanzkurs  fernblieben und stattdessen zum „saufen“ gingen.

Doch wie kommst du an sie ran, als feiger Angsthase? Der Himmel muss wohl etwas nachgeholfen haben nach dem Motto: „Wenn einer etwas mit ganzer Kraft und ganzem Herzen will, dann werden Wünsche wahr“.

Eines Abends kam ich aus der „Krone“ nach Hause. Ob ich „einen in der Krone“ hatte, weiss ich nicht mehr. Schon in der Diele roch es nach Zigarettenrauch. Das war sehr ungewöhnlich in unserem Haus, denn in unserer Familie rauchte nämlich niemand. Zudem brannte wider erwarten im Wohnzimmer noch Licht um diese Zeit. Ich trat ein und traute meinen Augen nicht. In voller Grösse sass hier die Frau meiner Träume am Tisch mit meinen Eltern im Beisein meiner Schwester. Alle tranken Sekt, sie rauchte und blätterte in einem alten Album. Wahrscheinlich streckte ich ihr errötend die Hand zum Gruss hin, ich kann mir vorstellen, dass der Fussboden unter mir schwankte. Sie wurde zu dieser Zeit im Dorf bei Verwandten und Bekannten sozusagen „herumgereicht“. Meine Schwester brachte sie mit nach Hause. Ich bemerkte, dass sie meinem Vater sehr sympathisch war, als er ihr anbot, doch öfters mal vorbeizukommen. Sie wohnte bei der Schwester ihres Stiefvaters im Dorf. Es war mir ein leichtes, dem Wunsch meines Vaters, sie sicher nachts nach Hause zu bringen, zu entsprechen.

In diesem Sommer begann für mich ein neuer Lebensabschnitt, ich würde sagen, eine neue Zeitrechnung. Küsse raubten mir den ganzen restlichen Verstand, falls ich je einen hatte, sie trieben meine Lebenssäfte in tiefere Regionen. Der Testosteronspiegel übersprang alle Skalenenden. Meiner Mutter blieb dieses „Treiben“ nicht verborgen. Sie kramte ihren alten Spruch vom Unglücklichmachen eines Mädchens hervor. „Sie hat ein anderes Temperament, eine andere Kultur, sie ist eine andere Lebensweise gewöhnt, was willst du mit ihr“? „In ein paar Wochen ist sie wieder fort, muss es denn eine von so weit her sein, wo es im Dorf genügend Mädchen gibt, die zu dir passen“?

„Aber sie ist doch katholisch“, damit konnte ich bei meiner Mutter endlich punkten. Die Zeit der Abreise kam schneller als erwartet. Sie hatte nicht vor, mit ihrem Stiefvater nach Lima zurückzufliegen, denn sie war in der Zwischenzeit mein „Zuckerle“ geworden und für die Liebe geschaffen. Sie hatte ihre Ausbildung als Auslandskorrespondentin mit Spanisch, Englisch und Deutsch hinter sich. Irgendwann kam Silvester. Der jüngste Bruder ihres Stiefvaters, ich kannte ihn schon aus der „Krone“ und vom Gesangverein, lud uns beide ein, zusammen mit seiner Frau in Schwenningen im „Schlössle“ zu feiern. Heute noch erinnert sie mich bei passender und immer wiederkehrender Gelegenheit daran, wie sie sich mit mir ob meiner rustikalen Tischsitten schämte. Mit krummem Rücken schaufelte ich das Festmenü in mich hinein und zwar dergestalt, dass ich nicht den Löffel zum Mund bewegte, sondern den ganzen Kopf und den Oberkörper immer in Richtung Tisch und Teller. Es muss grausam für sie gewesen sein, neben so einem Lalli vom Land vornehm zu speisen, wie sie es in ihren Kreisen gewohnt war. Im neuen Jahr suchte der Arzt im Dorf zur Entlastung seiner Ehefrau eine Sprechstundenhilfe, meine Liebste bewarb sich und bekam die Stelle. Danach zog sie aus bei ihrer Tante und nahm sich ein Zimmer. „Kleines Dorf, grosse Hölle“, in Windeseile sprachen sich die Neuigkeiten herum. Fortan sah man beim Arzt Männer im Wartezimmer, die über Nacht ihre Zipperlein bekamen und dringend einer „Vorbehandlung“ bedurften.

Eine verrückte Zeit nahm ihren nicht aufzuhaltenden Lauf. Für meine Mutter war es bestimmt eine schwere Zeit damals. Einerseits war sie froh, dass ihr ältester Sohn keine Räusche und keine schweren Köpfe mehr heim schleppte, andererseits fühlte sie sich völlig machtlos, mit ansehen zu müssen, wie sein restlicher, nicht versoffener Verstand in Regionen unter die Gürtellinie abdriftete. Der früher erwähnte, legendäre „Onkel Josef“ war ein über siebzig jähriger Mann. Er war Witwer geworden und hatte keine Kinder. Seine Frau war eine Tante der Frau des Arztes im Dorf. Er kam öfters zu Besuch. Nun war er auf Brautschau. Er machte meiner damaligen Freundin den Vorschlag, sie solle ihn heiraten, er würde und könnte ihr nichts mehr “tun“, sie sollte ihn nur ab und zu ins Bett bringen, wenn er es in weinseliger Laune nicht mehr alleine fände. Und als ehemaliger Bankdirektor mit guten Pensionsansprüchen wäre seine junge Witwe gut versorgt. Die Leute sollten ruhig wissen, dass sie ihn nur wegen des Geldes geheiratet hat und der Franz könnte kommen und gehen wann er wollte, so nach dem Motto: „Der Freund des Hauses kann kommen, wann er will, der Hausfreund will, wenn er kommt“. Die Hauptsache wäre, er könnte sein Ego mit dieser hübschen jungen Frau noch einmal so richtig aufpolieren. Diese Begebenheit erfuhr ich erst Jahre später aus dem Munde meiner Frau, als die Sprache auf Onkel Josef und seine derben Sprüche, die ich allesamt für die Nachwelt festgehalten habe, kam. Einmal musste sie auf Onkel Josef aufpassen, als der Arzt mit seiner Familie in Italien im Urlaub war. Onkel Josef war ihr entwischt und feierte nebenan in der „Krone“ Schiffsuntergang. Als er bis zur Ladeluke vollgelaufen war, kam er angetorkelt und verlangte von ihr den Schlüssel für den Weinkeller. Sie verweigerte ihm diesen Schlüssel und brachte ihn unter grössten Mühen ins Bett und zog ihn aus. Dieser praktische und lehrreiche Anschauungsunterricht hinterliess bei ihr deutliche Spuren. Dieses Thema, einen alten Mann zu heiraten, hatte sich ab diesem Zeitpunkt erledigt.

Derweil kosteten wir unser Liebesleben, das wohl mehr den Namen Sexleben verdient hätte, an allen möglichen und unmöglichen Örtlichkeiten aus, oft mit dem besonderen Nervenkitzel, dabei erwischt zu werden. Blue spanish eyes, moon over Neaples, das waren unsere beliebten Melodien in der Musikbox des Café Hildebrand. Damals stand sie in der Ecke, es war ein lauschiges Plätzchen für Verliebte. Einmal buchten wir eine Busreise nach Paris. Sepp Maier, der Chef von Auto-Maier  lenkte den Bus selbst und führte auch durch die Stadt. In wie viel Tagen wir fast nichts von der Weltstadt mitbekamen, weiss ich nicht mehr. Erinnern werde ich mich immer an einen Morgen, als ich um 6 Uhr in der Nähe vom „Moulin Rouge“ alleine spazieren ging. Eine Dame in hochhackigen Schuhen konnte nicht mit ansehen, wie ich um diese Zeit noch kein Quartier zu haben schien. Sie sprach mich auf französisch an, ich tat so, als würde ich nichts verstehen, dann versuchte sie es in Englisch, ich winkte ab. Nun zog sie ihr letztes Register und sprach mich im echt schwäbischen Dialekt an. Sie wollte mir klar machen, dass sie alles dabei hätte, was ich momentan brauchen könnte. Das war keine Französin, es konnte nur eine sein, die von Kindesbeinen an so ein schönes schwäbisch sprechen lernte. Das, was sie von mir wollte, hatte sie bestimmt in Paris gelernt, und zwar im Handumdrehen. Sie meinte, ich würde nicht richtig ticken, oder würde ich etwa auf die Idee kommen, nach München zu fahren und das Bier mitnehmen? Jedenfalls hatte ich zu damaliger Zeit weder Gedanken, Gefühle, Augen, Hände oder andere Körperteile für sie frei. Da hätte man mir „eine“ zum Aufheben anvertrauen können, es wäre sicher nichts passiert. In diesem Überschwang der Gefühle keimten irgendwann Heiratsabsichten. Motocrossrennen waren abgehakt.

Heiraten, womit denn? Mein Gehalt, alles andere als üppig, ging in der Vergangenheit meist drauf für Motorrad und Schorle. Wir verlobten uns.

Meine spätere Schwiegermutter legte ihrer ältesten Tochter nahe, für ein ganzes Jahr nach Lima zurückzukehren. In dieser Zeit könnte sie sich einerseits beruflich weiterbilden und andererseits den räumlichen Abstand nutzen, um sich endgültig klar zu werden, ob sie nach Deutschland zurück möchte, um diesen ungehobelten Burschen, der sein Wirtschaftsstudium im wahrsten Sinne des Wortes in der freien Wirtschaft absolvierte, zu heiraten.

So fuhr sie, bepackt mit Überseekoffer, im Februar 1967, gemeinsam mit einer verwitweten Tante aus Bremen, auf einem Frachtschiff namens MS Buchenstein von Rotterdam aus nach Lima. Es war eine vierwöchige, erlebnisreiche Schiffsreise. Schon im Golf von Biscaya geriet das Schiff in einen schweren Sturm. Seine Ausläufer reichten bis zu uns in den Schwarzwald. Damals wurde bei diesem heftigen Sturm dem Villinger neuen Krankenhaus das Dach abgedeckt, deshalb kann ich mich noch gut an diese Zeit erinnern. Auf dieser Seereise lernte sie den Schiffsingenieur Eberhard Picker kennen. Der nahm sie  auf ihren Wunsch in den Häfen, wo Fracht von und an Bord ging, in urige Seemannskneipen mit. Als Frau hätte sie nie alleine dort hin gehen können. Jahre später besuchte er uns mit seiner Frau Gabi und seiner kleinen blonden Tochter Melanie, sie war im Alter unseres Sohnes, in Schwenningen. Eberhard hatte mittlerweile sein Seefahrerleben aufgegeben und war bei den Rasselstein-Werken in Neuwied als Ingenieur tätig. Wir machten einen Gegenbesuch in Rengsdorf, dabei durften wir an einer sehr interessanten Betriebsbesichtigung teilnehmen.

Telefonieren in andere Kontinente war damals sehr teuer und die Gespräche mussten vom Fernamt handvermittelt werden. Unser Telefon war mit dem Büro der Uhrenfabrik gekoppelt und für solche Privatgespräche tabu. So schrieben wir uns fast täglich diese blauen Briefe in Luftpostpapier. Da ging es nach Gewicht mit engen 5 gr Abstufungen. So an die acht bis vierzehn Tage dauerte so ein Brief in der Regel, bis er ankam. Geschrieben habe ich mit 80 Prozent Testosteron, der Rest war meist rote oder grüne Tinte.

Meine Arbeitskollegen meinten es gut mit mir und machten dabei den Vorschlag, diese frauenlose Zeit mit Weiterbildung zu nutzen und vielleicht in Furtwangen ein Ingenieurstudium ins Auge zu fassen. Da ich nach der mittleren Reife und der Fachschulausbildung zu lange lernabstinent war, wäre zuerst eine Berufsaufbauschule angebracht. Ich selbst war davon nicht begeistert und meldete mich an. Aber wie es so ist mit den Hunden, die zum Jagen getragen werden müssen, ging dieses Experiment eines liebeskranken Mannes nicht gut aus. In dieser schwierigen Zeit war ich sehr unglücklich. Fahrten nach Frankreich, die Schweiz und Italien mit meinem Grossvater und Onkel Willi kamen mir gelegen. So konnte es sein, dass wir früh morgens losfuhren und an einem einzigen Tag mehrere Alpenpässe überquerten, bis nach Domodossola und zurück. Ich suchte mir nach einer depressiven Phase eine neue Arbeit. Und wieder hatte ich ein „Brett vor dem Kopf“ in einem Konstruktionsbüro für Uhren. Andauernd machte ich mir Sorgen, ob und wann ich meine Verlobte wieder sehen würde.

Dies sollte im Februar 1968 sein. Und möglichst gleich eine Heirat. Das erinnert mich heute noch an den Spruch unseres Dirigenten vom Gesangverein. Er war eingefleischter Junggeselle und auf die Frage einer Heirat angesprochen sagte er  immer das gleiche: „Es gibt Verlobungen, die gehen gut aus, andere enden mit einer Heirat“. Die Hochzeitsvorbereitungen oblagen, dadurch, dass meine weitaus bessere Hälfte noch in Lima weilte, bei mir. Sie sollte nur 1 Woche vorher anreisen. Ihre Mutter war berufstätig und wollte später zu Besuch kommen. Sie konnte kein Wort deutsch und wo sollte sie bleiben, wenn ihre älteste Tochter in den Flittertagen war? Also sagte sie ihr Kommen für später an, wenn das erste Kind da sein würde.

Da man zu damaliger Zeit erst mit 21 Jahren volljährig war, gab es noch einige behördliche Hürden. So hatte ich das Generalkonsulat von Perú in Stuttgart zu besuchen, dafür rasierte ich mir extra meinen roten Vollbart ab, damit mein Gesicht mit dem Passbild übereinstimmte. Es sollte ja nichts mehr schief laufen und ich war ganz gehörig gerädert. Mit meinem Grossvater fuhr ich nach Obersimonswald um eine Geburtsurkunde von ihm zu erhalten bezugs einer Abstammungsurkunde, die auf dem Standesamt in Marbach vorgelegt werden musste. Danach fuhren wir nach St. Märgen, denn dort wollten wir getraut werden. Der damalige Pfarrer Bernauer machte auf mich einen etwas ruppigen Eindruck, als er mich fragte, wo ich denn meine Braut hätte und warum ich sie nicht mitgebracht habe. Ich machte ihn mit den ganzen Umständen vertraut. Er zog seine Stirn in tiefe Falten und sprach in ernstem Ton: „Aber Bub, hast du dir das auch gut überlegt, eine von so weit her, mit einem anderen Temperament als wir Schwarzwälder, mit einer anderen Lebensart, gibt es denn nicht genug anständige Mädchen hier? Da blieb mir zuerst mal die berühmte Spucke weg.

Ich dachte an die Worte meiner Mutter, sie klangen ähnlich.

Wahrscheinlich blickte ich verdattert zu meinem Grossvater. Sein entspannter Gesichtsausdruck machte mir Mut und ich gab dem Pfarrer zu verstehen, dass ich es mir gut überlegt hätte. Wann sollte denn die Hochzeit sein? Genau am Fasnachtssamstag den 24.02. sollte die Tauung stattfinden, wenn sich andere Leute in Narren verwandeln. Vielleicht muss man ein Narr sein, um sich auf solch ein Abenteuer einzulassen. Die Trauung war gebucht.

Endlich kam der Tag an dem meine Liebste in Zürich landete. Die Wirklichkeit, als ich sie sah und in die Arme nahm, hat alle meine Phantasien des  vergangenen Jahres ausgestochen. Nichts wie nach Hause mit diesem Geschöpf des Himmels. In Benken, noch in der Nähe der Schweizer Grenze war die Bahnschranke geschlossen. Ausgehungert nach Küssen und Zärtlichkeiten, verpassten wir die hochgehende Schranke, erst als hinter uns gehupt wurde, kamen wir auf den berühmten Boden der Tatsachen zurück.

„Onkel Josef Müller“ wohnte zu dieser Zeit mit seiner neuen Frau Elisabeth in einer Mietwohnung in Marbach. Er bot meiner Verlobten an, die paar Tage bis zur Hochzeit bei ihm zu wohnen. Sie nahm an. In dieser Woche reiste Stiefvater Ludwig an und quartierte sich bei einer seiner Schwestern ein.

Einen Tag vor der kirchlichen erfolgte die standesamtliche Trauung im alten Rathaus in Marbach. Der Bürgermeister war der Friedrich Hirt. Im Dorf wurde er „Seppelfrieder“ genannt. Er hatte noch Landwirtschaft und wohnte gerade gegenüber dem Rathaus auf der anderen Seite der Bundesstrasse, die damals das Dorf teilte. Der Bürgermeister, aufgeputzt in schwarzem Anzug und Krawatte, sowie seine bis zu den Zähnen aufgetakelte Ratschreiberin begrüssten uns zusammen mit den Trauzeugen sowie allen anwesenden Verwandten. Während der Trauungszeremonie konnte sich meine zur weitaus besseren Hälfte erkorene Liebste ein Lachen nicht verkneifen. „Reiss dich zusammen“, flüsterte ich ihr ins Ohr. Nach der Trauung erklärte sie mir, warum sie in ernster Situation lachte. „Heute Morgen sah ich den Bürgermeister mit seinem Traktor und dem Mistwagen durch das Dorf auf sein Feld fahren. Er war in bäuerlicher Kleidung und nun sass er vor uns, kaum wieder erkennbar und hielt in akzentfreiem hochdeutschem Dialekt die Trauung ab“.

Der nächste Tag war Fasnachtssamstag. Es hatte viel geschneit in der Nacht. Mit mehreren Privatautos fuhren die engsten Familienmitglieder beider Kategorien über die „Kalte Herberge“ nach St. Märgen in den Schwarzwald. Die prunkvolle Kirche in St. Märgen erwartete uns. Onkel Erich, seine Frau und Stiefvater Ludwig hatten die Braut in ihrem Auto dabei, ich sollte sie erst in der Kirche zu Gesicht bekommen. Ich war damals sehr abgemagert, aufgeregt und fuhr mit meinem grünen Fiat Neckar alleine durch die tief verschneite Landschaft. Unterwegs musste ich anhalten, weil das Kühlwasser meines alten Autos kochte. Ich fuhr sonst nur kurze Strecken und hatte vergessen, den „Pappendeckel“ vor dem Kühler zu entfernen. So holte ich mir noch vor der Trauung schmutzige Hände. Ich wusch sie notdürftig mit Schnee.

Den genauen Ablauf in der wunderschönen Kirche kann ich leider nicht mehr rekonstruieren, jedenfalls begleitete Ludwig seine älteste Stieftochter zum Altar. Sie war so schön und lieblich anzuschauen, dass der Boden unter meinen Füssen  wiederum zu schwanken begann und ich ihn fast verloren habe. Dass ich im entscheidenden Augenblick „Ja“ gesagt habe, ist mir noch in Erinnerung, dann ist der Film gerissen. Das Thema der Predigt?

Hauptsache war für mich, dass auch sie „Ja“ sagte und ab jetzt zu mir gehörte und dass wir nun ein Fleisch wären und die Frau dem Manne untertan wäre. Das waren die Worte des Pfarrers. Ob und was gesungen und gebetet wurde, weiss ich nicht mehr. Vielleicht kreisten meine Gedanken schon um die Hochzeitsnacht!

In kleinem Familienkreise wurde dann im „Hirschen“ in Herzogenweiler gefeiert. Mittagessen, Kaffee und Abendessen.

Dort hatten wir auch für die Nacht ein Zimmer reserviert. Mein Bruder Hermann, damals 15 und eifriger Musiker bei der „Happy-Sound“, brachte mit seinem Akkordeon als Alleinunterhalter Schwung in den Laden. Es wurde gespeist, getrunken und getanzt, einige Anwesende hatten auch Beiträge vorbereitet und gaben sie zum Besten. Mit der Zeit lösten sich meine Anspannungen und Verkrampfungen der letzten Wochen. Relativ früh rückte die Hochzeitsnacht, teils in banger, doch grösstenteils in fiebriger Erwartung heran. Mit französischem Abschied schlichen wir uns einen Stock höher. Wie Heino damals sang: „In der dritten Hütte hab ich sie geküsst, keiner weiss, was dann geschehen ist“, möchte ich dieses Geschehen nicht weiter beleuchten. Unten im Saal wurde weiter gefeiert bis in den Morgen.

Ausgelaugt, von was auch immer, am Boden der Tatsachen zerstört, dachte ich am nächsten Morgen bei mir: „Was hast du gemacht?“ Ich dachte an den Spruch des alten Ehepaares Herzberg in der „Krone“. „Heiraten oder nicht heiraten, früher oder später wirst du beides bereuen“. So früh konnte doch die Reue nicht schon bei mir anklopfen. Wieder hatte es geschneit und es war bitterkalt. So beschlossen wir nach dem Frühstück eine Minihochzeitsreise in wärmere Gefilde anzutreten. Ja wohin denn? In Richtung Kaiserstuhl, der wärmsten Gegend in Deutschland, fuhren wir los. Wir betraten mehrere Lokale, meist mit Etagenduschen und WC über den Flur oder in einem anderen Stockwerk, keines gefiel uns. Zuletzt kamen wir nach Achkarren ins Hotel Krone. Da bekamen wir ein schönes Doppelzimmer mit Bad und Toilette. Nun waren wir so richtig verheiratet, mit Kuchen und Trauschein, nicht so wie damals im Hotel in Paris.

Ein paar Tage blieben wir dort. Es gab keinen Schnee. Wir liessen uns verwöhnen mit gutem Essen und guten Tropfen vom Kaiserstuhl.

Nach der Heimkehr wurde die Frage konkret, was nun, wo sollte ein Nest gebaut werden? Vielleicht im oberen Stock meines Elternhauses. Mit Bett und Schrank allein kamen wir anfangs gut zurecht. Aber auf Dauer?

In dieser Zeit machten wir Pläne, in welchen Firmen sich meine Frau als Fremdsprachensekretärin bewerben sollte.

Und als sonntags meine Mutter an die Tür klopfte: „Franz, steh auf, um dreiviertel neun ist die Messe“, sollten wir Jungvermählte bald wissen, wie und nach wessen Kommando das weitere Geschehen abzulaufen hatte. Zudem stellte sich bald Nachwuchs ein. Damit erledigte sich auch die Arbeitssuche für meine Frau. Mein Vater gab uns den weisen Rat, uns eine kleine Wohnung zu suchen. „Alt und jung gehören nicht zusammen“, begründete er seinen Rat. Für die Erstausstattung an Mobiliar würde er aufkommen. Ich arbeitete zu damaliger Zeit in Schwenningen bei Kienzle-Uhren. Mein Gehalt wurde um 40 DM an Sozialzulage aufgestockt. Durch einen Schwager meiner Grossmutter bekamen wir in Bad Dürrheim eine Dachwohnung. Diese hatte ein riesiges Wohnzimmer auf der einen Seite, ein  grosses Schlafzimmer auf der anderen Giebelseite des Hauses und dazwischen eine kleine Küche und ein Bad, alle Zimmer unter Dachschrägen mit Kniestock.

Unsere finanziellen Mittel waren alles andere als rosig, so haben wir mit dem von Haus-zu-Haus-Verkauf von Nudeln der Firma Nudelpeter unser Budget aufgebessert. Damals versuchte ich mit Fernkursen eine gewisse berufliche Fortbildung zu erreichen.

Noch im selben Jahr am 9. Dezember kam unsere Tochter Diana zur Welt, so konnten wir an Heiligabend ein lebendiges Christkindchen unter den Weihnachtsbaum legen. Nun hatte ich eine kleine Familie zu ernähren und der Kamin sollte auch rauchen. Deshalb legte ich mich bei der Arbeit mächtig ins Zeug. So richtig Spass gemacht hatte mir die Arbeit am Reissbrett nie, eine Alternative sah ich zu damaliger Zeit nicht. Um gute Ideen, was moderne Technik im Uhrenbau anbelangte, war ich nicht verlegen, doch die Umsetzung der Gedanken oblag anderen Personen im Unternehmen. Als ich dann eines Tages spitz bekam, wie meine Ideen unter anderem Namen zum Patent angemeldet wurden, war die Zeit reif, mir ein anderes Betätigungsfeld zu suchen. Es folgte postwendend eine innere Kündigung meinerseits. Im Sommer 1969, unsere Tochter war bereits ein halbes Jahr alt, war es dann so weit. Meine Schwiegermutter besuchte uns. Ich kannte sie bisher nur von Bildern aus Alben. Gleich als wir uns zum ersten Mal in die Arme nahmen, wurde mir bewusst, dass sie eine starke, aber sehr warmherzige und liebenswerte Frau ist und ich Doofkopf nicht in der Lage bin, nur ein paar nette Worte mit ihr zu wechseln. Französisch, Englisch und Sport gehörten auf dem Gymnasium zu meinen Lieblingsfächern, alle anderen nervten mich. Es wäre damals ein leichtes gewesen, mich etwas mit Spanisch zu beschäftigen. Doch ich war faul und bequem, liess mir alles von meiner Frau übersetzen, dabei ärgerte ich mich masslos. Wir zeigten ihr den Schwarzwald. Dabei war meist mein Grossvater mit von der Partie. Er konnte sich mit ihr auf Italienisch, das er vor dem 1. Weltkrieg lernte, einigermassen verständigen. Alle drei Männer, Grossvater, mein Vater und ich waren von ihrem Charme angetan. Abends wurde meist bei Wein oder Sekt in alten Alben geblättert. Wir besuchten die Geschwister von Ludwig mit ihren Familien. Bei dieser Gelegenheit konnten sie ihre Schwägerin aus Lima kennen lernen. Dann machten wir uns zu dritt auf die Tour an den Bodensee, ins Allgäu und nach Österreich und in der Kürze der Zeit wurde diese Mini-Europa-Reise ein Schnelldurchlauf der einzelnen Stationen. Bald kam der Abschied.

Nun kannte ich meine Schwiegermutter näher und sie kannte die Menschen und die Umgebung, in der sich ihre älteste Tochter gedachte, die kommenden Jahre ihr zuhause aufzubauen.

In der Zwischenzeit wurde meine Frau wieder schwanger und abermals ging es darum, die Flucht nach vorne anzutreten. Ich schrieb mehrere Bewerbungen und bekam mehrere Absagen. Diese nagten zwar gehörig an meinem Selbstvertrauen, bestärkten mich aber darin, eine etwas andere als die bisherige Tätigkeit anzustreben.

So fand ich nach anfänglichen Schwierigkeiten eine Anstellung in einer aufstrebenden Metallwarenfabrik. Dort traf ich auf einen sehr kreativen und feinfühligen Chef, als Gegenstück dazu Meister und Vorarbeiter, die mich erst mal als Neuling und vermeintlichen Konkurrenten kräftig „auflaufen“ liessen.

Ein anderer Typ Mensch hätte in dieser Situation entweder seine Ellenbogen ausgefahren oder die Probezeit abgebrochen. Meine Ellenbogen kannte ich gar nicht, entsprechend konnte ich nichts mit ihnen anfangen. Zudem etwas aufzugeben, was nicht verloren schien, war nie meine Devise. Ich sah die vielen Schwachstellen in der Organisation und in der Arbeitsvorbereitung. Arbeit war da, mehr als der schnell wachsende Betrieb sie hätte erledigen können. Deshalb lief auch vieles schief, alle halbe Stunde rannten die Meister ins Büro und bestellten Material, gerade was ihnen momentan am wichtigsten erschien. Ich hatte konkrete Vorstellungen von einer zentralen, gut funktionierenden Arbeitsvorbereitung, sprach mit dem Chef darüber. Er war angetan von meinen Vorschlägen und gab mir die entsprechenden Vollmachten, sie in die Tat umzusetzen. Reibereien in Bezug auf diverse Kompetenzgerangel unter den alt „Eingesessenen“ blieben nicht aus. Da war es nicht immer leicht, das grosse Ziel im Auge zu behalten. Mit diversen REFA-Kursen in Ludwigsburg eignete ich mir zwar viel theoretisches Wissen an, doch die Menschen, die sich mit aller Kraft an alte, gewachsenen Strukturen im Akkordwesen klammerten, mauserten sich zu enormen Hemmschuhen, die zeitweise das ganze Vorhaben zu blockieren drohten und damit in Frage stellten. Doch aufgeben war nie meine Sache, was begonnen wird, wird auch zu Ende geführt. Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren. Damals kannte ich diesen Spruch noch nicht, erst viel später sollte er mich nicht nur berühren, er sollte mich prägen. Es blieb nicht aus, dass ich manchmal, vielleicht als Gegengewicht zur Anspannung in der Arbeit, zur Entspannung einen über den Durst trank. Da ich nicht viel vertragen konnte, genügten zwei Viertel Ruländer und dann waren die Menschen und die ganze Welt so lieblich, ich konnte sie umarmen und dabei ins Paradies blicken. So geschah es bei einem Kurs in Ludwigsburg. Am Abend vor der Prüfung war ich noch mit mehreren Seminarteilnehmern zu Fuss auf Kneipentour. Jeder war auf seine Art irgendwie gespannt auf den kommenden Tag. Die unguten Gefühle wollten wir gemeinsam ersaufen, doch sie konnten schwimmen. Auf dem schier endlos erscheinenden Heimweg zum Wohnheim des Instituts verleitete uns der Alkohol zu allerlei Blödsinn. In nüchternem Zustand wäre wohl keiner auf solch eine hirnverbrannte Idee gekommen, über die in Vorgärten gepflanzten Berberitzen- und Ligusterhecken zu springen.

Für einen jungen Familienvater sollten solche groben Spässe eigentlich tabu sein.

Unter Gegröle nahm einer nach dem anderen seinen Anlauf und blieb in der Hecke hängen. Das war wiederum Ansporn für mich, die Hecke zu überspringen. Damals kam beim Hochsprung gerade der neue Stil in Mode, horizontal die Latte zu nehmen. Das muss mir beim Sprung in den Sinn gekommen sein. Jedenfalls kam ich so über die „Hürde“. Natürlich war es dunkel und keiner wusste, was uns jenseits der Hecke erwarten würde.

So schepperte und klirrte es mächtig, als ich in einem mit alten Vorfenstern abgedeckten Frühbeet unsanft landete. Zum meinem Glück verletzte ich mich „nur“ am linken Handgelenk. Notdürftig verbanden wir die Schnittwunde mit einem Taschentuch. Diese nächtliche Aktion hätte mächtig schief gehen können.

Trotz Brummschädel und schmerzender Wunde wurde die Prüfung am nächsten Tag zum Erfolg. Ich hätte auch verbluten können. Wieder hatte ich die Dienste meines Schutzengels arg strapaziert.

Damals träumte ich von einer Göttin in Gestalt eines Citroen DS 19. Im Jahre 1955 baute der französische Autokonzern das erste Fahrzeug mit  hydropneumatischer Federung und Niveauregulierung. 1970 erstand ich so ein fünfzehn Jahre altes Auto, es kostete zwar nur noch wenig, für mich aber war es ein Vermögen. Als mein Vater dieses Fahrzeug zum ersten Mal in Augenschein nahm, zog er seine Stirn in Falten und meinte, ihr müsst aber Geld haben. Ob ich mir das gut überlegt hätte, mit teuren Reparaturen müsste ich rechnen. Im Nachhinein musste ich zugeben, ich hatte es mir nicht gut überlegt.

Während ich mit allerhand stressiger Aufbauarbeit im Betrieb die Zeit vergass, kündigte sich wie bereits erwähnt bei uns ein zweites Kind an.

Schon damals schwebte mir für die Arbeitsvorbereitung ein Computer vor, den man mit Stammdaten von neuen und immer wiederkehrenden Aufträgen füttern konnte, um sie bei Bedarf abrufen zu können. Aktuell waren damals Umdruckmaschinen von Ormig. Darin konnte man wenigstens Stücklisten, Akkordwerte und Arbeitsablaufdaten speichern und in Laufzettel und Auftragsbegleitpapiere ausdrucken. Das bedeutete für die damalige Zeit ein enormer Fortschritt. In gewissem Sinn war diese Maschine eine Vorstufe für einen Rechner nach heutigem Verständnis. So erstellte ich Stammdaten für Stücklisten für neue und alte Aufträge, darüber vergass ich oft die Zeit. Immer wieder erwarteten mich im Betrieb mannigfaltige neue Aufgaben, darüber ging mir jedes Zeitgefühl verloren.

Und nicht nur die Zeit rannte mir weg, auch Essen und Trinken wurde zur Nebensache. Es entstanden in unserer jungen Familie „Filmrisse“ am laufenden Band. Es galt im Betrieb, alle alten Akkorde nach neuen Gesichtspunkten zu erfassen, aufzuarbeiten und entsprechend festzulegen. Dann war für mich ein Gräuel, die unterschiedlichsten Menschen mit ihren Charakteren und den entsprechenden „Mucken“ in Bezug auf ihre Leistung zu beurteilen und einzustufen. Das brachte mir manche Unannehmlichkeit. Auf der einen Seite standen die Interessen der Arbeitnehmer um einen möglichst hohen Lohn für möglichst wenig Leistung, auf der anderen Seite standen die Interessen der Inhaberfamilie um einen möglichst niedrigen Lohn für gute Leistung und Qualität der Arbeit. So gab es in dem aufstrebenden Betrieb genügend Reibungspunkte und öfters mal „Sand im Getriebe“. Meine Stärke war das Organisieren von reibungslosen Arbeitsabläufen, die Probleme mit der Beurteilung von „Menschenleistung“ konnte ich einem fähigen Mann übertragen, der dort Stärken aufzuweisen hatte, wo ich bei mir unüberwindbare Schwächen einzugestehen hatte.

Im Sommer 1970 ging es darum, einmal auszuspannen während der Urlaubszeit.

Meine Frau war schwanger mit unserem Sohn, der den Namen Carlos erhalten sollte. Wohin sollten wir fahren? Nach Spanien, dies war der Wunsch meiner Frau. Allein wäre ich nicht auf die Idee gekommen, doch Spanisch war die Muttersprache meiner geliebten Tere und so willigte ich ein. Sie sollte dort sprechen, damit ich was „Anständiges“ in meinen Bauch bekäme.

Unser Töchterchen, eineinhalb Jahre alt, liessen wir gut behütet aber schweren Herzens bei meinen Eltern zurück.

Über die Schweiz und den französischen Jura ging es mitten durch Lyon, danach durch viele für uns fremde Städte in Südfrankreich. Autobahnen gab es noch nicht, allenfalls wenige Parkplätze, auf denen man sich ausruhen konnte. Deutsche Mark, Schweizer Franken, französische Franc und spanische Peseta hatten wir in vier verschiedenen Geldbeuteln dabei. Die Landschaften in Südfrankreich waren herrlich. Durch Serpentinen mit ungewöhnlichen Aussichten kamen wir durch Höhen und Tiefen des Lanquedoc. Bruchsteingemauerte Brücken in den Städten und Dörfern verbanden die Ufer der Bäche. Teilweise waren grössere Flüsse in den Sommermonaten ausgetrocknet. Glückliche Kühe-, Ziegen- und Schafherden frassen das Gras zwischen Apfel- und Pfirsichbäumen. Die Felder waren abgeteilt mit teilweise losen, zerfallenen Steinmauern. Dazwischen immer wieder grössere oder kleinere Scheunen. Sie dienten als trockene Vorratsplätze und als Schattenplätze für das Vieh. Gemauerte Brunnen und Wasserreservoire säumten die Feldwege abseits der Hauptstrassen. Das Gezirpe der Grillen aus den Pinien- und Olivenhainen war Begleitmusik für unsere Reise ins Unbekannte, vor allem für mich. Noch nie in meinem Leben war ich mehr als eine Tagreise von zu Hause weg und geflogen war ich ausser aus einer Wirtschaft heraus, noch nie.

Das Fahren mit der Luftfederung unserer „Göttin“ machte mir viel Spass. Es war ein Dahingleiten wie in einer Sänfte. Nur noch zirka 100 km durch die Pyrenäen bis zur spanischen Grenze. Es war schon gegen Abend, als ich in einer Kurve bemerkte, dass irgendetwas an meinem linken Vorderrad nicht stimmte. Trotz Plattfuss bewegte sich das Auto erstaunlich spurtreu. Reifenwechsel war angesagt. Der Wagenheber hatte nichts mit den sonst üblichen anderer Autos zu tun. Es war nur ein Stützbock, auf verschiedene Höhen mit einem Splint einstellbar. Das Aufbocken besorgte die Hydropneumatik. Allerdings entsprach das Ersatzrad dem etwas kleiner bemessenen Hinterrad und hatte somit einen entsprechend kleineren Umfang als das Vorderrad. Dadurch machte es selbst bei Geradeausfahrt mehr Umdrehungen, die das Differenzialgetriebe auszugleichen hatte. In der Betriebsanleitung stand zudem, man solle möglichst wenige Kilometer mit unterschiedlicher Reifengrösse fahren. Nun war das Ersatzrad aufgezogen.

So rollten wir in der Nacht über die Grenze hoch in den Pyrenäen. Es war bitterkalt, ich konnte mir gar nicht vorstellen, im heissen Spanien zu sein.

Der peruanische Pass meiner Frau wurde peinlichst genau inspiziert und kontrolliert. Ein flaues Gefühl in der Magengegend und schmutzige Hände vom Radwechsel liessen meine Stimmung dem Nullpunkt entgegen sinken. Nach einer bangen Wartezeit bekamen wir unsere Pässe zurück, mehrere Steine polterten hörbar von meinem Herzen die Pyrenäen hinunter. Gleich nach der Zollkontrolle ging es wieder steil und in engen Haarnadelkurven bergab. Ich dachte nur noch an meine Reifen. Hoffentlich gibt es nicht noch einen Platten. An einem Lokal hielten wir an.

Nun mein Schatz, da gehen wir hinein. Du sprichst spanisch, ich brauche jetzt zuerst ein Bier. „Una cerveza por favor, mi esposo tiene set“. Das klappte wunderbar, ich war sehr stolz auf meine Begleiterin. Auf der anderen Seite war ich ihr in einem für mich fremden Land völlig „ausgeliefert“. 

Ich kann mich nicht mehr an Einzelheiten dieser Nacht erinnern, wahrscheinlich schliefen wir im Auto. Bei Tagesanbruch ging es weiter. Autobahnen gab es auch in Spanien nicht. Irgendwann lag das Mittelmeer vor uns. Es ging die enge Küstenstrasse entlang. In einer Werkstatt liessen wir unseren kaputten Reifen flicken. Da war ich wieder beruhigt. Kurz vor Barcelona hielt ich an, tankte und übergab das Lenkrad meiner Frau. Sie war es von Lima her gewöhnt, sicher mitten durch eine Millionenstadt zu fahren. Und das um die Mittagszeit, es wurde heiss. Solche Temperaturen waren mir fremd. Nach Barcelona übernahm ich wieder das Steuer bis kurz vor Valencia. Wir wechselten nochmals die Plätze. Ja wo wollten wir denn hin? Nach Calpe ins Hotel „Paradero de Ifach“.

Ein Perúaner mit Vornamen Pancho kannten wir durch ein kinderloses Ehepaar in Marbach. Er lebte dort einige Zeit und sollte in Villingen in der Weltfirma, in der das Ehepaar arbeitete, eine Anstellung bekommen. Warum dieser Arbeitsvertrag nicht zustande kam weiss ich nicht mehr. Pancho zog nach Spanien. Er war damals liiert mit Pilar, der Hotelerbin des Paradero de Ifach. So ergab sich durch unseren Kontakt der Urlaubsort Calpe.

Traumhaft war die Küstenstrasse, der Blick über das Meer bot mir eine bisher ungekannte Weite, endlos und ohne Horizont ging das Wasser in den Himmel über. Die Strasse wand sich in engen Kurven meist an der Steilküste entlang, nur auf kurzen Abschnitten mit Blick ins Hinterland konnte man ab und zu einen der vielen sich südwärts quälenden Lastwagen überholen. Irgendwann gegen Abend verfärbte sich der Himmel in ein wunderbares Abendrot. Die Sonne spiegelte sich im Meer, die vorbeifahrenden Schiffe glitzerten wie Perlen. Ein steil aufragender Fels wurde in der Ferne sichtbar, er rückte näher und näher. Dieser Fels nannte sich „Punto de Ifach“ Unser Ziel war da. Calpe, ein grösseres Fischerdorf lag direkt an diesem Felsen. Durch staubige Strassen kamen wir auf eine Anhöhe und das einzige Hotel war erreicht. Beim Aussteigen waren wir überwältigt von der üppigen Farbenpracht der Pflanzenwelt vor dem Hotel. Der grosszügige Eingangsbereich mit viel Holz und weissem Mauerwerk entsprang unverkennbar maurischem Baustil. Vom Parkplatz aus sahen wir hinunter auf das Meer, ein traumhafter Privatstrand  lag unter uns. Wir, das heisst, meine Frau meldete sich an der Rezeption und sogleich kam Pilar, um uns in Empfang zu nehmen. Sie begleitete uns im Aufzug zwei Stockwerke nach oben auf unser Zimmer mit Dusche, Badewanne  und Meerblick. Nach ausgiebigem Duschen und Ausruhen begaben wir uns nach unten in den fein gedeckten Speisesaal. Fische kannte ich bisher von zu Hause nur in Dosen. Bratheringe, Rollmöpse, Sardinen, Heringe in Tomatensauce und ähnliches. Das sollte sich in diesem ersten, gemeinsamen Urlaub ändern. „Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht“, dieser Spruch konnte auf mich gemünzt sein. Doch irgendwie stieg mir ein wohliger Duft in die Nase. Mit anfänglicher Scheu und etwas Unbehagen probierte ich von einer grosszügigen Fischplatte. Es wurde mir nicht schlecht davon. Da gab es auch „Dinge“ auf der Platte, die für mich undefinierbar waren, Tintenfische, Krabben, Garnelen, Krebse und sonstiges Getier. Teresita kannte alle mit Namen und tat sich gütlich daran, ich hing unbeabsichtigt den Bauer heraus und lehnte ab. Mein Spanisch war dermassen dürftig, dass ich nur der Spur nach mitbekam, was meine Frau mit der Hotelbesitzerin und den anderen Gästen redete. So trank ich Bier und spanischen Wein, legte den berühmten Schalter in meinem Kopf um und begab mich zur Nachtruhe unter fremden Sternen, die es gar nicht gab. Es waren dieselben wie im Schwarzwald.

Am nächsten Tag nach dem Frühstück gingen wir die Steintreppe hinunter ans Meer. Bei uns in Deutschland hat die Sonne eine unermessliche Anzahl verschiedener Kleider, auch Wolken genannt. Hier in Spanien zeigte sie sich hüllenlos. Der wolkenlose Himmel gab die Sonne frei, sie war nackt und ihre Temperatur war für mich gewöhnungsbedürftig.

Zu Fuss erkundeten wir den Strand und bestiegen den Fels, das Wahrzeichen von Calpe. Zurück am Strand hörte ich jemand rufen: „Hallo Herr Kern“. Hatte ich richtig gehört? , hier kennt mich doch niemand.

Es war mein Chef mit seiner Familie. In Begleitung einer befreundeten Familie war er schon in einem früheren Jahr in Calpe. Er hatte sein Motorboot dabei und fuhr Wasserski. Wir verabredeten uns abends in die damals bekannte „Bobbys  Bar“ zu Flamencotänzen. Den feurigen Tänzerinnen widmete ich weit mehr Aufmerksamkeit als den Tänzern, an die kann ich mich nicht mehr erinnern.

In den folgenden Tagen holte ich mir einen ansehnlichen Sonnenbrand, entsprechend zeigte sich meine Laune.

Die Hotelbesitzer luden uns eines Abends zu sich in Ihren Club ein. Einige Kilometer ging es die schmale Küstenstrasse entlang Richtung Süden. Ein exklusiver Bau in maurischem Stil erhob sich vor uns, es schien vom Meer aus, als wäre er auf einer Zinne in eine steile Felswand gehauen. Die Zufahrt erfolgte vom Hinterland aus. In der Mitte des Hauses war ein riesiger Saal mit Schwimmbad. Darum herum bildete eine Säulenhalle mit grossen und kleinen Tischen, alle unter echten Palmen stehend, eine feudale Kulisse. Für mich schien das ganze Milieu traumhaft unwirklich. Es hatte so gar nichts mit dem Flair vom Spiegelsaal in Beckhofen gemein. Ich muss gestehen, dass ich mich zum Leidwesen meiner Holden nicht sehr wohl fühlte. Alle um mich herum waren locker drauf, lachten, sangen „La Bamba“ und  tanzten wie der berühmte Lumpen am Stecken. Danach warfen sich die Leute mitsamt den Kleidern ins Wasser. Ich fühlte mich deplaziert und gehemmt, hatte Angst um meine schwangere Frau, wie sollte ich sie als Nichtschwimmer aus dem Wasser retten?

Ich hatte Glück, vielleicht machte ich so ein griesgrämiges grimmiges Gesicht, dass sich keiner traute, weder mich noch meine Frau ins Wasser zu werfen. Ob ich mich in dieser Nacht mit Alkohol betäubte oder nicht, weiss ich nicht mehr.

Als Urlaubsmensch war ich jedenfalls nicht geboren und wollte auch nicht üben, mich wenigstens für vierzehn Tage von meiner besten Seite zu zeigen. Was hatte sich doch meine Frau für einen A...h geangelt. Etwas Positives hatte dieser Urlaub trotzdem, mein Gaumen und meine Zunge fanden immer mehr Geschmack an diversen Fischgerichten. Einmal rauchte ich zu Studienzwecken eine Zigarre, nur um ein Gefühl zu bekommen, wie manche Männer so einen „Suckel“ brauchen, um rundum glücklich zu sein. Es wurde mir sehr langweilig bei dieser „Pafferei“ und ein Glücksgefühl, wie es die Genussraucher immer beschrieben, stellte sich bei mir auch nicht ein. Schon war ich wieder um eine Erfahrung reicher, aber deshalb nicht ärmer. Als wir die Heimfahrt antraten, meldeten sich bei mir echte Glücksgefühle, ich hatte einige Mühe, sie zu verbergen. Zudem hatten meine Frau und ich so eine unbeschreibliche Sehnsucht nach unserem Töchterchen. Wir waren uns einig, in Zukunft nur noch gemeinsam mit unserem Nachwuchs den Urlaub zu verbringen. Urlaub im eigentlichen Sinne kannte ich in unserer Familie nicht. Er wurde von Vater immer genutzt um im Betrieb oder im Büro in aller Ruhe Arbeiten erledigen zu können, die während der Hektik des Jahres hinten an zu stehen hatten. Unbewusst war dies ein „Fahrwasser“ für mich, in dem ich mich uneingeschränkt wohl fühlte, an dem ich nichts Negatives fand und es so auch nie in Frage stellte. Meine Mutter wäre nach vielen Jahren Schufterei gerne mal in Urlaub gefahren, einfach mal von zu Hause weg, ohne jeden Tag am Herd zu stehen. Einmal fuhr mein Vater tatsächlich mit ihr in den Schwarzwald und buchte in einer einfachen Wirtschaft mit Pension ein Zimmer. Nach zwei Tagen mussten sie zurück, weil unser Oma, die Mutter meiner Mutter gestorben war. Heute würden die jungen Frauen, konfrontiert mit solchen altertümlichen Gebaren der Männer, scharenweise weglaufen. Sie würden alles zurücklassen, auch die Kinder, um sich selbst zu verwirklichen, um ihr bisheriges Hundeleben für ein neues, aber für eine begrenzte, überschaubare Zeit lang viel spannenderes, prickelnderes Elend zu tauschen.

Bald hatte uns der Alltag wieder. In der Zwischenzeit war die Betriebskantine fertig. Dort nahm ich dann das Mittagessen ein. Zur Entspannung spielte ich danach meist noch mit drei anderen leitenden Angestellten ein simples Spiel – Mau-mau. Abends konnte es bei meiner Heimkehr vom Betrieb auch dann und wann mal spät werden, nicht nur der Arbeit wegen. Unterwegs gab es den “Adler“ in Hochemmingen, damals eine alte, aber urgemütliche ländliche Gaststätte. Dort galt es ab und zu, noch einen Sprudel als Absacker nach getaner Arbeit zu sich zu nehmen, dabei zu fachsimpeln, die kurz- und längerfristige Strategie der Betriebsführung zu überdenken, einfach Gedanken auszutauschen, den einen oder anderen Witz zum besten zu geben, das hat mir gut getan. So geschah es in einer lauen Nacht mitten in der Woche, dass ich lange nach der Polizeistunde heimkam und aus irgendeinem Grunde den Hausschlüssel vergessen hatte oder ihn nicht fand. Es blieb mir nichts anderes übrig, als meine Frau aus dem Schlaf zu klingeln. Das ist im Grunde nichts Schlimmes. Leider drückte ich auf die unterste Klingel und es dauerte nicht lange, da ging im Erdgeschoss die Balkontüre auf und vor mir stand im Nachthemd die Frau des Hausbesitzers. In mehr oder weniger verständlichem Deutsch entschuldigte ich mich, dass ich den falschen Knopf erwischt hätte und sie begab sich wieder hinein. Als ich danach wieder versuchte, den obersten Klingelknopf zu betätigen, muss ich etwas daneben gelangt haben. Im zweiten Stock ging die Balkontüre auf und die Schwester des Hausbesitzers zeigte sich mir im Negligé. Nun war ich völlig irritiert und verwirrt, entschuldigte mich ein weiteres Mal. Es war nun „genug Heu“ unten, ich riss mich zusammen und fixierte den obersten Knopf, dabei gelang es mir, meine Frau aus dem tiefsten Schlaf zu wecken. Sie hatte immer einen sehr guten Schlaf, ich hätte mich, mit Hausschlüssel in der Tasche, neben sie legen können, mit oder ohne Kleider, ohne dass sie es gemerkt hätte. Sie wollte den Türöffner betätigen, das ging aber nicht, da der Hausbesitzer nachts von innen abschloss, folglich kam auch sie schlaftrunken im Bademantel herunter und nahm mich liebevoll in Empfang. Da ich im Grunde genommen immer ein braves Bürschchen war, ich meine familiären und ehelichen „Pflichten“ nie als Last, sondern nur als reiner Freudenquell empfand, nahm sie mich halt so wie ich war, frei nach Konrad Adenauer: „Man muss die Menschen nehmen, so wie sie sind, es gibt keine anderen“.

Die Frau eines Fabrikanten aus Schwenningen suchte per Inserat eine Person, die ihr spanisch beibringen sollte. Meine Frau meldete sich. Die Leute hatten ein Ferienhaus in Spanien und die Dame wollte endlich mit den Einheimischen reden können und sich besser in den Geschäften verständigen können. Sie kam regelmässig zu uns nach Hause. Gleich zu Anfang brachte sie eine Flasche guten Cognac mit. Vor jeder Unterrichtsstunde gönnten sich die beiden ein kleines Schlückchen, dann paukten sie zusammen und bald zeigten sich die Früchte dieser Arbeit und dieser neuen Beziehung.

Der Winter rückte heran und unser zweites Kind strampelte kräftig im Bauch meiner Frau. Da galt es, im nächsten Jahr eine andere Wohnung zu suchen.

In der ersten Januarhälfte kam dann unser Sohn Carlos bei Vollmond zur Welt. Damals war es noch nicht üblich, dass die Väter bei der Geburt der Kinder ihrer Frauen dabei waren. Doch dass ich beim Abholen im Krankenhaus im Arbeitsmantel kam, beeindruckte meine Frau, entsprach es doch voll dem Klischee, dass selbst der Bürgermeister vor einer Trauung noch seinen Mist auf das Feld zu fahren hatte. Die Familie war nun komplett mit Mutter, Vater, Tochter und Sohn. Unser Jüngster konnte früh laufen.

Nun zogen wir um in den zehnten Stock eines Hochhauses am Schwenninger Stadtrand, im Gewann Dickenhardt. Vom riesigen Balkon aus, begehbar durch Küche, Wohnzimmer und Schlafzimmer hatten wir einen ungetrübten Blick ins Grüne. Unter uns ein Bauernhof mit Pferden auf der Koppel. Die Kinder bekamen ihr eigenes Kinderzimmer, hinein kam ein Etagenbett mit einer kleinen Leiter. So konnte Carlos mühelos ins obere Bett klettern. Das machte besonderen Spass. Das Wohnzimmer mit integriertem Esszimmer lag in der Mitte der Wohnung und wurde auch zum Mittelpunkt. Die Küche war gross, so dass wir Tisch und Eckbank gut stellen konnten und bequem zu viert essen konnten. Nur wenn Besuch kam, wurde die Essecke im Wohnzimmer genutzt.

Bad, Elternschlafzimmer und Kinderzimmer waren nur durch einen kleinen Flur, den wir mit einem schönen Vorhang vom Wohnzimmer getrennt hatten, erreichbar. Eine separate Gästetoilette lag im Eingangsflur. Dies war der einzige Raum mit künstlichem Licht. In dieser Zeit mussten wir uns von unserem mit Luft gefederten Auto trennen. Ich übergab es für tausend Mark an einen Gebrauchtwagenhändler. Wir kannten uns persönlich, da er noch eine Poliererei betrieb. Die hinteren, hydropneumatischen Federbeine hatten ihren Dienst versagt, so dass das Auto hopste wie ein wild gewordener Bock. „Ich werde das reparieren und wieder verkaufen“, sagte er zu mir. Als ich ihn später traf, war er sauer auf mich und wollte mich beschuldigen, ihm ein absolutes Schrottfahrzeug verkauft zu haben. Er hatte schon einen Käufer dafür. Als er dann auf dessen Wunsch die Anhängerkupplung abbauen wollte, brach die ganze Hinterachse mitsamt der zugehörigen Hydropneumatik irreparabel zusammen. Ich konnte ja nichts dafür. Zuvor bin ich mit dieser rollenden „Zeitbombe“ nicht gerade in gemächlichem Tempo mehrere tausend Kilometer nach Spanien und zurück gefahren. Unser nächstes Fahrzeug war dann ein gebrauchter Renault R4. Er sollte unserer finanziellen Situation entsprechen. Mein Vater sagte dazu nichts und ein Nichtssagen bedeutet hier im Schwarzwald seit ewigen Zeiten ein dickes Lob.

Von Schwenningen aus lief morgens und abends ein Firmenfahrzeug, dort konnte ich mitfahren. So hatte meine Frau unser kleines Auto für sich und konnte mit den Kindern zum Einkaufen und ins Schwimmbad gehen.

In der Nähe unseres Domizils befand sich ein Kindergarten. Dort trafen unsere Kinder auf andere Kinder und auch wir Eltern fanden Freunde. Die Kindergartenfeste waren beliebte Treffpunkte um mit anderen Eltern Termine für weitere Freizeitaktivitäten an Wochenenden auszumachen. Wir trafen uns in Schrebergärten und an Waldrändern zum Picknick, machten Spiele mit den Kindern, vesperten zusammen, tauschten Gedanken über Gott und die damalige Welt aus. Eine fast heile Welt lag uns zu Füssen.

Im Nachhinein kann ich aus meiner Sicht diese Zeit im Hochhaus als schöne Zeit bezeichnen. Im Flur war gegenüber unserer Eingangstüre der Müllschlucker. Darin verschwand unsortiert alles Unbrauchbare. Unser Sohn warf mit Stolz seinen ausgelutschten Schnuller hinein, als er glaubte, ihn nicht mehr nötig zu haben. Auf jeder Etage gab es vier Wohnungen, zwei grössere und zwei kleinere mit jeweils identischem Grundriss. Sie waren spiegelbildlich angeordnet und durch die grossen Fensterfronten sehr hell. In den beiden Aufzügen begegnete man den unterschiedlichsten Menschen. Man konnte selbst bestimmen, mit welchen man näheren Kontakt haben wollte und mit welchen nicht. Die Geräusche der Aufzüge waren nur in der angrenzenden Küche zu hören, ansonsten war es sehr ruhig, besonders im Schlafzimmer. Dort war ausser dem eigenen Lärm nichts zu vernehmen. Das Kopfende unseres Doppelbettes stand an der Aussenwand der Nordseite. In einem Meter Abstand ging es über dreissig Meter in die Tiefe, ein Abgrund, wenn man sich die Mauern rundum wegdenkt. Solche Gedanken beschäftigten mich damals nicht.

Wenn wir abends irgendwo zu Besuch waren, nahmen wir unsere Kinder immer mit. Während unsere „Grosse“ nie müde wurde, um nichts zu verpassen, machte es sich unser Sohn bequem, wo gerade Platz war, meist suchte er sich einen Teppich in einer Ecke oder unterm Tisch und bald schlief er ein. Zuvor hat er sich bei uns stets vergewissert, dass wir ihn auch mitnehmen, wenn wir gehen. Er wachte nie auf, wenn wir ihn ins Auto trugen, auch nicht wenn wir ihn zu Hause auszogen und ins Bett legten. Überall und in jeder Situation schlafen zu können spiegelt auch ein grenzenloses Vertrauen in seine Mitmenschen und seine Umgebung wieder.

Die Auftragslage im Betrieb, in dem ich angestellt war, liess dank der Ideen der Unternehmerfamilie keine Wünsche offen. Der Chef selbst kreierte für die Olympiade 1972 in München Uhrgehäuse der besonderen Art. Die Herren in der Mustermacherei verstanden es, seine Ideen eins zu eins in die Tat umzusetzen. Entsprechend kamen die Aufträge. Als noch niemand an Globalisierung dachte, hatte der Firmeninhaber schon rege Kontakte nach Spanien. Einige Zulieferprodukte schienen ihm sehr dafür geeignet zu sein, dort produziert zu werden. Die vom Steuerberater ausgearbeiteten Verträge lagen bereit zur Umsetzung. Leider wurde mein Chef sehr krank. Es folgte für ihn eine beispiellos harte Leidenszeit. Hoffnung und Niedergeschlagenheit gaben sich dauernd die Hand. Mit ungeheurer Energie und neu aufflammendem Lebensmut kämpfte er wie zuvor um seinen Betrieb, nun um sein Leben. Nur zehn Jahre älter als ich, im Olympiajahr 1972, klingelte es eines Morgens an der Eingangstür der Firma. Ich war gerade im Büro bei der Chefin. Sie nahm den Hörer der Türsprechanlage ab. Statt seinen Namen zu nennen, hörte ich eine feste Stimme sagen: „Hoher Besuch aus Amerika“. Während die Chefin auf den Knopf drückte rätselte sie genauso wie ich, wer das wohl sein könnte. Es war ihr todkranker Mann, gekleidet in Anzug und Krawatte. Total abgemagert zog er sich mit letzter Kraft am Treppengeländer hoch. Er kam mit dem Taxi, da er völlig entkräftet war und nicht mehr selbst fahren konnte. Vor kurzem war er achtunddreissig geworden, nun wollte er ein letztes Mal vorbeikommen, um sich zu verabschieden. Seine Frau war sichtlich geschockt über die letzte Energie, die ihr Mann aufbot, um sich noch einmal in die Firma fahren zu lassen. Sie fand keine Worte, ich auch nicht. Er nahm mich bei der Hand, führte mich ein paar Schritte abseits ins Musterzimmer, nahm seine Sonnenbrille ab, schaute mir in die Augen und sagte mir eine Lebensweisheit, die ich bis zu diesem Tag nicht kannte: „Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren“ - „ich muss mich endgültig geschlagen geben“. Seine dunklen Augen lagen schon so tief in ihren schwarz umrandeten Höhlen, dieser Anblick hat mich so beeindruckt, ich konnte für den Rest des Tages weder einen klaren Gedanken fassen, noch eine sinnvolle Arbeit in Angriff nehmen. Ich lernte ihn kennen als äusserst motivierten, dynamischen Mann mit enormer Willenskraft, vom Typus her athletisch und durchtrainiert, auf der anderen Seite sehr feinfühlig und kreativ. Für Probleme, vor denen andere kapitulierten, suchte er und fand er immer eine Lösung. Im Vordergrund stand für ihn stets das „Tun“, nicht das darüber reden.  Jetzt nur noch Haut und Knochen, ein „Häufchen Elend“ würde der Volksmund titeln. Er war kein Häufchen Elend, das traf nicht auf ihn zu. Mit aufrechter Körperhaltung und mit Würde, trotz unerträglicher Schmerzen,  machte er uns seinen Abschied schwer. So wurde er in meinem Leben zu einem der wenigen Männer, die mich prägten, positiv prägten. Wenige Tage nach dieser letzten Begegnung mussten wir ihn unter grosser Anteilnahme, auch seitens der Geschäftspartner, zu Grabe begleiten. Seine Schaffenskraft war erloschen. Sein begonnenes Werk wurde fortgeführt.

Für mich nahte die Zeit meiner beruflichen Weichenstellung. Noch zu Lebzeiten des Chefs hatte ich meinen Nachfolger komplett in die Materie der Arbeitsvorbereitung eingeweiht und auch eingearbeitet. Er wohnte gleich in der Nachbarschaft zum Betrieb, war sehr engagiert und sprühte vor Elan. Ich brauchte mir keine Sorgen machen um die weitere Abwicklung der Aufträge.

Damals war mein Vater sechzig. Ich erlebte mit, wie er nur noch von früh morgens bis abends spät im Büro anzutreffen war. Zuständig war er damals für die Arbeitsvorbereitung und für einen Teil des Bestellwesens. Ihm oblag es, sich vorwiegend um die unpünktlichen Lieferanten und alle damit zusammenhängenden Probleme zu kümmern. Ich konnte es bald nicht mehr mit ansehen, wie er keinerlei Freizeit mehr hatte. Er kam einfach nicht mehr dazu, seinen Garten so auf Vordermann zu bringen, wie es meine Mutter gerne gehabt hätte. Ich stand also bereit, sozusagen in den Startlöchern, um meinen Vater in seiner Arbeit zu entlasten. Meine Mutter begrüsste mein Ansinnen. „Sprich mit ihm darüber“, gab sie mir zu verstehen. Über welche Themen hatte ich bisher mit meinem Vater geredet? Über keine, musste ich feststellen. Seit jeher ging alles seinen Gang, jeder hatte in diesem Familienbetrieb seine Aufgabe, jeder gab sein Bestes. Wer war jeder? Mein Vater Karl, er hatte denselben Vornamen wie sein Vater, war der Älteste von drei Brüdern. Karl Kern senior und Karl Kern junior war die offizielle Nennung und Unterscheidung der beiden. Onkel Willi war zwei Jahre jünger als mein Vater und Uhrmacher, sein Gebiet war die Endmontage, die Qualitätskontrolle und die Reparaturabteilung. Onkel Erich, der jüngste von den dreien, er lebt noch, war für den kaufmännischen Bereich, für die Personalführung, die Löhne, den Einkauf und das Lagerwesen zuständig. Dazu kamen die Meister der einzelnen Abteilungen, allesamt aus der Nachbarschaft und langjährige Mitarbeiter der ersten Stunden nach dem 2. Weltkrieg. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Abteilungen waren meist aus dem Dorf und ebenfalls schon Jahrzehnte im Einsatz. Seit jeher zogen alle gemeinsam an dem berühmten Strang. Ich nahm mir vor, mich als jüngstes Mitglied in diese grosse Familie einzubringen, wie „jeder“ andere vor mir.

Es würde nicht einfach werden, dachte ich bei mir. Was ist schon einfach im Leben? Vor allem wenn man kompliziert denken gelernt hat, wenn man damit aufgewachsen ist, nicht wie in anderen Familien üblich, über alles zu reden, sondern über fast alles zu schweigen. Zunächst solle ich mich mit Onkel Erich in Verbindung setzen, er hätte „das Sagen“, riet mir mein Vater. Das war sein ganzer Kommentar, als ich den Vorschlag machte, ihm in der Zukunft kräftig zur Hand zu gehen. So stand ich erneut an einem Scheideweg ohne Wegweiser.

Heute würde ich die drei Brüder zusammenrufen und die Lage besprechen. Damals gab ich mich mit halbherzigen Andeutungen zufrieden und brachte es nicht fertig, wenigstens mit einem etwas höheren Gehalt als in der vorigen Firma einzusteigen. Wenn es um meine persönlichen Ansprüche ging, war ich nie ein „Alpha-Tier“. Wenn ein harmoniebedürftiger Mensch nach Harmonie strebt, kann er sie auch erreichen, allerdings auf Kosten seiner eigenen inneren Harmonie. Diese dabei entstehende Disharmonie ist dann das Abfallprodukt seines Strebens nach Harmonie mit anderen Menschen, denen ein „gesunder Egoismus“ mit auf den Lebensweg gegeben wurde. Man könnte es auch wesentlich einfacher ausdrücken. Entweder du sagst was zu tun ist, oder es wird dir gesagt, was du zu tun hast. Also heuerte ich an ohne genauen Plan. Keiner brauchte Sorge um seinen Arbeitsplatz  zu haben. Ich hatte auch nicht die Absicht, den ganzen Betrieb umzukrempeln oder gar auf den Kopf zu stellen.

So bekam ich zunächst kein fest umrissenes Aufgabengebiet zugeteilt. Es ging mir zunächst in erster Linie darum, in kurzer Zeit den Ist-Zustand der betrieblichen Abläufe zu erfassen. Die Organisationsstrukturen waren durch jahrzehntelange Praxis mit den Erfordernissen dieser Zeit gewachsen und zeigten sich, von innen gesehen, trotz mancher Schwachstellen, fast ausgereift.

Später werde ich in einem anderen Kapitel näher auf die Uhrenindustrie im Einzelnen und unsere Firma im Besonderen eingehen. Dabei spielte das  Verhältnis zu meinem Bruder, er kam wenige Zeit später hinzu, eine tragende Rolle. Wir beide verstanden und verstehen uns auch heute noch sehr gut.

Im ersten Jahr nahm ich keinen Urlaub. Wir wollten sparen auf einen gemeinsamen Urlaub mit unseren Kindern. Zudem gingen die Kinder noch nicht zur Schule und entsprechend reduzierte sich der Flugpreis. Es sollte in die Heimat meiner Frau nach Perú gehen. Unsere knappe Reisekasse erfuhr eine Aufbesserung, mit der wir nicht gerechnet hatten. Ich bekam eine Sonderzahlung auf meinen fast zuteilungsreifen Bausparvertrag. Dabei stellte sich heraus, dass ein Teil dieses Geldes auf diesem Vertrag fehl am Platze sei. Dies teilte mir meine Bausparkasse mit. Ich liess mir diesen Teil auf mein Girokonto überweisen, er wurde für die Flugtickets eingeplant.

Mein Bruder fuhr uns im Dezember 1973, es war noch vor Weihnachten, bei dichtem Schneetreiben nach Zürich. Mit einer Maschine der holländischen Fluggesellschaft KLM ging es über Amsterdam mit Zwischenlandungen in Curacao, Caracas, Panama und Guyakil nach Lima. Das Gefühl, mitten auf dem Ozean zu fliegen, und der Gedanke, dass stundenlang kein Land und kein Flughafen in Sicht kommen würde, drückte auf mein Gemüt, während meine Frau entspannt schlief. Endlich Land in Sicht, unter uns lagen die niederländischen Antillen wie Perlen im Sonnenschein. Curacao war erreicht, es wurde ein kurzer Stopp zum Auftanken. Bald sahen wir die Nordküste von Südamerika. Kaum in Caracas gelandet tönte aus den Bordlautsprechern die Melodie „What a wonderful day“, es kamen junge kaffeebraune Mädchen ins Flugzeug. Während sie das Flugzeug reinigten, sangen sie diese Melodie mit. Die Passagiere durften kurz aussteigen. Nun befand ich mich zum ersten Mal auf einem anderen Kontinent, in einer anderen Welt. Es war so heiss, unsere Winterkleidung, in der wir in Europa aufbrachen, klebte uns auf der Haut.

Die Luft über dem Rollfeld flimmerte vor Hitze. In Panama war die nächste Zwischenlandung. Die Nahtstelle zwischen Mittel- und Südamerika tauchte auf, der Panamakanal. Wie kleine Modelle sah man die Schiffe aus dem Flugzeug.

Schon bei der Landung hatte unsere „Grosse“ solche Ohrenschmerzen dass sie schrie. Das konnte nicht nur durch die Druckunterschiede in der Kabine kommen. Sie hatte einen heissen Kopf und Fieber. Ich litt furchtbar mit ihr. Wir hatten doch noch einige Stunden vor uns. Solch grosse Entfernungen kannte ich nicht aus eigener Erfahrung, so viele Kilometer fahre ich mit dem Auto in einem Jahr. Nun kam der Start in Panama. Mittlerweile kannte ich diese Prozedur. Die Startbahn wurde freigegeben, das Flugzeug, eine  DC 10, beschleunigte voll. Wir sassen genau über den Tragflächen und spürten die enormen Kräfte der Turbinen. Die Landschaft flog nur so vorbei. Gerade in dem Moment, als das Bugfahrwerk vom Boden abhob, tat es einen ohrenbetäubenden Knall, das Flugzeug fing an zu hopsen, dass die Flügel schlackerten. Sofort schaltete der Pilot auf Rückschub. Ich drückte meinen knapp dreijährigen Sohn an mich und schaute ängstlich aus dem Fenster, sah auf die Tragflächen, die sich wie die Schwingen eines grossen Vogels auf und ab bewegten. Das Meer kam immer näher. Wann hält die Maschine? Kann sie der Pilot auf der schmalen Startbahn halten? Fährt er über die Absperrung hinaus? Stürzen wir ins Meer? Kommt nun der Tod für uns alle? Diese bangen Minuten bzw. Sekunden werde ich nie vergessen, bis die Maschine knapp 50 Meter vor der Absperrung zum Stehen kam. Die Feuerwehr und die Rettungsfahrzeuge, die hinter uns herrasten, brauchten zum Glück nicht eingreifen. Über fahrbare Treppen konnten wir die Maschine verlassen und wurden in Bussen zum Flughafengebäude zurück gefahren. Was war passiert? , ein Reifen des Hauptfahrwerks war geplatzt. Das Flugzeug wurde zurückgeschleppt zur Reparatur und zur Überprüfung. Es dauerte mehrere Stunden, wir bekamen zu essen, mir schmeckte es nicht mehr. Spätestens ab diesem Erlebnis war mir die Lust am Fliegen, die ich eigentlich nie hatte, vollends vergangen. Meine Frau sprach noch mit dem Piloten vor dem erneuten Start. Abheben und Fliegen wäre möglich gewesen, doch die Landung in Guyakil wäre mit defektem Fahrwerk zur Katastrophe geworden. Nun war mir auch klar, warum die Startbahnen so lang sein müssen und warum der Pilot in Bruchteilen von Sekunden den Rückschub einlegte. Beim erneuten Start sass mir die blanke Angst in den Knochen. Erst damals wurde mir richtig bewusst, aus welcher Ferne ich meine Frau nach Europa holte. Die Landung in Guyakil brachte unserer Tochter wieder starke Ohrenschmerzen. Sie hatte unterwegs die Masern bekommen. Dann ein letzter Start. Der Flug nach Lima ging an der pazifischen Küste entlang, rechts das Meer und der Strand, links die Anden und der Urwald. Endlich kam Lima in Sicht, die Hauptstadt von Perú. Für mich machte der Blick von oben auf diese Millionenstadt einen überwältigenden Eindruck. Die Landung ging glatt, sie fühlte sich an, als ob dir eine zarte Frauenhand den Bauch streichelt.

Endlich da, bald wird sich jemand um unser krankes Kind kümmern, hoffentlich kommen wir gut durch die Pass- und Zollkontrolle, das waren meine Gedanken. Ich dachte an den Schwarzwälder Speck und die geräucherten Bratwürste in unserem Gepäck. Diese Köstlichkeiten waren illegale Einfuhren und für Ludwig, den Exschwarzwälder und Stiefvater meiner Frau gedacht. Doch Ludwig kannte sich bestens aus in der „Szene“. Der Umgang mit den entsprechenden Leuten am Flughafen war ihm geläufig. Er erwartete uns bereits an einem Zollschalter, an welchem „zufällig“ ein „sehbehinderter“ Beamter Dienst hatte. Dafür waren seine Innenhandflächen wesentlich sensibler. So war diese erste Hürde genommen. Wir stiegen in sein Auto, fuhren durch Vorstädte, es wurde rechts und links überholt, rote Ampeln ignoriert, beim Abbiegen Handzeichen gegeben, für mich ein unübersichtliches Chaos. So gelangten wir nach Miraflores in die Choquehuanca Nr. 132.  Eine gepflegte Wohngegend. An diese Adresse hatte ich früher meine Liebesbriefe geschickt. Nun waren wir da mit Kind und Kegel. Wir wurden sehr herzlich von meiner Schwiegermutter empfangen. Sie war damals Sekretärin im exklusiven Jockeyclub in Lima. Dieser Club lag etwas ausserhalb Richtung der Anden. Sie hatte sich Weihnachts-Urlaub genommen und kümmerte sich zunächst um ihre kranke Enkelin, die innerhalb weniger Tage wieder gesund war. Und schon stand Heiligabend vor der Tür. Unzählige Onkels und Tanten meiner Frau waren eingeladen. Sie kamen mit ihren Familien. Nicht nur am riesigen Esszimmertisch sassen die Menschen, im Wohnzimmer, in der Küche, auf der Treppe, auf der Galerie, überall wurde gegessen und getrunken. Zudem fand sich genügend Platz für Tanz und Unterhaltung. Ich selbst kam mir vor wie ein Analphabet, verstand einiges, aber nur der Spur nach und war ständig auf die Übersetzungen meiner Frau und von Ludwig angewiesen. Da ärgerte ich mich masslos über meine Faulheit in punkto Sprache. Manch einer wäre froh gewesen, von solch einer hübschen und attraktiven Lehrerin ran genommen zu werden.

So blieb mir bei diesen Begegnungen kaum etwas anderes übrig als die vielen fremden Menschen zu beobachten, ihr Mienenspiel und ihre Gesten zu studieren und zu interpretieren, ihnen mit Whisky oder Bier zuzuprosten. Ich lernte viele hübsche blonde, schwarze und brünette Kusinen kennen. Sie waren alle wohlgeformt und strapazierten meine Augen über Gebühr. Es gab sie nur deshalb wie Sand am Meer, da meine Schwiegermutter eine grosse Zahl an Geschwistern aufzuweisen hatte.

So waren wir fast jeden Abend bei einer anderen Familie zu Gast. Whisky war für mich bis dahin ein fast unbekanntes Getränk und er setzte mir anfangs ganz gehörig zu bis ich auf den Trichter kam, ihn zwischendurch mit grossen Schlücken Wasser zu entschärfen.

Einmal nahm mich Ludwig am helllichten Tag mit zu seinem tschechischen Freund Djenko. Seine Frau Maria bereitete leckere Häppchen und zog sich ins Haus zurück. Zu dritt sassen wir Männer an der exklusiven Hausbar. Sie war durch einen grossen roten Vorhang von der Diele getrennt. In den Spiegeln konnte ich feststellen, dass ich keine gute Figur abgab. Gespannt, gedrückt, bedeppert sass ich auf einem Leder bezogenen Barhocker. Ich traute mich nicht, Wasser zum Whisky zu verlangen und traute mich auch nicht, denselben in die Blumen zu kippen, so trank ich eifrig mit den beiden und hatte mir zum Schluss eine überdimensionale „Kiste“ eingehandelt, die beim Abtransport überall aneckte. Als ich an die frische Luft kam, fiel mir als erstes die Strasse ins Gesicht. Was danach passierte, habe ich nur noch vage in Erinnerung. Jedenfalls, als wir nach Hause kamen, schimpfte meine Schwiegermutter gehörig mit ihrem Mann und meine Frau mit mir, ich verstand zwar nur Bahnhof und dass dort die Weichen irgendwie falsch gestellt waren. Von da an gelobte ich Besserung, was mir auch gelang. Selbst an Silvester 1973/1974, mitten im Sommer, wir waren zur Party eingeladen bei einer vornehmen Familie in einem riesigen Haus. Der prächtige Garten war von hohen Mauern umgeben und nur durch schwere bewachte Eisentore zu betreten. Mauern haben die Eigenschaft zu schützen, sie können aber auch auszugrenzen. Dieses Haus war voll unterkellert, Keller ist nicht der richtige Begriff für eine Beschreibung. In der Bar wurde gefeiert. Sie hatte eher die Ausmasse einer Diskothek, entsprechend war auch die Zahl der eingeladenen Gäste. Es wimmelte nur so von exotischen Schönheiten. Was es zu essen gab, weiss ich nicht mehr, die extravagant und meist knapp bekleideten Damen legten mein Denken lahm. Die Farben der Frequenz gesteuerten Lichtorgelbirnen tauchten die ganze Gesellschaft in ein Milieu, wobei die Farbe rot leicht dominierte. Gleich zu Anfang verdünnte ich den Alkohol dermassen mit klarem Wasser, dass ich weder Kopfweh noch sonstige Ausfallerscheinungen zu verbuchen hatte. So begann das neue Jahr auf dem anderen Kontinent mit Würde und in aufrechter Körperhaltung. Während unsere Kinder in bester Obhut in Lima blieben, buchten meine Frau und ich eine Reise nach Cuzco, der ehemaligen Inka-Hauptstadt hoch in den Anden. Das Flugzeug brachte uns in 3.500 m Höhe. In solchen Höhen war ich nie, man merkte schon, dass die Luft etwas dünner war dort oben. Der Baustil der Mauern und Häuser faszinierte mich sofort. Riesige Steine waren so präzise behauen und lückenlos ohne Mörtel ineinander verzahnt. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Die Kathedrale, ausgestattet mit Gold in unvorstellbarer Grössenordnung, und das hoch oben in den Bergen, gab mir den Eindruck, in eine andere Welt geraten zu sein. Ein einfaches aber sauberes Hotelzimmer beherbergte uns in der Nacht. Am nächsten Morgen ging es mit dem Taxi hoch auf den nahe liegenden Berg. Es bot sich ein grandioser Überblick auf die Stadt und auf die wilde Berglandschaft. Danach fuhren wir zum Bahnhof. Von da aus sollte es mit der legendären Bahn weitergehen. Einheimische in bunten Kleidern und Touristen aus vielen Ländern stiegen ein. Die Gleise führten uns über enge Schluchten, es ging auf und ab, um Berggipfel herum, ich hatte ein ungutes Gefühl, wenn die Reisenden beim überqueren von abenteuerlichen Brücken alle auf eine Seite standen, um in die Abgründe zu blicken. Immer dann schaute ich auf der Bergseite hinaus um wenigstens ein Gegengewicht zu bilden. In engen Kurven sahen wir die Lok und einen Begleiter, der zu Fuss über die Dächer des Zuges lief. An einem Seil, das bis zum Lokführer reichte, gaben sich die beiden Kommandos, wenn sich der Zug abwechselnd vor und zurück bewegen musste, um so besondere Steilstücke zu überwinden. Dieses Seil ersetzte den Sichtkontakt. Es waren dann jeweils die Weichen von Hand zu stellen. Beim Wieder anfahren rutschten oftmals die Räder der Lokomotive, sie fauchte und zischte wie ein Drachen, dann sprangen andere Helfer ab und warfen Hölzer und Reisäste darunter, bis der Zug in Schwung war. Dann sprangen sie wieder auf den fahrenden Zug. Es ging durch enge Flusstäler mit üppiger Vegetation. An urigen Bahnhöfen standen Einheimische und verkauften Proviant an die Reisenden. Manche stiegen zu mit ihren Hühnern und Ziegen, um sie auf Märkten zu verkaufen. Die braunen zerfurchten Gesichter der Menschen spiegelten das karge und entbehrungsreiche Leben in diesen Regionen wieder. So hielt der Zug an einer Talstation. Wild romantisch schlängelte sich der Urubamba parallel zu den Gleisen. Grüne und graue VW-Busse warteten auf uns. Als ich die Reifen dieser Gefährte sah und mit unseren Sicherheitsstandards in Deutschland verglich, wurde mir ganz anders. Schon von unten sahen wir die staubige Strasse in Serpentinen den Berg erklimmen. Offenbar lieferten sich die Fahrer mit ihren überfüllten Kleinbussen Konkurrenzkämpfe. In den engen Kurven hupten sie und gaben im zweiten Gang Vollgas, so lenkte zum einen das Hinterteil der Busse mit Heckantrieb selbst und zum anderen wollte sich keiner die Blösse geben, mangels Schwung in den ersten Gang zurückschalten zu müssen. Vollbesetzt hätte die nächste Gerade nicht ausgereicht, um wieder auf die nötigen Tourenzahl zu kommen. Das wäre eine Blamage vor den Kollegen gewesen. In einer Kurve mit Gegenverkehr schrie ich: „Bist du verrückt, du Arschloch“, meine Frau versuchte, mich zu besänftigen, zum Glück verstand der Fahrer nicht, was ich rief. Ich hatte meinen Gefühlen Luft verschafft. Wo war ich da nur hin geraten, alles Wilde oder was? Oben angekommen auf Machu Pichu, dem Domizil der Inkas, wichen meine Ängste einem nie gekannten Gefühl von erhabener Einmaligkeit. Nicht umsonst würden diese Stätten in späteren Jahren als Weltkulturerbe in die Menschheitsgeschichte eingehen. Bei strahlendem Sonnenschein konnten wir die Bauwerke einer erst im 20. Jahrhundert entdeckten Hochkultur begehen. Um auf hohe Berge zu gelangen, bleibt einem nichts anderes übrig, als tiefe Täler zu durchschreiten, diese Erkenntnis sollte mir im späteren Leben noch öfters begegnen. Ich kehrte mit meiner Frau nach Lima zurück, die ganzen Eindrücke hatte ich auf mehreren Diafilmen festgehalten. Es folgten mehrere Ausflüge in den exklusiven Hockeyclub, in die Berge, ans Meer. Eines Abends, als die Frauen guten Rat zu Hause schoben, sass ich mit Ludwig an der Theke im deutschen Club in Lima. Wir assen eine Kleinigkeit, rohen weissen Fisch mit Zitrone beträufelt und mit mir unbekannten Kräutern gewürzt. Zunächst kostete ich in zurückhaltender Landmanier davon, kam aber mit jedem Bissen mehr auf den guten Geschmack. Ludwig trank seinen Whisky, ich mein Pils. Es ging nicht lange, da bekam ich ein seltsames Gefühl, als ob sich mein Barhocker bewegen würde. Ich hatte doch erst ein Bier getrunken. Nun hielt ich mich am Tresen fest und schaute mich ängstlich um in die Tiefe des Lokals. Als dann noch die Kronleuchter zu schaukeln anfingen, geriet ich fast in Panik. Ludwig bemerkte mein sonderbares Verhalten und klärte mich auf. „Das ist ein leichtes Erdbeben, das gibt es hier öfters, wenn es nicht schlimmer wird, können wir sitzen bleiben“. Wir blieben sitzen, die Erde beruhigte sich nach kurzer Zeit, ein etwas mulmiges Gefühl blieb bei mir zurück. Zu vorgerückter Stunde, ich denke so kurz vor Mitternacht, betraten wir beide in einem anderen Stadtgebiet eine Bar. Sie lag einige Treppenstufen unter einer belebten Strasse. Als wir eintraten, waren sehr viele Gäste anwesend. Das gedämpfte Rotlicht der indirekten Beleuchtung schonte die Augen. Gut gekleidete Damen und Herren sassen oder standen um die halbrunde Theke herum, schlürften ihre Cocktails und unterhielten sich angeregt, die meisten rauchten dabei. An kleinen schnuckeligen Tischchen flüsterten sich Pärchen sinnige Sprüche von Liebe, Lust und Leidenschaft ins Ohr. Da keine Barhocker und keine Tische mehr frei waren, stellten wir uns an die Theke.

Während Ludwig die Bestellung an den Barkeeper gab, streifte mich der Busen einer gut geformten Blondine so rein zufällig. Ich drehte mich um und blickte der Sünde persönlich in die Augen. Das Fegefeuer wurde mir durch  meinen zweiten Blick in ihr tiefes Dekolleté offenbart. Aus den Gedanken an die Höllenqualen wurde ich jäh herausgerissen, als in dieser Nacht die Erde erneut bebte. Doch dieses Mal begann die Erde sich vertikal in schneller Folge auf und ab zu bewegen. Die Gläser begannen zuerst zu klirren, dann hüpften sie von den Regalen und Tischen, begleitet von einem Höllenlärm. Ludwig packte mich wild entschlossen am Arm und zog mich aus dem Lokal die Wendeltreppe empor. Draussen auf dem Bürgersteig drängten sich die aus sämtlichen Häusern gestürzten Leute. Alle hatten sichtliche Mühe, dem schwankenden Boden unter sich mit gezielten Balanceversuchen entgegenzuwirken. Ich kam mir vor wie in einer wild gewordenen Strassenbahn, die in schneller Folge bremste, entgegengesetzt wieder anfuhr, dann in unkoordinierter Folge rechts und links abbog, und das alles ohne Haltegriffe für die stehenden Fahrgäste. Die Strassenlaternen schlackerten wie wild geworden, die Lampenverkleidungen fielen herunter, dann gingen die Lichter aus. Vorbeifahrende Autos kamen durch die breiten Risse, die sich in der Strasse aus dem Nichts auftaten, teilweise ins schleudern oder drehten sich in die entgegen gesetzte Richtung. Dieses gespenstische, nur noch von wenigen Autoscheinwerfern beleuchtete Szenario weckte in mir Assoziationen zum Weltuntergang, der ja sowieso irgendwann am Ende anstehen würde. Wann hört dieser „Spuk“ auf? Er hörte auf. Unsere Frauen und die Kinder waren längst schlafen gegangen. Sie wachten durch das Erdbeben erschrocken auf und bemerkten unsere Abwesenheit mit Sorge. Durch das Chaos in den Strassen dauerte unsere Heimfahrt entsprechend lang.

In der folgenden Woche führte uns eine Reise in den Urwald von Perú. Ab Lima ging es mit dem Flugzeug nach Iquitos. Dort treffen sich die Quellflüsse des Amazonas, Maranjon und Ukajali. Zunächst hatte meine Frau im Auftrag ihrer Mutter einen Anwalt in Iquitos aufzusuchen, danach begann die durch Einheimische geführte Urwaldreise. Fernab von jeglicher Zivilisation ging es mit einem Motorboot flussabwärts auf dem Amazonas, er hat an diesem Abschnitt schon eine gigantische Breite von mehreren Kilometern, teilweise konnte man das andere Ufer gerade noch ausmachen. Der Bootsführer lenkte geschickt durch die schnell fliessende braune Brühe, er musste öfters Baumstämmen ausweichen, die der Fluss mit sich brachte. Nach mehrstündiger Fahrt lenkte er sein Boot in einen relativ schmalen Seitenarm mit ruhigem Fahrwasser. Mit viel Gefühl umfuhr er die ins Wasser hängenden grossen Äste. An den Bäumen und an der Färbung der Rinde konnte man den höchsten Wasserstand ablesen. Halt machten wir an einer im Urwald versteckten Siedlung. Die Bewohner nannten sich „Jaguas“. Auf  einem Trampelpfad  fanden wir sie. Dort machten wir Rast. Die Kinder spielten fröhlich, hangelten sich über Baumstämme und badeten in dem braunen Wasser der weit verzweigten Nebenflüsse des Amazonas. Der Gedanke an die sich dort aufhaltenden Piranhas liess mich schaudern. Die Bewohner lebten auf Baumhütten und schliefen in selbst geflochtenen Hängematten. Wir durften  sie in ihren Hütten besuchen und Tauschgeschäfte mit ihnen machen. Gegen Abend, als es fast schlagartig dunkel wurde, erreichten wir mit dem Boot ein Touristencamp im Baumhausstil. Das Abendessen nahmen wir auf der Terrasse ein. Es gab eine Menge exotische Früchte und Speisen. Ich tastete mich mit der nötigen Vorsicht des Unwissenden heran, viel ass ich nicht, aber es reichte zum Überleben. Nach dem Abendessen lud uns der Bootsführer zu einer Krokodilschau im angrenzenden Fluss ein. Es war schon stockdunkel und jeder Mitfahrer bekam eine Taschenlampe. So stiegen wir mit fünf bis sechs anderen Touristen in ein schmales, wackeliges Boot. Vorne und hinten sass je ein Einheimischer mit je einem Paddel. So glitt das Boot fast lautlos durch diese „Geisterbahn“. Geisterbahn deshalb, weil die verschiedenen Urwaldvögel und das sonstige nachtaktive Getier beim vorbeifahren teilweise schauerliche Rufe von sich gab. In dieser mir fremden Welt zeigte der Anführer mit seiner Taschenlampe auf zwei glühende runde Steine. Es waren die Augen der nur knapp aus den Fluten ragenden Krokodile. Diesem Treiben konnte ich keine guten Seiten abgewinnen und war heilfroh, als wir wieder das Camp erreichten. Schlafen unter einem Moskitonetz war neu für mich. Und zum schlafen kam ich auch nicht. Im Raum nebenan schnaufte jemand ganz schwer. Zudem sollte ich zur Toilette in die benachbarte Hütte gehen. Sie war nur über einen mit Bambusstäben befestigten Pfad zu erreichen. Als ich die Türe öffnete, stand ein scheusslicher Hund ohne Fell vor mir. Und vor Hunden hatte ich seit meiner Kindheit Angst. Ich lehnte die Türe wieder an, legte mich unverrichteter Notdürfte wieder auf meine Pritsche und lauschte dem Schnaufen nebenan. So verbrachte ich die Nacht mit prall voller Blase und dachte an den erlösenden Morgen. Da stellte sich heraus, dass der Hund zu unserem Schutz vor Schlangen engagiert war, er sollte mich zur Toilette und zurück begleiten. Das schwere Schnaufen in der Nacht kam nicht von einem Touristen, sondern von einem Tapir, der unter unserem Gemach nächtigte. Ich war heilfroh, als mich nach ein paar Tagen Wildnis die Zivilisation zurück hatte.

Die restliche Zeit in Lima ging wie im Flug vorüber, wir wurden fast jeden Tag bei Verwandten und Freunden eingeladen. Meine Frau entschloss sich, mit den Kindern länger zu bleiben und anschliessend ihre Schwester in Mexiko und meine Grossonkels in USA zu besuchen. Ich selbst flog nach sechs Wochen allein zurück, mein Kopf voll von neuen Eindrücken. Im Gepäck hatte ich über 300 Dias, auf denen ich das Erlebte festgehalten hatte. Nun war ich längere Zeit allein zu Hause. Im den nächtlichen Träumen besuchten mich öfters Urwaldtiere. Tagsüber konnte ich mich in die Arbeit stürzen und das Mittagessen durfte ich bei meiner Mutter einnehmen. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie ich diese Strohwitwerzeit verbrachte oder hinter mich brachte. Meine Frau und unsere beiden Kinder kamen Gott sei Dank gesund und munter von der grossen Reise zurück. Nun waren wir wieder glücklich vereint.

Dieses Jahr 1974 brachte uns bald eine Veränderung. Mein zuteilungsreifer Bausparvertrag liess in uns den Wunsch keimen, in meiner Heimatgemeinde nach einem Grundstück Ausschau zu halten um darauf ein Haus zu bauen. Es gab damals kein Baugebiet und wir fragten deshalb in der Nachbargemeinde. Dort wurden wir fündig, machten in unseren Köpfen eifrig Pläne und beauftragten einen jungen Architekten mit der Planung.

Das Haus sollte in unmittelbarer Nachbarschaft zur Grundschule erbaut werden.

Meine Frau hatte genaue Vorstellungen wie die Einteilung und Ausstattung innen,  sowie der äussere Anblick auszusehen hatte. Nun waren wir Bauherren und zuständig für die Kredite und deren Abzahlung bei Bank und bei  Bausparkasse. Das Honorar unseres Architekten war prozentual an die veranschlagte Bausumme gekoppelt. Wir machten ihm den Vorschlag, dass er sein volles Honorar auch dann bekommt, wenn die tatsächliche Bausumme unterschritten wird. Er ging darauf ein und wie sich im Nachhinein herausstellte, zu seinem und zu unserem Vorteil. Damals war in der Bauindustrie eine Flaute und die Handwerker suchten Arbeit. Dieser Umstand kam unserem Bauleiter gelegen, die Handwerker unterboten sich in ihren Preisen. Als Luxus konnten wir noch einen offenen Kamin und sonstige Extras einbauen lassen, ohne das Budget zu sprengen. So ging ein Winter über den  mit Ytong-Steinen gemauerten Rohbau und im Mai 1975 war Einzug.

Nun ging unsere Tochter gleich nebenan zur Schule und unser Sohn in den Kindergarten in dreihundert Meter Entfernung. In unserer Strasse standen schon mehrere bewohnte Häuser, eines nach dem anderen kam dazu, junge Leute wie wir zogen ein, man kam ins Gespräch miteinander, meine Frau lud alle Familien mit Kindern für Nikolaus zu uns ein. So brauchte der Nikolaus und sein Ruprecht nur einmal in die Strasse kommen. Es war ein gelungener Abend. Daraus wurden im Laufe der Zeit andere Veranstaltungen. Unsere Kellerbar bauten wir selber nach unseren Wünschen aus. Eine frequenzgesteuerte Lichtorgel mit entsprechend bunten Birnen wurde in Eigenarbeit installiert.
Die halbrunde, mit Leder bezogene Theke bekam Polsterwulste für die Ellenbogen der Gäste. Auf diese weichen Wülste sank dann in manch vorgerückter Stunde so manch müder Nachbarschaftskopf. Fasnachtsveranstaltungen folgten, mit Büttenreden, Gesang, Tanz und neckischen Spielen. Gäste aus anderen Ländern durften sich an den Wänden in unserer Bar mit ihrer Signatur verewigen. Der Förster zeigte uns Stellen im Gemeindewald, an welchen wir für eine geringe Gebühr kleine Büsche und Bäume für unseren Garten ausgraben durften. Die Strasse wurde durch Befragung der Anlieger seitens der Gemeinde zur Sackgasse, das war für die Kinder ein kleines Paradies. Meine Frau organisierte sehr bald ein erstes Strassenfest. Dieses feierten wir gemeinsam auf der Wendeplatte. Dazu kamen jedes Jahr, initiiert durch andere Nachbarn, ein Zwiebelkuchenfest und ein Weihnachtsfleischfondue. In der Strasse gab und gibt es immer noch Vollblutmusiker aus den eigenen Reihen, so sind diese Feste mit Live-Musik bis heute Tradition und fester Bestandteil des Sturmbühllebens. Allerdings haben sich auch hier die Zeiten geändert, früher tranken wir zehn Kisten Wein und eine Kiste Mineralwasser, heute ist das umgekehrt. Die teilweise blonden, braunen und schwarzen Köpfe verwandelten sich in über dreissig Jahren in pflegeleichte kurzhaarige aber nicht minder liebenswerte Graurüben.

Mehrere Spanienurlaube habe ich meiner Frau und meinen Kindern mit meiner miesen Laune versaut. Einen besonders, natürlich nicht vorsätzlich, es hat sich so ergeben. Meine Frau bekam durch ihre Sprache sofort Kontakte zu Einheimischen. Da wurden ausgelassenen Fiestas gefeiert, bei denen ich mich deplaziert vorkam. Da wurde palavert, gelacht und getrunken bis spät in die Nacht. Ich ärgerte mich dermassen über mich und meine aus Faulheit nicht gelernte Sprache, dass ich eines Tages ohne meine Familie alleine nach Hause fuhr. Mit einem Kofferraum voller saftiger aromatischer Orangen, die uns ein Plantagenbesitzer pflücken liess, raste ich abends im Nonstop von Valencia nach Hause. In Südfrankreich an einer Autobahnauffahrt, es war in der  Morgendämmerung, nahmen mich zwei Trucks in die Mangel. Einer kam von links, einer von rechts. Irgendwie schnitten sie mir meine Fahrspur ab, ich konnte nicht mehr nachvollziehen, wie es genau war. Vielleicht war ich auch etwas unaufmerksam. Ich musste voll in die Eisen steigen, sonst hätte es Hackfleisch mit selbst gepresstem Orangensaft zum Frühstück gegeben. Nach diesem Erlebnis habe ich mich zusammen gerissen und fuhr den Rest der Strecke mit mehr Aufmerksamkeit.

Wenn es dem Esel zu wohl wird, braucht er nicht aufs Eis zu gehen, er legt sich einen Hund zu, sehnlich gewünscht von Frau und Kindern. Anfangs glaubte ich, nichts damit zu tun zu haben, doch das weitere Familienleben war fortan geprägt durch eine grundlegende, tief greifende Änderung meiner bisherigen Lebensweise. Ohne näher auf diese meine besten zehn Jahre, die mich dieser Hund „kostete“, eingehen zu wollen, möchte ich doch am Rande ein paar Gedanken zu diesem Thema loswerden. So ein niedliches, kuscheliges irisches Setterlein bleibt nicht niedlich. Es entwickelt sich schneller als man denkt in ein recht grosses, seinen täglich grossen Auslauf forderndes Ungeheuer, dessen Begleiter immer öfters der Jagdtrieb wird. Irgendwann bekommst du zu Recht Ärger mit einem deiner bis dahin so freundlichen Nachbarn, wenn sich der Hund auf seinem Grundstück tummelt. Du errichtest einen Zaun. Du gehst mit ihm zum Hundedressurplatz, du stehst morgens noch früher auf, um mit ihm noch vor der Arbeit Gassi zu gehen. Du suchst ihn in den umliegenden Ortschaften, wenn er wieder mal die nicht abgeschlossene Haustüre selbst geöffnet hat um einer läufigen Hündin seine Aufwartung zu machen. Du schaffst dir einen gebrauchten Wohnwagen an, da ja nun der Hund auch mit in Urlaub fahren soll. Du kommst nach langer Fahrt in Spanien an, gehst mit dem Hund in der Nähe des schönen Campingplatzes zum ersten Mal Gassi und dieses Vieh sieht als erstes Ziel einen Schweinemisthaufen und wälzt sich darin mit Vergnügen. Ihn und sein langes Fell wieder sauber zu bekommen, bedarf mehrerer Tage wiederholtes waschen, einseifen und bürsten. Danach stinkt er immer noch so penetrant, dass es dir kotzübel wird. Du rennst in Spanien morgens um sechs mit dem Hund am Strand entlang, damit er die anderen Camper mit seinem Gebell nicht aufweckt. Dazu kamen die Winterurlaube im Montafon. Sie verliefen hundegerecht. Kurzum, du passt dein ganzes Leben dem Hund an. Du machst dich offiziell zum Sklaven und zum Narren zugleich. Auf der anderen Seite ist ein Hund so ein feinfühliges Geschöpf, das instinktiv in der Lage ist, zwischenmenschliche Beziehungen situationsbezogen auszuloten und seine Bedürfnisse entsprechend zu zügeln. Er spürte genau, wenn der Haussegen etwas aus dem Gleichgewicht zu kommen drohte. Wenn sich zwischen mir und meiner Frau dicke Luft befand, lag unser temperamentvoller „Pancho“ auf seinem Platz, seine Schnauze fest auf den Fliesenboden in der Diele gedrückt, mucksmäuschenstill. Er sprang an keinem von uns beiden hoch um nach Auslauf zu betteln. Seine braunen, sonst feurigen, ausdrucksvollen Augen waren zu melancholischen Gucklöchern verkommen. Stumm bewegte er seine Augen abwechselnd von meinen Augen zu denen meiner Frau, ohne dabei seinen Kopf zu bewegen, als ob er uns beiden signalisieren wollte – ich leide mit euch oder euretwegen, vertragt euch doch bitte um meinetwillen. Es gibt immer mehr Menschen, die so richtige Hundeliebhaber sind oder geworden sind. So weit kam es bei mir nicht. Nach zehn Jahren Hund kam für uns überraschend der Abschied. Wieder mal war er ausgebüchst und rannte seinem Jagdtrieb hörig in ein Auto. Seine Hüfte war irreparabel zerstört. Wir mussten ihn schweren Herzens zum Tierarzt bringen und einschläfern lassen. Dass diese Prozedur, liebevoll durch den Veterinär eingeleitet, mich und meine Frau zu Tränen rührte, hätte ich mir vorher nicht vorstellen können. Mir ist nicht in Erinnerung wie unsere Kinder darauf reagierten. Unsere Tochter hatte damals einen neuen Freund und unser Sohn war anderweitig abgelenkt. Wir waren uns alle einig, dass die Ära Hund nicht fortgeführt wird.

Meine Frau spielte Tennis und war Gründungsmitglied in meiner Heimatgemeinde. Ich selbst spielte hin und wieder mit ihr, das Tennisfieber hat mich aber nie gepackt. Bei Festivitäten liess ich mich ab und zu blicken um bei entsprechender Geselligkeit ein paar Sprudel zu trinken. So begab es sich, dass ich eines Freitags abends mit dem Rennrad meines Sohnes einen Abstecher im Tennisheim machte. Ich trat den Berg hoch. So kurz vor dem Bahnübergang stand ein Lastwagen geparkt auf der Strasse unter einer Laterne. Ich dachte mir noch: „Wenn du später in der Dunkelheit heimfährst, musst du auf diesen Lastwagen aufpassen“. Als ich heimfuhr war es bereits dunkel, es nieselte und fing bald an zu regnen. Es ging bergab, ich zog meine Schirmmütze tief ins Gesicht, um damit die Regentropfen von meiner Brille abzuhalten. So ging mein Blick nur wenige Meter nach vorne. Nun kam mir plötzlich der Lastwagen in den Sinn, den ich bald erreichen würde. Ich nahm meinen Kopf hoch und da war er auch schon. Ich hatte nicht die kleinste Möglichkeit auszuweichen oder zu bremsen. Instinktiv riss ich beide Arme hoch und verschränkte sie vor meinem Kopf. Dann tat es einen Schlag, der LKW gab keinen Zentimeter nach, ich fiel auf die Strasse und sah die berühmten Sterne. Ich rappelte mich auf, bog den Lenker gerade, legte die abgesprungene Kette wieder auf und wollte wieder aufsitzen. Eine Clubkameradin, die mit dem Auto hinter mir fuhr, hielt an und bemerkte eine blutende Wunde an meinem Kopf. Sie bot mir an, mich nach Hause zu fahren. Ich lehnte ab und fuhr die restlichen drei Kilometer auf dem verbogenen Rennrad nach Hause. Dort bemerkte ich eine Blutspur hinunter bis zu den Schuhen. Dann warf ich meine schmutzigen Kleider in die Ecke, wusch mich, stillte die Wunde und legte mich ins Bett als sei nichts gewesen. Am nächsten Morgen wollte ich früh ins Büro, ich konnte mich nur mit Mühe anziehen, denn mein rechter Arm schmerzte und ich konnte ihn nicht hoch heben. Als ich ins Auto stieg, konnte ich keinen Gang einlegen. Nun musste ich dieses „Missgeschick“ meiner Holden beichten. Sie brachte mich ins Krankenhaus. Ich wurde geröntgt, es war zum Glück nichts gebrochen. Prellungen an Schulter und an den Armen. Das Loch im Kopf brauchte nicht genäht werden. Wieder hatte ich einen wunderbaren Schutzengel. Eine halbe Sekunde später hoch geschaut, ich hätte nicht mal mehr meine Arme vor den Kopf gebracht. Nun kannte ich die Härte eines Lastwagenhinterteils.

Meine Mutter kannte ich all die Jahre als sensible, schüchterne, ja fast ängstliche Frau. Nur nirgendwo anecken, immer nach Harmonie streben, immer zurück stecken, die eigenen Bedürfnisse ganz hinten anstellen, sich niemandem aufdrängen, stets gläubig, religiös, ihr Schicksal hinnehmend. So muss das Leben wohl sein, Gott gegeben. So nahm sie auch ihren Brustkrebs an, mit einseitiger Totaloperation. Sie hat sehr darunter gelitten und brauchte viel Zeit, sich zu regenerieren. Solche Zäsuren im Leben eines Menschen fordern zum Nachdenken und zum Überdenken des bisherigen und des kommenden Daseins.

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